Das Lotos-Sutra

Lotos-Sutra - Frank Escamilla
Lotos-Sutra - Frank Escamilla
Neben dem Diamant-Sutra gehört das Lotos-Sutra zu den wichtigsten Lehrtexten des Mahayana-Buddhismus. Was genau ist dieser Lehrtext und um was geht es?

Es wird angenommen, dass das Lotos-Sutra zwischen dem zweiten Jahrhundert vor und dem zweiten Jahrhundert nach Christus in seiner ersten Form aus den verschiedenen Lehren des historischen Buddha (Siddhartha Gautama) entstanden ist. Im antiken Königreich Kucha, welches sich nördlich der Taklamakan-Wüste befunden hat, nahm sich der Gelehrte Sûryasoma dem Lotos-Sutra an und setzte es in einer Form zusammen die noch heute überliefert ist. Nach seinem Tod gab Sûryasoma das Lotos-Sutra an seinen Schüler Kumarajiva (343 - 413 nach Christus) weiter. Er war der Erste, der das Lotos-Sutra aus dem Sanskrit in die chinesische Sprache übersetzte. Von dort aus setzte das Sutra seine Erfolgsgeschichte nicht nur im Fernen Osten fort, sondern auch in der westlichen Welt.

Der Autor des Lotos-Sutra

Ähnlich wie dies bei vielen anderen Lehrtexten – nicht nur im Buddhismus – der Fall ist, kann für die originäre Arbeit am Lotos-Sutra kein einzelner Autor angeführt werden, sieht man davon ab, dass ein Großteil des Inhalts auf Lehrreden des historischen Buddha aufbaut. Der japanische Gelehrte Hajime Nakamura (1912 - 1999), der als Experte des Sanskrit und des Buddhismus galt und der erste war der den kompletten Pali-Kanon ins Japanische übersetzte, gab in seinem Buch „Indian Buddhism“ seiner Überzeugung Ausdruck, dass die Urform des Lotos-Sutra bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. verfasst wurde und seit dem Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in der uns heute bekannten Fassung in Umlauf gebracht wurde.

Die chinesische Übersetzung des Lotos-Sutra

Abgesehen von den zahlreichen Übersetzungen des Lotos-Sutra, die mittlerweile überall in der Welt verfügbar sind, gilt die chinesische Übersetzung von Kumarajiva aus dem Jahre 406 nach Christus als die Version, die nicht nur am populärsten ist, sondern auf der auch die meisten anderen Kommentare und Übersetzungen basieren. In dieser Form ist das Lotos-Sutra die Grundlage vieler buddhistischen Schulen, so zum Beispiel dem japanischen Nichiren-Buddhismus, der Tendai-shu und der chinesischen Tiantai zong. Viele andere buddhistischen Strömungen und Schulen, wie beispielsweise der Amitabha-Buddhismus oder auch die Zen-Lehre, haben elementare Bestandteile des Lotos-Sutra in die eigene Philosophie mit einfließen lassen.

Inhalt des Lotos-Sutra

Abgesehen von der chinesischen Form – in der es auch noch ein 29. Kapitel gibt – besteht das Lotos-Sutra aus 28 Kapiteln. Es unterscheidet sich in einigen wichtigen Punkten von anderen Lehrtexten des Buddhismus, so zum Beispiel auch vom Pali-Kanon. In seiner Kernaussage behandelt das Lotos-Sutra nicht die Erleuchtung des Einzelnen und den Weg dorthin, sondern bemüht sich viel mehr um einen globalen Kontext. Es geht um die Befreiung aller Menschen vom Leid und der Anhaftung, wobei auch hier das Individuum als Keimzelle angesehen wird. Im Lotos-Sutra ist die zentrale Figur der historische Buddha, es wird jedoch davon ausgegangen, dass Siddhartha Gautama nicht erst in diesem Leben die Buddhaschaft erreichte, sondern sehr viel früher. Dies macht ihn zu einer geschichts- und zeitübergreifenden Figur, wie sie sonst in kaum einem anderen Lehrtext dargestellt wird. Die 28 Kapitel sind grob in zwei inhaltliche Partien geteilt, wobei diese Gliederung erst der chinesische Mönch und Gelehrte T'ien-t'ai Ta Shih im 6. Jahrhundert nach Christus vornahm. In den ersten vierzehn Kapiteln geht es um Siddhartha Gautama, sein Leben, seine menschliche Form. In den letzten vierzehn Kapiteln dreht sich alles um den historischen Buddha in seiner zeitlosen, übermenschlichen, transzendenten Form.

Das Testament Buddhas

Durch seinen Inhalt und die Art und Weise, wie es dargeboten wird, gilt das Lotos-Sutra für viele Buddhisten als eine Art Testament des historischen Buddha und neben dem Pali-Kanon als der Lehrtext, der die Lehren Buddhas am ursprünglichsten wiedergibt. Auch wenn es viele Grundlagen des Buddhismus, so zum Beispiel die Vier edlen Wahrheiten, nur bruchstückhaft behandelt, kann das Lotos-Sutra durchaus zu einem der wichtigsten Texte des Buddhismus gerechnet werden.

Quellen:

  • Prof. Wing-tsit Chan: The Lotos Sutra
  • William H. Swatos: Encyclopedia of religion and society
  • Yukio Matsudo: Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra
  • Margareta von Borsig: Lotos-Sutra. Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus
Andreas Schnell, Andreas Schnell

Andreas Schnell - Andreas Schnell ist freier Autor / Journalist und lebt gemeinsam mit seiner Frau und zwei Töchtern in Frankfurt/Main. Redaktionell ...

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