Ohne die Ozeane wären alle anderen Ökosysteme dem Tod geweiht. Denn sie wirken über alle Erdteile hinweg: als Kohlenstoffspeicher, riesige Wärmetanks oder Puffer im kontinentalen Temperaturgefälle. Gleichzeitig erzeugen sie nicht nur fast 75 Prozent des Sauerstoffs auf der Erde und sichern Trinkwasser, sondern regulieren auch das Klima. In diesem artenreichsten und größten Lebensraum unseres Planeten gedeiht eine schillernde Vielfalt von Flora und Fauna. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in den 595.814 Kilometer langen Küstenbereichen der Weltmeere. Dort erntet sie die Früchte der bisher nur zu einem Prozent erforschten Wasserwelten, sucht Erholung oder betreibt Fremdenverkehr.

Pflanzliches Plankton garantiert frische Atemluft

Der unschätzbare Wert des Großökosystems Meer nimmt aber erst Gestalt und Farbe an, wenn Knoten gelöst und Zusammenhänge geknüpft werden: 90 Prozent aller Algen der Ozeane kommen als pflanzliches Plankton vor (zum Beispiel Kieselalgen). Tag für Tag stellen diese unzähligen Kleinstlebewesen den größten Teil des auf der Erde verfügbaren Sauerstoffs her. Dazu spalten sie die im Meer enthaltenen Mineralsalze und den Kohlenstoff bei Sonnenlicht auf. Übrig bleiben Sauerstoff und organische Stoffe, die dann vielen Fischen als Nahrung dienen. Diese Fähigkeit macht pflanzliches Plankton einzigartig, denn kein anderes Lebewesen ist dazu in der Lage. In seiner Monopolstellung als natürlicher Sauerstoffproduzent ist pflanzliches Plankton also unersetzlich.

Die Weltmeere komponieren das Klima

Erst durch Sonnenlicht und -wärme entsteht das Klima. Dabei treffen kalte und warme Luftschichten aufeinander und bringen so Wolken und die für die Vegetation notwendigen Niederschläge. Größere Luftströme mit ausgeprägten Windsystemen beeinflussen sogar Jahreszeiten und Klima, wie zum Beispiel die Monsune des asiatischen Kontinents. Sie treten regelmäßig auf, weil sich dieser Erdteil nach der Wärme des Sommers stärker abkühlt als der Indische oder der Pazifische Ozean. Wie Untersuchungen zeigen, speichert das Meer doppelt soviel Sonnenenergie als Luft oder Landmasse.

Die Eigenschaft des Wassers, seine Temperatur lange zu speichern und erst allmählich wieder abzugeben, macht das Meer zum hochqualifizierten Klima-Regulierungssystem. Als natürliche Wärmflaschen und Puffer entschärfen Ozeane damit allzu große Temperaturschwankungen. Kein Wunder also, dass der größte Teil der Weltbevölkerung im Einzugsbereich der Meere mit milden Wintern und lauen Sommern lebt (Meeresklima, ozeanisches Klima). Dagegen wechseln in meerfernen Landgebieten eisige Winter mit brutheißen Sommern ab (Landklima, Kontinentalklima). Menschen in Zentralasien zum Beispiel oder im Mittelwesten der Vereinigten Staaten von Amerika leiden jedes Jahr unter extremen Temperaturwechseln, weil hier die ausgleichende Klimakraft des Meeres fehlt.

Salzige Meeresströme bremsen Klima und Naturkatastrophen aus

Ohne die gigantischen Meeresströmungen jedoch bliebe das globale Klima unberechenbar. Wie breite Transportbänder spannen sie sich um den ganzen Erdball und scheinen niemals zu versiegen. Mit ihnen pulsieren gewaltige Energiemengen, die sich als kalte Tiefen- oder warme Oberflächenströmungen in den Weltmeeren verteilen. Dabei entscheiden Strömungsrichtung und -druck über den Klimaeinfluss. Von der Erddrehung und beständigen Winden angekurbelt pumpen tropische Meeresströmungen ihre Wärme in den Norden, Kaltströme wie der Labradorstrom ergießen sich dann von dort wieder zurück in den Äquatorbereich. Als warmes Energieband spült beispielsweise der Golfstrom westatlantisches Tropenwasser bis nach Skandinavien hinauf.

Das Salzgefälle hält Meeresströmungen auf klimafreundlichem Kurs

Auf die nun naheliegenden Fragen, warum die Ströme pausenlos in der gleichen Richtung und auf unveränderten Bahnen die Ozeane durchqueren, fanden Wissenschaftler zwei logische Antworten: Verantwortlich dafür sind sowohl der unterschiedliche Salzgehalt der Meere (Salzgefälle) als auch die Wassertemperatur. Denn beide Eigenschaften beeinflussen die Dichte und damit das Gewicht des Wassers.

Im Durchschnitt enthält ein Liter Meerwasser 35,3 Gramm Salz. Unaufhörlich waschen es Wind und Wetter aus Landgestein und Böden, so dass es auf ober- und unterirdischen Wasserwegen allmählich in die Ozeane gespült wird. Nachdem sich überschüssiges Salz dabei auf dem Meeresboden ablagert, bleibt aber der Anteil gelösten Salzes im Wasser zunächst einmal gleich. Steigt oder fällt jedoch die Wassertemperatur, verändert sich der Salzgehalt und damit auch Dichte und Gewicht des Wassers. So weist zum Beispiel der warme Kalifornische Strom im Pazifik einen Salzgehalt von lediglich 32 Gramm pro Liter auf, während der kalte Nordatlantische Strom 35 Gramm pro Liter erreicht.

Das Dreigespann aus Salzgehalt, Temperatur und Wasserdichte führt also nicht nur darüber Regie, wo kalte schwere Tiefen- oder warme leichte Oberflächenströmungen verlaufen. Es reguliert auch ihre Richtung und Stärke. Nach Ansicht von Experten verschieben sich deshalb bei fortschreitender Klimaerwärmung Salzgefälle und Wasserdichte in den Weltmeeren. Das empfindliche Gleichgewicht des Dreigespanns kommt damit ernsthaft ins Wanken, und die Meeresströmungen schwächen sich ab oder versiegen ganz. Klima und Wettergaloppieren dann zügellos über den Globus und hinterlassen verheerende Naturkatastrophen. Doch schon in Zeiten des Klimawandels aufgeheiztes Meerwasser genügt, um nachhaltige Schäden anzurichten: bei über 30 Grad Celsius Wassertemperatur bleichen lebenssprühende Korallenriffe aus oder sterben ab. Sie stehen als bedrohter Lebensraum inzwischen weltweit auf den Roten Listen.