Auf allen Rennstrecken und in allen Rennserien der Welt sind sogenannte Pacecars oder auch Safety-Cars im Einsatz. Sie haben die Aufgabe, regulierend ins Renngeschehen einzugreifen, wenn die Sicherheit der Fahrer gefährdet ist. Dies ist beispielsweise nach einer Karambolage der Fall, nach der Karosserieteile, scharfkantige Trümmer eines Autos oder von Fans geworfene Fremdkörper auf der Strecke liegen. Auch schlechtes Wetter kann eine Safety-Car-Phase auslösen, denn wenn strömender Regen die Sicht unmöglich macht, ist das Leben der Piloten in Gefahr.

In einer solchen Situation schickt die Rennleitung das Safety-Car hinaus, das sich dann an die Spitze eines jeweiligen Rennwagenfeldes setzt und hinter das sich alle Rennwagen einzureihen haben. In dieser Phase eines Rennens gilt Überholverbot. Ist die Gefahr auf der Strecke beseitigt, verschwindet das Safety-Car wieder in der Box und das Rennen wird freigegeben. Für die Formel 1 der Saison 2010 übernahm der Mercedes SLS AMG diese Aufgabe, der mit seinen auffälligen Flügeltüren auf der IAA 2009 vorgestellt wurde.

Der Mercedes SLS AMG als Safety-Car in der Formel 1

Der neue Mercedes-Benz SLS AMG darf sich schon bei seinem Debüt wie ein Sieger fühlen, denn er ist das leistungsstärkste Official F1 Safety-Car aller Zeiten. Sein 6,3-Liter-Achtzylindermotor realisiert eine Höchstleistung von 420 kW (571 PS) und ein maximales Drehmoment von 650 Newtonmetern. Tempo 100 erreicht der Flügeltürer nach 3,8 Sekunden. Schnelle Rundenzeiten leisten zu können sind für das Safety Car ein Muss, denn andernfalls würden die Reifen und Bremsen der Formel-1-Boliden zu stark abkühlen und die Motoren unter Umständen überhitzen.

Der von Bernd Mayländer (38, Deutschland) gesteuerte SLS AMG steht während des gesamten Rennens in der Boxengasse parat. Nach einem Funkspruch von der Rennleitung gehen der ehemalige DTM-Pilot und sein Beifahrer, der FIA-Mitarbeiter Pete Tibbetts (44 Jahre, Großbritannien), auf die Strecke und setzen sich an die Spitze des Feldes, um die Formel-1-Rennwagen um den Kurs zu führen. Motor, Kraftübertragung, Fahrwerk und Bremsanlage des SLS Safety-Cars blieben gegenüber dem serienmäßigen SLS AMG unverändert. Einzige Ausnahme ist der neu entwickelte Endschalldämpfer, der den V8-Hochdrehzahl-Saugmotor freier atmen lässt und den Formel-1-Fans ein noch emotionaleres Sounderlebnis bietet.

Auf dem Dach trägt das Safety-Car einen aerodynamisch optimierten Leuchtbalken mit LED-Technik

Vom Serien-SLS unterscheidet sich das SLS-Safety Car äußerlich durch die F1-Logos, Carbon-Außenspiegel und den charakteristischen Leuchtbalken mit integrierter Fernsehkamera. Er sitzt auf einer neu entwickelten Carbon-Hutze, deren im Windkanal erprobte Form sicherstellt, dass der Heckflügel optimal angeströmt wird. Der Flügel fährt ab 120 km/h automatisch aus und sorgt zusammen mit dem Heckdiffusor für den nötigen Anpressdruck auf der Hinterachse. Im neuen, aerodynamisch besonders günstig gestylten Leuchtbalken übernehmen erstmals LEDs sämtliche Lichtfunktionen. Ihre Vorteile gegenüber den früher eingesetzten Glühbirnen liegen in der besonders schnellen Ansprechzeit und der geringen Stromaufnahme.

Wie geht das Safety-Car bei einem Einsatz vor?

Die beiden zentral positionierten grünen Leuchten im aerodynamisch optimierten Lichtbalken werden aktiviert, wenn sich das Safety Car mitten im Feld einreiht und alle Rennwagen zunächst überholen soll. Sobald der SLS die Führungsposition übernommen hat, signalisieren die äußeren orangen Blinkleuchten den Formel-1-Fahrern absolutes Überholverbot. Die stroboskopartigen Blitzlichter in den Scheinwerfern und Rückleuchten haben eine neutrale Signalfunktion und sind während des Einsatzes immer aktiv. Ein spezielles Nummernschild am Heck mit Safety-Car-Schriftzug und 700 LEDs sorgt bei Dunkelheit oder Regen für zusätzliche Sicherheit. Links vom Nummernschild ist eine Rückfahrkamera integriert; sie ermöglicht der Besatzung des Safety Cars via Monitor im Cockpit einen Blick auf das nachfolgende Formel-1-Feld.

Die Kommandozentrale des SLS AMG Safety-Cars

Zwei zentrale Monitore im Cockpit dienen der Überwachung des Renngeschehens. Links und rechts vom unteren Bildschirm befinden sich die Bedienelemente für das Funksystem, mit dessen Hilfe Bernd Mayländer und Pete Tibbetts mit der Rennleitung sowie untereinander kommunizieren können. Ein zweiter Innenspiegel ermöglicht dem Beifahrer einen Blick auf die Formel-1-Rennwagen. Im Zentraldisplay des Kombi-Instruments und im Deckel des Handschuhfachs ist das sogenannte Marshalling System integriert: Hier sehen Fahrer und Beifahrer exakt die gleichen Signale wie die Formel-1-Fahrer in deren Cockpits. So zeigen die jeweiligen LEDs an, wenn gelbe oder grüne Flaggen geschwenkt werden. Am vorderen Ende der Instrumententafel sind LEDs für den Status des Leuchtbalkens sowie eine Onboard-Kamera angebracht; sie ist auf Bernd Mayländer gerichtet.

Die Bedeutung der SLS AMG für Mercedes-Benz und der Grund für den Einsatz in der Formel 1

Der SLS AMG wird für das Image des Stuttgarter Autobauers immer bedeutender. Die mit diesem Modell realisierte Neuauflage des Flügeltürercoupés 300 SL von 1954 präsentierte Mercedes auf der IAA 2009. Seitdem wurde es in Dubai in der Sonderversion Desert Gold vorgestellt und gewann Preise, wurde auf Events wie der Bambi-Verleihung und der Fashion Week Berlin vorgeführt sowie in einem Werbespot von Michael Schumacher durch eine Tunnelröhre gejagt. Allerdings scheint Schumi hineingeschnitten worden zu sein, denn im Netz gibt es in Langversion auch eine Variante des Spots ohne Schumacher. Billig ist es nicht, sich den SLS zu kaufen: Der Wagen ist bei einem Grundpreis von 177.310 Euro für die eher zahlungskräftige Klientel gedacht.

Doch der SLS AMG spricht auch die Herzen der Fans an und sorgt so für eine positive Grundhaltung gegenüber der Marke, was wiederum dem Verkauf der kleineren Modelle der Marke zuträglich ist. Aus diesem Grunde integriert Mercedes den SLS AMG auch in die Formel 1 – an der der Hersteller mit dem Team Mercedes GP und mit den Fahrern Michael Schumacher und Nico Rosberg selbst teilnimmt – und stellte ihn am 26. Februar 2010 als Pacecar vor. Der Termin für die Markteinführung wurde für den 27. März 2010 festgelegt.

Die Formel 1 startet ihre Saison 2010 im Wüstenstaat Bahrain

Der Flügeltürer löst den SL 63 AMG ab, der 2008 und 2009 als offizielles Safety Car im Einsatz war. Wie in den letzten zwei Jahren wird das C 63 AMG T-Modell als Medical Car auch in der neuen Saison für Sicherheit sorgen. Bereits 1984 kam sporadisch ein AMG E-Klasse Coupé mit V8-Triebwerk als Medical-Car zum Einsatz. Die Aktivitäten des Affalterbacher Unternehmens AMG – einer hundertprozentigen Tochter der Daimler AG – stehen auch für das langfristige Engagement von Mercedes-Benz in der Formel 1, das mit der Verpflichtung von Michael Schumacher und der Gründung des neuen Teams Mercedes GP beim Saisonstart in Bahrain am 14. März 2010 seine Fortsetzung findet.