
- Lübecker Literaturmuseum Buddenbrookhaus von 1758 - Andrea Reidt
Der Name „Buddenbrookhaus“ führt den Lübecktouristen eigentlich in die Irre. Es handelt sich nämlich nicht um ein Literaturmuseum, das sich ausschließlich dem frühen Roman Thomas Manns aus dem Jahre 1901 widmet, für das er 28 Jahre später den Literaturnobelpreis bekommen sollte. Vielmehr bietet das 1758 fertiggestellte „Crollsche Haus“ auf mehreren Etagen mit Fotos, Dokumenten, Möbeln, Gegenständen und Filmaufnahmen eine ausführliche, fundierte und dennoch übersichtliche Gesamtschau der Familiengeschichte der Manns und Einblicke in die Biografien und Werke der Vorfahren, Geschwister, Kinder und sogar Enkel der berühmten deutschen Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann.
"Die Buddenbrooks" – ein Jahrhundertroman
Wer die „Buddenbrooks“ also noch nicht gelesen oder die Handlung wieder vergessen hat oder „nur“ die neue Verfilmung durch Heinrich Breloer 2008 kennt, der sollte bloß keine Schwellenangst vor bildungsbürgerlichem Dünkel entwickeln, der Besuch lohnt allemal. Für Studierende der deutschsprachigen Literatur, auch für leidenschaftliche Leser und für Lübecker Bürger ohnehin sollte ein Besuch in der Mengstraße 4 zum (sehr angenehmen) Pflichtprogramm gehören. Neben einer Spezialbibliothek, einem Archiv und diversen Sammlungen beherbergt das Haus zwei spannende Dauerausstellungen: „Die Manns – eine Schriftstellerfamilie“ und „Die ‚Buddenbrooks‘ – ein Jahrhundertroman“.
Die Manns – eine Schriftstellerfamilie
Das repräsentative Museumsgebäude befindet sich gegenüber der Sankt-Marienkirche. Der Bauherr Johann Michael Croll bewohnte es im 18. Jahrhundert. Sein Sohn verkaufte es an den Kaufmann Johann Siegmund Mann junior, dessen zweite Ehefrau Elisabeth Marty die Großmutter von Thomas und Heinrich Mann sowie ihrer drei Geschwister war. Die junge Familie wohnte in einem anderen Haus, in der Mengstraße 4 befand sich damals der Firmensitz, und die Großmutter lebte dort bis zu ihrem Tod.
"Buddenbrooks" lassen Familiengeschichte aufleben
Thomas Mann benutzt für „Die Buddenbrooks“ das alte Familienanwesen als Schauplatzvorlage. Die Figuren Tony, Christian und Clara Buddenbrook entwickelte er nach dem Vorbild der Geschwister des Vaters: Elisabeth, Friedrich und Olga Mann. Die im Buch beschriebenen Ereignisse haben aber auch mit markante Parallelen in Thomas Manns eigenem Erleben. Ein Beispiel: Sein Vater, Senator Thomas Johann Heinrich Mann, der plötzlich im Jahr 1891 starb, hatte – wie der alte Buddenbrook im Roman – in seinem Testament den Verkauf der Firma angeordnet, weil keiner seiner Söhne ihm geeignet schien, das Unternehmen fortzuführen. Das Haus in der Mengstraße 4 war zu diesem Zeitpunkt ohnehin bereits verkauft. Ehefrau Julia Mann zog mit den drei jüngeren Kindern nach München, Heinrich (geb. 1871) und Thomas (geb. 1875) waren erwachsen.
Sammelstelle aller Mann-Biografien
„Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über uns – nicht nur über einzelne von uns – schreiben.“ Klaus Mann, ebenso Schriftsteller wie sein Vater Thomas, prophezeite es korrekt, nur an eine Verfilmung wird er noch nicht geglaubt haben. Das Lübecker Buddenbrookhaus, eigentlich müsste es Mann-Haus heißen, stellt einen bedeutenden Sammelpunkt aller interessanten Biografien der Mannschen Sippe dar. Die Lebenswege, das Denken, die Auseinandersetzungen, das politische Engagement, die Reisen, die Emigration, die privaten Verstrickungen, die Werke und ihre Entstehung und ein Teil der Werkrezeption – kaum etwas wurde von den Dokumentaristen und Museumsmanagern ausgelassen.
Söhne und Töchter: Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth, Michael Mann
Zusätzlich zu den beiden Größen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, Heinrich Mann („Der Untertan“ oder „Professor Unrat“ als Vorlage für den Film "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich) und Thomas Mann („Der Zauberberg“, „Tod in Venedig“, „Mario und der Zauberer“, „Doktor Faustus“) erhält der Museumsbesucher viele Informationen über die sechs Kinder des Nobelpreisträgers und deren literarisch-intellektuelles Werk. Es gibt nur wenige Publikationen und Ausstellungsstätten, in denen ihre Biografien gemeinsam und übersichtlich zu finden sind. Nicht alle traten in die Fußstapfen des berühmten Vaters, alle jedoch waren lebenslang stark geprägt von dessen Persönlichkeit, wie die Liste ihrer Tätigkeiten beweist:
- Erika Mann (1905-1969): Schauspielerin, Kabarettistin, Schriftstellerin, Kriegsberichterstatterin, Redenschreiberin, zeitweise verheiratet mit Gustav Gründgens, Nachlassverwalterin des väterlichen Werks.
- Klaus Mann (1906-1949): Dramatiker, Schauspieler, Herausgeber der Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung“, Autor des Romans „Mephisto“, im Dienst der US-Armee, Suizid.
- Golo Mann (1909-1994): Historiker, promovierte bei dem Philosophen Karl Jaspers, trat ebenfalls in die US-Armee ein und wurde als Radiojournalist nach Europa entsandt, Professor, Autor der „Deutschen Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts“ und der Biografie „Wallenstein“.
- Monika Mann (1910-1992): Klavierstudium, Feuilletonistin, Erzählerin, lebte ihre letzten 30 Jahre auf der Insel Capri.
- Elisabeth Mann Borgese (1918-2002): Pianistin, Mitarbeiterin ihres Ehemannes, des italienischen Schriftstellers Giuseppe Antonio Borgese bis zu dessen Tod 1952, einziges weibliches Gründungsmitglied des „Club of Rome“, Professorin für internationales Seerecht an der Universität Halifax. Einen eindrucksvollen Auftritt hatte Elisabeth Mann Borgese als einziges noch lebende Kind Thomas Manns in dem halb fiktionalen, halb dokumentarischen TV-Vierteiler „Die Manns“ von Heinrich Breloer auf.
- Michael Mann (1919-1977): Bratschist, Orchestermitglied im San Francisco Symphony Orchestra, Solistenkarriere bis 1957, in zweiter Karriere Germanistikprofessor an der University of Berkeley, Herausgeber der Tagesbücher von Thomas Mann.
Öffnungszeiten des Buddenbrookhauses: April – Dezember Mo-So 10-18 Uhr, Januar bis März Mo-So 11-17 Uhr. Eintritt für Erwachsene: fünf Euro.
