Es war zweifellos der Tiefpunkt in der gewalttätigen Geschichte des NS-Regimes vor dem Krieg. Das Attentat auf den Diplomaten Ernst vom Rath in Paris durch den jüdischen Studenten Herschel Grünspan diente den Machthabern zum Vorwand, eine in Europa seit Jahrhunderten beispiellose Unterdrückungsaktion gegen die Juden auszulösen. Es ist davon auszugehen, daß Hitler und Goebbels, die am 9. November 1938 in München an der Gedenkfeier zum gescheiterten Putsch von 1923 teilnahmen, die Maßnahmen beschlossen. Erwiesen ist, dass die Anweisungen dazu über den Parteiapparat und die Polizei durchgegeben wurden. Dazu gehörte der Befehl, dass die Poizei den Aktionen nicht entgegentreten durfte, Synagogen nur dort abgebrannt werden sollten, wo keine Gefährdung für umliegende Häuser bestand und Diebstähle nicht erlaubt waren.
Die NSDAP beginnt mit der Gewalt
An vielen Orten läßt sich das Organisationsprinzip verfolgen, dass Angehörige von NS-Verbänden wie zum Beispiel der SA mit den Ausschreitungen begannen. In manchen Regionen wurden SA-Leute in Zivil jeweils in andere Ortschaften gefahren, um dort die Synagogen und Wohnungen der jüdischen Einwohner zu verwüsten. Dann nahmen oft Einheimische an den Gewalttaten des 9. und 10. November 1938 teil; in manchen Fällen gibt es Berichte, dass Schulklassen sich beteiligten, angeführt durch ihre Lehrer. Vielen Familien wurde das Haus oder die Wohnung vollständig demoliert, oft blieb kein einziges Stück Geschirr verschont. Andererseits fühlten sich viele Menschen von den landauf, landab sich ereignenden Gewaltatten abgestoßen. Verängstigte Juden, die vor ihren Verfolgern geflüchtet waren, erhielten in manchen Fällen von Nachbarn etwas zu essen. Zugleich erfolgte die Verhaftung von fast 30.000 Juden, die in Konzentrationslager gebracht und oft erst entlassen wurden, nachdem sie sich zur Auswanderung und zur Überschreibung ihres Besitzes an den Staat verpflichtet hatten. Den Juden wurde eine Buße für die bei ihnen angerichtete Zerstörung auferlegt, die ebenfalls an das Reich abzuführen war.
Folgen des Pogroms
Den jüdischen Deutschen, die seit 1933 immer neue Diskriminierungen hatten hinehmen müssen, nahm das Pogrom, das als „Kristallnacht“ verharmlost wurde, die letzten Illusionen. Viele wanderten jetzt aus, andere zogen aus Kleinstädten und Dörfern, in denen sie jahrzehntelang gelebt hatten, in die Städte, um ihre Emigration vorzubereiten. In einzelnen Fällen bestrafte danach das Regime Plünderungen, die sich während der Ausschreitungen ereignet hatten und zuvor ausdrücklich verboten worden waren. Die Vielzahl an Körperverletzungen und Morden blieb hingegen ungesühnt, beziehungsweise wurde erst nach 1945 deren Aufklärung angestrebt. Das Ausmaß der Schäden lässt sich nur schätzen. Tausende von Wohnungen und Häusern wurden verwüstet, die Zahl der zerstörten Synagogen und Betsäle wird auf weit über 1.000 geschätzt. Mehrere hundert Morde an Juden ereigneten sich im November 1938, zu denen eine ebenfalls beträchtliche Zahl an Selbstmorden und eine unbekannte, doch weit größere Anzahl an Körperverletzungen hinzukam.
