
- Die originalgetreue Nachbildung des Ötzi - Markus Müller
Auf 3.210 Metern machte der Nürnberger Helmut Simon am 19. September 1991 in den Ötztaler Alpen eine bedeutsame Entdeckung. "Schau mal, was da liegt", rief der passionierte Hobby-Bergsteiger seiner Frau Erika zu und deutete im Bereich des Tisenjochs, unweit der österreichisch-italienischen Grenze, auf eine aus dem Eis ragende, gut erhaltene bräunliche Leiche. Das Ehepaar ging von einem verunglückten neuzeitlichen Alpinisten aus. Der zur Fundstelle geeilte Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner ahnte hingegen, dass der "Unbekannte" aus einer längst vergangenen Zeit stammte: "Mit dem Manndl stimmt was net". Messner behielt Recht, denn der "Ötzi" war geboren und mit ihm viele Mythen, Geheimnisse und neue wissenschaftliche Erkenntnisse.
Da der Fundort am Similaungletscher im grenznahen Gebiet liegt, stritten Österreich und Italien jahrelang über „Ötzi´s Nationalität“. 1998 wurde die tiefgefrorene prähistorische Mumie nach Südtirol überführt. „Ötzi´s“ letzte Ruhestätte ist seither das Archäologiemuseum in Bozen. Anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Ötzi-Entdeckung" läuft dort noch bis zum 15. Januar 2012 eine sehenswerte Sonderausstellung. Erika Simon, die Frau des 2004 verstorbenen Entdeckers, konnte sich im Sommer 2011 – nach einem endlosen Rechtsstreit – über 175.000 Euro Finderlohn freuen.
„Ötzi“ lebte vor rund 5.300 Jahren und starb mit etwa 45 Jahren
Vier Tage nach seiner Entdeckung wurde „Ötzi“ vom Institut für Gerichtsmedizin der Universität Innsbruck geborgen. Die Experten gingen zunächst von einem in den vergangenen 100 Jahren gestorbenen Menschen aus. Bald darauf wurde der „Mann aus dem Eis“ dem Mittelalter (500-1.500 n. Chr.) zugeschrieben. Dann die wissenschaftliche Sensation: "Ötzi" lebte weit vor den Römern und Kelten, nämlich in der Kupferzeit (3.500-2.300 v. Chr.), einer Epoche zwischen der mitteleuropäischen Jungsteinzeit (5.500-3.500 v. Chr.) und der Bronzezeit (2.300-800 v. Chr.). Mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung konnte der Todeszeitpunkt relativ präzise auf den Zeitraum von 3.359 bis 3.105 vor Christus (frühe Kupferzeit) datiert werden. Ötzi starb mit rund 45 Jahren, ein für die damalige Zeit hohes Alter. Umso erstaunlicher, dass er noch solch extreme körperlichen Anstrengungen im Hochgebirge auf sich nahm.
Wissenschaftliche Untersuchungen an der „Gletscher-Mumie“
"Frozen Fritz", wie "Ötzi" im englischen Sprachraum genannt wird, ist bis heute einzigartig, denn noch nie war ein fünf Jahrtausende alter Leichnam in einem derart perfekten Zustand aufgefunden worden. Selbiges gilt übrigens auch für die Felle, die "Ötzi" mit sich führte. Damit die Konservierung dauerhaft gewährleistet ist, wird die Mumie seit 1998 bei minus 6 Grad Celsius und einer konstanten Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent im Archäologischen Museum Bozen aufbewahrt. Durch ein Fenster können die Besucher einen Blick auf den "Gletscher-Mann" werfen. Um ihn gänzlich vor zersetzenden Mikroorganismen zu schützen, ist er seit 2011 in reinem Stickstoff eingelagert. Mittlerweile gelang es, 95 Prozent seines Erbgutes zu entschlüsseln. Die Studien ergaben zudem, dass der 1.60 Meter kleine, 50 Kilogramm leichte und muskulöse „Gipfelstürmer“ in seinen letzten Lebensjahren an Arthritis, verkalkten Adern, Würmern und Durchfall litt. Er hatte schlechte Zähne und seine Lungen waren vom schädlichen Rauch offener Feuer gezeichnet.
Letzte Mahlzeit und gewaltsamer Tod
Trotz seiner diversen gesundheitlichen Probleme geht die Wissenschaft von einem gewaltsamen Tod aus. Kurz vor seinem Ableben muss den "Gletschermann" ein Pfeil getroffen haben. Reste davon konnten in "Ötzis" linker Schulter nachgewiesen werden. Der oder die Angreifer wollten anscheinend auf Nummer sicher gehen, denn "Ötzi" musste auch schwere Schläge auf Brust, Rücken und Hinterkopf einstecken. Eine Deformation an der Schädelwand und mehrere gebrochene Rippen zeugen davon. Zudem wiesen Molekularbiologen an ihm Blut von vier unterschiedlichen Personen nach. Als letzte Mahlzeit habe "Ötzi" Steinbockfleisch, Getreide und Moos gegessen.
Kleidung, Waffen und Werkzeuge von "Ötzi"
Auf seiner letzten großen Wanderung trug „Ötzi“ eine Fellmütze, einen Fellumhang, Schuhe aus Rindsleder mit Heu als Isoliermaterial und einen Lendenschurz. Seine Beinkleider aus Schaffell erinnern an moderne Leggings. Sie waren mit Strapsen am Gürtel befestigt. Zu seiner Ausstattung gehörten ein gegossenes Kupferbeil, 14 Pfeile, ein Dolch, ein Bogen und diverse Werkzeuge, darunter ein Bohrer und Feuersteine. Einige dieser Gegenstände zeugen von seinen guten Handelskontakten. Ein Dolch und zwei Pfeilspitzen stammen beispielsweise aus Steinbrüchen bei Verona. Analysen seines Kupferbeils ergaben hingegen, dass es sich um Kupfer aus dem Salzburger Mondsee-Gebiet handelt. „Ötzi“ war nicht nur ein vielseitiger Handwerker, sondern auch ein erfolgreicher Jäger und Sammler. Er probierte sich sogar als Mediziner. So versuchte er seine auf Darmparasiten zurückzuführende Verdauungsbeschwerden mittels "Baumpilz-Kugeln" zu beheben.
Offene Fragen zu Herkunft, Beruf, Todesursache und Begräbnis
Seit 20 Jahren ranken sich Rätsel um das Leben und Ableben des „Ötzi“. Viele konnten mittlerweile von Wissenschaftlern gelöst werden, doch noch immer kursieren offene Fragen. Was trieb „Ötzi“ in die unwirtlichen und lebensgefährlichen alpinen Gletscherregionen? Gehörte er zur Remedello-Kultur, die südlich des Gardasees beheimatet war? Gibt es heute noch Nachfahren? Welche Bedeutungen haben seine 57 Tätowierungen? War er beruflich unterwegs, "Aussteiger", Abenteurer oder schlichtweg auf der Flucht, und wenn ja, vor wem? Wer hat ihn umgebracht und wer hat den Toten in diese spezifische Schlafstellung versetzt? Der deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner hat eine plausible Erklärung: er sieht "Ötzi" als Mitglied eines transalpinen Handelszuges, vielleicht einer „Kupfer-Expedition“. Womöglich sei die Gruppe von Räubern überfallen worden. Der Angriff wäre, so Binsteiners Theorie, zwar abgewehrt worden, doch „Ötzi“ sei wenig später seinen Verletzungen erlegen. Seine Begleiter dürften ihn dann rituell mit Grabbeigaben bestattet haben.
Liegt ein Fluch auf "Ötzi"? Mysteriöse Todesfälle im Umfeld
Während 1991 ein ungewöhnlich warmer Spätsommer die Ötzi-Entdeckung erst ermöglicht hatte, machte exakt 20 Jahre später am 19. September 2011 ein früher Wintereinbruch den Organisatoren der Jubiläumsfeier einen Strich durch die Rechnung. Diese musste kurzerhand von der Fundstelle im Hochgebirge auf 1.500 Meter herunter verlegt werden. Doch im Ötzi-Umfeld gibt es weitaus tragischere Begebenheiten, die zudem ziemlich mysteriös erscheinen. 2004 kam Entdecker Helmut Simon in den Salzburger Alpen bei einem Bergunfall ums Leben. Der 1991 zuständige Gerichtsmediziner Günter Henn verunglückte bei einem Autounfall tödlich. Kameramann Rainer Hölzl, der die Bergung gefilmt hatte, erlag später einem Gehirntumor. Der ebenfalls involvierte Bergführer Kurt Fritz verlor sein Leben in einer Gletscherspalte. Auch die einst in Innsbruck forschenden Professoren Konrad Spindler und Friedrich Tiefenbrunner starben 2005 völlig unerwartet.
Quellen:
- Fleckinger, Angelika, Ötzi, der Mann aus dem Eis, 2002.
- Südtiroler Archäologiemuseum
