
- Darstellung eines Kelchs mit Hostie - Hans Heindl/pixelio.de
In Dan Browns Bestseller Sakrileg (org. Titel The Da Vinci Code) und dem gleichnamigen Film sind Hinweise für die angebliche Liebesbeziehung von Jesus und Maria Magdalena im berühmten Gemälde ‚Das letzte Abendmahl’ von Leonardo da Vinci verborgen. Damit löste Sakrileg eine Welle der Empörung aus. Eine genauere Untersuchung zeigt aber, dass diese Deutung und auch andere Aussagen im Roman völlig an den Haaren herbeigezogen sind. Zum Verständnis sind nur ein paar Erklärungen und einige Passagen aus der Bibel erforderlich.
Der Moment der Verratsankündigung
Leonardo da Vincis Gemälde ist anscheinend eine Anspielung auf die Szene im Johannesevangelium, in der Jesus ankündigt, von einem der Jünger verraten zu werden. Das besagte Evangelium beschreibt einen Teil der Szene folgendermaßen: „…Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?“ (Joh. 13, 21-25). Die sich fragend anblickende Personengruppe, vom Betrachter aus, ganz rechts und auch die Dreiergruppe ganz links auf dem Gemälde vermitteln genau diesen Eindruck der Ratlosigkeit. Daneben ist bei ihnen auch ein Ausdruck der Aufregung, der Empörung sowie des Entsetzens zu erkennen.
Sicherlich übernimmt das Gemälde außerdem Gegebenheiten aus dem Matthäus- oder Markusevangelium. Das kann man an den drei Figuren, aus Sicht des Betrachters, rechts von Jesus erkennen: „[Die Jünger waren] sehr betroffen und einer nach dem anderen fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?“ (Mt. 26,22; siehe auch Mk. 14,19). Um genau diese Frage zu stellen, scheinen die Drei auf dem Gemälde aufgeregt an Jesus heranzutreten, während, links von Jesus, sich ein älterer Mann einer weiblich wirkenden und verhalten reagierenden Gestalt zuwendet und sich eine andere Figur auffällig vorbeugt. Letztere ist eindeutig Judas, der Verräter. Obwohl sich Judas wie alle anderen Jünger am Tisch befindet, setzt er sich durch seine vorgebeugte Haltung und seinen sehr weit nach links geneigten Kopf von den erwähnten Figurengruppen ab. In seiner rechten Hand befindet sich zudem ein Geldbeutel. Er ist also gemäß den Evangelien im Besitz der Kasse oder dem Verräterlohn vom Hohepriester.
An der Seite von Jesus ist… Johannes
Auf dem Gemälde ist der in der Mitte sitzende Jesus von jeweils 6 Figuren an der rechten und linken Seite umgeben. Es muss sich demnach um seine zwölf Jünger, inklusive des Verräters Judas, oder seinem engerem Jüngerkreis, mit denen er auch laut den Evangelien das letzte Abendmahl feierte, handeln. Sie sind alle mit Hilfe von guten kunstgeschichtlichen Büchern über dieses Gemälde identifizierbar. Nach Dan Browns Sakrileg ist jedoch die zurückhaltend wirkende Figur links neben Jesus Maria Magdalena, die eine von der katholischen Kirche vertuschte Beziehung mit Jesus hatte und ihm Nachwuchs gebar. Nun stellt sich aber wiederum die Frage, welcher der Jünger auf dem Gemälde anstelle von Maria Magdalena ausgelassen wurde. Bezieht man die oben zitierte Stelle aus dem Johannesevangelium ein, liegt die Antwort auf der Hand. Die Figur neben Jesus ist nämlich nicht Maria Magdalena, sondern Johannes, nach der Tradition, der Apostel und Verfasser des oben genannten Evangeliums.
Johannes wird in der Kunst des Spätmittelalters- und der frühen Neuzeit häufig als Jüngling mit femininen Zügen dargestellt. Insofern wirkt Leonards Darstellung von ihm nicht weiter verwunderlich. Generell deutet Leonardos Gemälde wohl auf die oben angeführte Passage im Johannesevangelium hin, in welcher der (wie in vielen anderen Bildnissen) als älterer Mann abgebildete Simon Petrus Johannes signalisiert, Jesus zu fragen, wer der Verräter ist. Browns Roman behauptet allerdings, die Darstellung des Petrus in diesem Gemälde suggeriert folgende Absicht: Er will die Frau an Jesus Seite ermorden, damit er nicht in der Hierarchie der Jünger hinter Maria Magdalena fällt. Solch eine Behauptung ist völlig aus der Luft gegriffen, zumal auch Dolch in Petrus’ rechter Hand nicht auf Johannes (laut Sakrileg Maria Magdalena) zeigt, sondern in die entgegengesetzte Richtung.
Christus ist im Zentrum, und nicht der Gral
Die weiteren Theorien in Browns Roman wirken auch recht auf den Plot zugeschnitten. So soll beispielsweise der Raum zwischen Johannes bzw. im Roman Maria Magdalena und Jesus ein V-artiges Zeichen ergeben. Dies ist, Browns Roman zufolge, das von Leonardo versteckte Symbol der göttlichen Weiblichkeit sowie der Fruchtbarkeit. Ferner weist dieses Symbol auf den wirklichen heiligen Gral, Maria Magdalena, hin. Sie zeugte, nach dem Plot von Sakrileg, gemeinsam mit Jesus Kinder. Auf dem Tisch in Leonardos Gemälde, so vermerkt der Roman, sind zwar 13. kleine Gefäße, doch dort befindet sich kein hervorstechender Abendmahlskelch. Vor dem Hintergrund der Überlieferung sowie der Tradition und dem Aspekt, dass sich auf dem Bild neben Jesus in Wirklichkeit der Jünger Johannes befindet, ist jedoch die These von diesem geheimen Code in Leonardos ‚Das Letzte Abendmahl’ ziemlich abstrus und erscheint reichlich konstruiert.
Jesus Christus nimmt auf dem Gemälde eine herausragende Stellung ein. Das wird einerseits durch den Lichteinfall betont. Christus ist des Weiteren mit seiner einladenden Gestik, wie man unschwer erkennen kann, im Zentrum des Bildes oder des Abendmahlssaals und im Zentrum laufen außerdem alle Linien des Raumes zusammen. Insgesamt ist die Theorie im Roman ein klarer Angriff gegen die Traditionen der katholischen Kirche und das Papsttum. Nichtsdestotrotz enthält Leonardos Gemälde tatsächlich weder einen „Da Vinci Code“ noch ein Sakrileg (lat. sacrilegium „Tempelraub“) bzw. ein Vergehen gegen etwas Heiliges.
Literatur:
Brown, Dan: The Da Vinci Code, London: Transworld Publishers 2004 [2003].
Zöllner; Frank: Leonardo da Vinci. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen, Köln: TASCHEN 2007.
