Das letzte Gespräch zwischen Vincent van Gogh und Theo van Gogh

Sonnenblumenfeld im Sommer - Christine Rödel
Sonnenblumenfeld im Sommer - Christine Rödel
Vincent van Gogh liegt im Sterben. Die Stationen reichen von der Illusion einer besseren Welt, der erfüllten Sehnsucht nach Liebe bis hin zu guten Bildern.

Das letzte Gespräch zwischen dem Maler Vincent van Gogh und seinem Bruder Theo van Gogh spielt sich in Auvers ab. Vincent liegt mit einer Kugel im Bauch auf dem Bett. Sein Hausarzt verweist gelassen auf den intakten Einschusskanal.

Wichtigste Stationen im Leben von Vincent van Gogh

Das Gespräch ist ein Aufflammen von Erinnerungen, eine Reise zu den für Vincent wichtigsten Stationen seines Lebens. Verbittert und immer noch unverstanden, weiß er dennoch von seinem Glück, als Sterbender einen Zuhörer zu haben. Theo, der seinen Bruder über alles liebt, verkraftet den Wust von angestauter Qual, Gedanken und Erinnerungen nur schwer und versucht ihn trotz der Hoffnungslosigkeit auch jetzt wieder zu retten. Doch da ist nichts zu retten. Dieser Versuch entpuppt sich als lebenslange Selbsttäuschung. Die harte Ausdrucksweise und die ebenso harte Selbstkritik, an der Vincent van Gogh fast zu verbluten scheint, verkraftet Theo nur schlecht.

Weniger Selbstmitleid als Selbstmissachtung sieht sich der Künstler als räudigen Hund, der nur im Wege stehe. Van Gogh wollte doch nur zu den anderen, einfach dazu gehören, suchte die Liebe.

Vincent van Gogh findet scheinbare Rettung in den Farben

Der Schädel, wie sich die schonungslose Bezeichnung von Vincent durch die Beschreibung des letzten Gespräches zieht, wandelt zum Schluss in den Totenschädel um. Der Einschusskanal ist intakt, aber eine Kleinigkeit übersehe Dr. Gachet, nämlich, dass Vincent selbst nicht intakt sei. Wie fühlte er sich geborgen in der Irrenanstalt in Saint Remy. Da gab es keine Einsamkeit für ihn, da war er zuhause zwischen denen, für die die Welt untergegangen war, die jetzt die Sonne stellen wollten. Er war nicht mehr der Verrückte. Er war der Maler und er durfte malen, den Garten, sie Zypressen, das Feld, die Sonne.

Das ständige Unterwegssein und der Flucht vor sich selbst, finden ihre Rettung lediglich in den Farben, wenn auch nur eine scheinbare Rettung.

Die Bäckerin Brionne und Sien, die Hure

Wie ein Hauch schleichen sich die Erinnerungen an die mütterlich besorgte Bäckersfrau Brionne, ins Krankenzimmer. Sein Dahinvegetieren und der Drang zum Malen treffen nicht auf das für Vincent erwünschte Verständnis, schon gar nicht, dass er in seinen Bildern die Armut personifiziert. Theo hingegen weiß, warum sein Bruder so leben musste, wie er lebt, weil er die Dinge bis auf dessen Wurzel ergründen musste, ohne dem es keine Befriedigung gegeben hätte.

Auch Sien, die Hure, taucht in seinen Visionen am Sterbebett auf. Es war nicht die Familie, die er sich erträumte, aber sie war besonders, wenn auch von seiner Familie lediglich Theo Verständnis aufbrachte. Sein Bruder verstand nur zu gut, dass Vincent dieses Verhältnis eingehen musste, nachdem er von der Frau, die er wahrhaftig liebte, zurückgewiesen wurde.

Vincent van Gogh als Kunsthändler in der Galerie Goupil in Paris

Ein sich erinnernder Streifzug führt nach Paris in die Galerie Goupil, wo Vincent als Kunsthändler arbeitete und von dem Inhaber hinausgeworfen wurde. Der Künstler habe den Kunden zu deutlich gesagt, dass sie einen schlechten Kunstgeschmack haben und riet anderen von dem Kauf der neusten Erwerbungen in der Galerie ab. Der Galerist konfrontierte Vincent mit der Frage, ob er verrückt geworden sei, woraufhin dieser entgegnete, dass er nicht verrückt sei, nur weil er die Wahrheit sage. Kunsthandel, wie ihn Goupil betreibe sei Gewinnsucht und Gewinnsucht sei lediglich eine bessere Form von Diebstahl. Es könne nicht sein, dass die neuen begabten Maler hungern müssen, da ihre Arbeiten nicht zum Verkauf ausgestellt werden, nur weil das Publikum aus lauter Trägheit sich nicht für sie interessiere.

Theo prognostizierte, dass Vincents Bilder in Weltausstellungen hängen werden

Vincent erregt sich mit jeder Erinnerung. Theo versucht, ihn zu beruhigen. Doch das einzig Beruhigende während des letzten Gespräches zwischen den Beiden, sind die regelmäßigen Bitten Vincents nach Feuer, damit er seine letzte Pfeiffe immer wieder anzünden könne. Theo war überzeugt, dass Vincents Gemälde in großen Weltausstellungen hängen werden. Vincent, in seinem Loch gefangen, war überzeugt, dass sie, wie er selbst, in Löchern vermodern werde.

Nichts war in seinen Augen gut genug. Die Sonnenblumen hatte er abgewaschen, so verschmelzen die Farben untereinander besser und sprangen ihn nicht mehr so an. Fünfzig Jahre weiter, wäre er imstande gute Bilder zu malen, wenn es dann überhaupt noch jemanden interessieren würde, prognostizierte er im Sterben liegend.

Hausarzt Gachet vertont Bild von dem Maler

An dem sterbenden inneren Auge zogen die Nachbarin vorbei, deren Vorzüge nur der Künstler sah. Sie sei eine Cremona-Geige gewesen, ein seltenes Exemplar, was nur vom stümperhaften Ausbessern verdorben worden sei. Vincent hingegen, habe sie zum Klingen gebracht.

Es folgt der gemeinsame Spaziergang in der Kindheit mit Theo und der längst zerschlagenen Illusion, dass, wenn sich in jedem Land lediglich zwanzig Menschen fänden, die sich dem Wahren und dem Guten widmen, dass dann die Welt besser werde.

Der unterkühlt wirkende Hausarzt Gachet weiß um das Genie, das er umsorgt. Seine Bilder seien Heldengesänge, so Gachet, der sich daran machte, einige Bilder von van Gogh zu vertonen, wie unter anderem die Arelsierin. Van Gogh sei nicht krank, er habe Künstlerlaunen und die seien ihm zugestanden. Die Krankheit sei im Süden geblieben. Es ist schwer zu sagen, ob mit diesen Aussagen aus Gachet der Galgenhumor spricht oder dessen Gelassenheit.

Die letzten Worte von Vincent van Gogh

Beim Sterben schwinden Raum und Zeit. Wortfetzen durchdringen das mit Schweiß überströmte All. "Wenigstens eine Haushenne, Theo. Man muss doch einen Menschen haben. Nicht mehr lachen Gauguin, nein, nicht mehr Glas schneiden. Andere Barrikade...Windmühle.." dringt es aus Vincent van Gogh, wie bei einem kleinen Kind. "Ich möchte jetzt heimgehen Theo. Die Traurigkeit endet nie..." nach diesen Worten starb Vincent van Gogh, sechs Monate später sein Bruder Theo.

Quelle: Fritz Gay "Das letzte Gespräch des Vincent van Gogh", Wolfgang Jess Verlag Dresden, 1951,

Christine Rödel, Christine Rödel

Christine Rödel - Ich bin in Thüringen geboren und aufgewachsen. Mitte der achtziger Jahre genügte der sich immer mehr verengende Radius nicht ...

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