
- MERIAN Allgäu - MERIAN
Zu Recht stellt MERIAN-Chefredakteur Andreas Hallaschka im aktuellen Heft über das Allgäu die Frage: „Was gibt’s Neues im Allgäu?“ In der Tat verändert sich eine der bei deutschen Urlaubern beliebtesten inländischen Regionen im Laufe der Jahre wenig – Gottseidank, möchte man sagen …
Kempten, König, Kunst
Mit aufwendig bebilderten Reportagen gelingt es der Redaktion, die „alten“ Touristenziele des Allgäus und Oberschwabens auf eine Weise darzustellen, die selbst manchen Allgäu-Fan überraschen wird. Dazu zählt neben Berichten über Kempten, Kunst und Kaufbeuren auch ein anekdotischer Essay über das „Traumschloss“ Neuschwanstein, ganz auf die Biografie des „verkrachten Königs“ Ludwig II. von Bayern abgestimmt, einem gut aussehenden, intelligenten, aber leider völlig überspannten, verfressenen, alkohol- und morphiumsüchtigen Despoten. Neuschwanstein empfängt jährlich 1,3 Millionen Besucher, jeder, der schon einmal dort war, sieht sogleich asiatische Reisegruppen vor dem geistigen Auge. Deshalb entbehrt das Auftakt-Foto für den Schloss-Bericht, auf dem eine junge Frau japanischen, chinesischen oder koreanischen Ursprungs freundlich in die Kamera lächelt, nicht einer gewissen Komik.
Mönche in Ottobeuren
Ein kleines Augenzwinkern enthält auch die Reportage, die der Darstellung der berühmten Bibliothek in der fast 1250 Jahre alten Benediktinerabtei Ottobeuren als Vehikel dienen soll. Der Autor schildert das alltägliche Leben und die geistlichen Pflichten („Seelsorge, Schule, Schnapsbrennen“) der heutigen Mönche. Der Leser kann sich unter anderem an der Beschreibung des Pater Magnus erfreuen, ein offenbar von weltlichen Einflüssen nicht unbelasteter Kuttenträger: Er raucht, erzählt Priesterwitze und schafft es als Morgenmuffel nicht, morgens um halb sechs Uhr zum Gebet zu erscheinen!
Krimi für Touristen
Ebenfalls humorvoll liest sich der kurze Halb-Krimi „Bluatsakra! Das Allgäu zeigen?“ der Allgäuer Bestseller-Autoren Volker Klüpfel (Journalist) und Michael Kobr (Lehrer), den Vätern von Kommissar Kluftinger, einem Senkrechtstarter unter regionalen Krimi-Kultfiguren. Diesmal muss Kluftinger ein Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks mit den schönsten Schauplätzen des Allgäus vertraut machen, eine Aufgabe, der er sich gerne grummelnd entzogen hätte, während seine Frau ihm das „schöne“ Sakko nachträgt, damit er vor der Kamera einen besseren Eindruck macht.
Eine absolut neue Attraktion des Allgäus stellt der Airport Memmingen dar, dessen Erfolgsgeschichte im MERIAN-Heft ebenfalls erzählt wird. Die Tourismus-Manager haben selbstverständlich hohe Erwartungen, dass durch die verbesserte Erreichbarkeit der Ferienregion Allgäu von deutschen Großstädten aus mehr Gäste kommen werden. Allerdings dienen die Verbindungen nach Antalya, Mallorca oder Gran Canaria „nur in seltenen Fällen dazu, Türken oder Spaniern eine Besichtigung des Schlosses Neuschwanstein zu erleichtern“.
Sennalpe und Kronburg
Zwei Familienstorys runden das Heft ab: „Ein Sommer mit Babette“ beschreibt anschaulich das harte Leben einer Großfamilie, die im Sommerhalbjahr 100 Tage mit ihren Kühen auf einer Sennalpe verbringt. Und die Reportage über die vielfältigen praktischen Aufgaben einer Adelsfamilie, die ihren Stammsitz, die Kronburg im gleichnamigen westallgäuer Dorf, unternehmerisch bewirtschaftet und vor dem Verfall bewahrt, macht sogleich Lust, in dem Gästehaus der Burg zwischen Leutkirch und Isny ein Wochenende zu verbringen.
Ein rundum gelungenes Magazin, fast ein Buch, mit zahlreichen neuen Abzweigungen eines viel bewanderten, aber nicht ausgetretenen Urlaubspfades. Gerade dick (und dünn) genug für den Tagesrucksack.
