Bei Arbeiten an einer Kiesgrube südlich von Wittstock (Brandenburg) förderten Bagger im Jahr 2007 plötzlich haufenweise alte Knochen zu Tage. Erste archäologische Untersuchungen ergaben, dass es sich bei dem Fund um ein Massengrab aus Zeiten des 30jährigen Kriegs handelte. Die Grube war insgesamt 6 x 3,5 Meter groß und enthielt etwa 125 ordentlich über- und nebeneinander aufgereihte Skelette, von denen 88 unversehrt in der Erde lagen, während die übrigen durch die Baggerarbeiten zerstört worden waren.
Erstellung einer "biohistorischen Urkunde"
Experten des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege versuchten nun, den erhaltenen Skeletten anhand von aufwendigen Analyseverfahren möglichst viele Informationen zu entlocken. Erschwert wurde ihre Arbeit dadurch, dass die Knochen über mehrere Jahrzehnte chemischen Düngemitteln ausgesetzt gewesen waren. Dennoch legten sich die Experten schnell darauf fest, dass es sich um Soldaten des schwedischen Heers handelte, die unter dem Kommando des Schotten Alexander Leslie im Oktober des Jahres 1636 bei der Schlacht am Scharfenberg ihr Leben lassen mussten.
Bestimmung von Herkunft und Alter
Die Untersuchung der Sauerstoff- und Strontiumisotope in den Knochen lieferte aufschlussreiche Erkenntnisse, da das Anteilsverhältnis von Strontium und Sauerstoff je nach geographischen und klimatischen Begebenheiten variiert. Es zeigte sich, dass nicht nur Schweden, sondern auch Finnen, Balten, Schotten und Deutsche unter den Getöteten waren. Anhand des Knochenbaus ließ sich feststellen, dass die Soldaten zwischen 17 und 40 Jahren alt waren und eine durchschnittliche Körpergröße von 1,70 m aufwiesen.
Auskünfte über Lebenswandel
Die abgenutzten Gelenke der Skelette sprechen dafür, dass lange Fußmärsche mit schwerem Gepäck zum Alltag der Soldaten gehörten. Viele Skelette zeigten zudem Verdickungen an Armen und Beinen - typische Anzeichen für eine Syphiliserkrankung. Bei den meisten Soldaten ließ der Knochenbau darauf schließen, dass sie in der Kindheit an Mangelernährung und Krankheiten gelitten hatten. In den Jahren vor ihrem Tod allerdings schienen sie recht gute Verpflegung erhalten zu haben: Gute Zähne sowie die Zusammensetzung der Rippenknochen sprechen für eine Ernährung aus viel Fleisch, Milch und Eiern.
Gewaltsamer Tod
Das Massengrab enthielt kaum metallische Funde wie Waffen, vermutlich weil diese Plünderungen zum Opfer gefallen waren. Allerdings fanden die Archäologen 24 Bleikugeln, die aller Wahrscheinlichkeit nach in den Körpern der Soldaten gesteckt hatten. Auch wenn die Waffen, mit welchen die Soldaten kämpften, nicht erhalten sind, geben die Knochen doch zumindest Auskunft darüber, durch welche Waffen sie getötet wurden. Mit welch roher Gewalt dies zum Teil geschah, zeigen die Überreste eines 20jährigen Soldaten: Eine Musketenkugel hatte ihn in der Schulter getroffen, eine Hellebarde hatte ihm den Schädel gespaltet, ein Dolch hatte ihm von vorn die Kehle durchbohrt und obendrein hatte vermutlich ein Pferdehuf seinen Unterkiefer zertrümmert.
Das Massengrab bei Wittstock ist das bisher einzig bekannte Zeugnis dieser Art, das auf die Entscheidungsschlacht am Scharfenberg zurückzuführen ist. Zudem ist es das europaweit größte und am besten untersuchte Massengrab des 30jährigen Krieges. Im Frühjahr 2012 zeigt das Landesmuseum Brandenburg die Sonderausstellung "1636 - Ihre letzte Schlacht", in welcher die Ergebnisse der beinahe fünf Jahre andauernden Forschungen präsentiert werden sollen.
Quellen:
- Dietmar Pieper: Geplünderte Tote. In: Der Spiegel Geschichte: Der Dreissigjährige Krieg. Die Ur-Katastrophe der Deutschen. Ausgabe 4/2011
- Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege
