An der Kupferdreher Straße unweit der heutigen S-Bahn-Station erhebt sich ein Gebäude mit zwei Giebeln und dunkler Bruchsteinfassade, dem jeder Passant das ehemalige Schulgebäude sofort ansieht. Heute residiert hier das „Mineralien-Museum“, eine Außenstelle des Ruhr Museum in Essen-Katernberg (Zeche Zollverein). Eine Schautafel vor dem Eingang aber erzählt dem Besucher die Geschichte des Hauses und eines Stadtteils.
Eine evangelische Volksschule für Hinsbeck
Das Ruhrtal im Jahre 1856: Seit einigen Jahren verbindet die „Deilbach-Bahn“ das Wupper-Tal mit dem aufstrebenden Industriegebiet an der Ruhr. Der alte Kohle- und Erzbergbau (Blei, Zinn, Kupfer) erwacht zu neuer Blüte, allenthalben schießen Fabriken aus dem Boden. Auch die Bauernschaften Hinsbeck und Rodberg, an der Bahnstation „Kopperdrehe“ gelegen, verändern ihr Gesicht. Immer mehr Arbeiter werden hier ansässig.
Doch die lokalen Fabrikanten plagt ein Problem: Der Bildungsstand der Bauern- und Arbeiterkinder dieser Gegend ist nicht der höchste – was Wunder, ist die nächste Volksschule ja kilometerweit entfernt. Deshalb wird auf Initiative unter anderem der Spinnerei Cölsmann und der Kupferhammer-Betreiber an der Hauptstraße von Hinsbeck ein Grundstück gepachtet und darauf ein schmuckloses, zweistöckiges Bruchsteingebäude hochgezogen, groß genug für vier Klassenräume. Dies also ist die neue evangelische Volksschule von Hinsbeck.
Kupferdreh wird zusammengeschmiedet
Zur Jahrhundertwende ist aus dem wilden Ruhrtal ein Industrierevier geworden. Anno 1875 wurden Rodberg, Dilldorf und Hinsbeck hochoffiziell zur Gemeinde „Kupferdreh“ vereinigt. Neben der namensgebenden Bahnstation (der Name stammt ursprünglich von der scharfen 180-Grad-Kurve der Ruhr, worin sich eine Ladestelle für die Erzstollen befand) arbeitet ein Bahnbetriebswerk. In Kupferdreh betreibt die „Phönix AG“ ein Hüttenwerk, dessen Schlacke in der benachbarten Zementfabrik Verwendung findet. Bekohlt werden beide Anlagen von einem halben Dutzend Tiefbau-Zechen. – Kurzum: Die Bevölkerungszahl im Ruhrtal ist kräftig gestiegen und mit ihr die Zahl der Kinder. Deshalb wird die Volksschule an der Hinsbecker Straße um zwei Giebelhäuser erweitert und führt nun acht Klassen.
Dreißig Jahre später ist der Gründer-Rausch im Ruhrtal verflogen. Schon kurz nach 1900 waren manche lokale Bergwerke kurzerhand dichtgemacht worden, um den Kohlepreis zu manipulieren, wie überall im Ruhrtal. Im Jahr 1914, noch vor Kriegsausbruch, legte die Phönix ihre Hochöfen still, weil sie von einem größeren Konzern aus Dortmund geschluckt worden war. Nach dem verlorenen Krieg machten Versailles und Ruhrbesetzung der Wirtschaft schwer zu schaffen – und mit den verbliebenen Fabriken räumte ab 1929 die Weltwirtschaftskrise auf. Im gleichen Jahr wird Kupferdreh zum Vorort der Großstadt Essen degradiert. Es ist eine Zeit der Enttäuschung, der Armut, des tiefsten Elends – und die Stunde der NSDAP. Nach 1933 richtet die neue Regierung ihr lokales Parteibüro in der Volksschule ein. Ihr Name „Hinsbeckschule“ wird von dem (katholischen) Neubau an der Schwermannstraße übernommen. Nach dem Krieg wird das „Haus der NSDAP“ wieder zur Volksschule.
Von der Schule zum Mineralien-Museum
Ausgerechnet im Jahr des großen Studenten-Aufruhrs, 1968, macht die große Schulreform in NRW viele Schulgebäude überflüssig: An Stelle der achtklassigen Volksschule tritt die nur vierklassige Grundschule, hernach werden die Schüler auf ein drei-, später sogar viergliedriges Schulsystem verteilt. Die konfessionelle Trennung wird faktisch abgeschafft. Auch die Zahl der Schulen als solche wird drastisch verringert.
Während die „Katholische Hinsbeckschule“ als Grundschule den Wandel überlebt, wird die alte Volksschule an der Kupferdreherstraße geschlossen. Nach einem Intermezzo als Förderschule für behinderte Kinder steht sie nach 1976 jahrelang leer; ihr Abriss ist im Grunde schon beschlossene Sache. – Doch just in den 70er Jahren erwacht das Interesse der Menschen für Denkmalpflege und Geschichte. Der Abriss wird vermieden, die „Bürgerschaft Kupferdreh e.V.“ bezieht hier ein Büro.
Im Frühjahr 1982 bietet der Kupferdreher Bürger Oswald Hänisch der evangelischen Gemeinde seine private Mineralien-Sammlung zur Übernahme an. Sie soll öffentlich ausgestellt, Schulen und Universitäten zugänglich gemacht werden. Das Presbyterium wendet sich an die „Bürgerschaft Kupferdreh“ und deren Vorstand ans Ruhrland-Museum und die Stadt Essen. In einer wohl einzigartigen Kooperation werden die Sammlung Hänisch und der Bestand des Ruhrlandmuseums konsolidiert, letzterer wird nach Kupferdreh ausgelagert. Zu diesem Zweck wird die 130 Jahre alte Volksschule grundlegend ronoviert, erneuert, modernisiert – und am 29. Juli 1984 steigt die feierliche Einweihung. Seither kümmern sich Ehrenamtliche der Bürgerschaft um Ausstellung und Gebäude, während Leitung und Unterhalt dem heutigen Ruhr Museum obliegen.
Das Mineralien-Museum heute
Seit 2007 beherbergt das Hinsbecker Schulgebäude nicht mehr nur Mineralien und Gesteine, sondern auch die Fossiliensammlung des Ruhr Museums. Anlass war die Umsiedlung des früheren Ruhrlandmuseums aus Essen-Rüttenscheid in die Zeche Zollverein nach Katernberg. Die Gesteine der Sammlung Hänisch stammen aus aller Welt, die Fossilien aus dem Ruhrgebiet bzw. der näheren Umgebung.
Internet:
KuLaDig Objektbeschreibung: Mineralien-Museum Kupferdreh
KuLaDig: Industrieller Siedlungskern Kupferdreh
