Das Phänomen Johnny Depp

Außenseiter oder everybody's darling? Ein Porträt des Schauspielers

Neue Schrulle? Johnny Depp im Film  - Warner Film
Neue Schrulle? Johnny Depp im Film - Warner Film
Seit der Film-Triologie "Fluch der Karibik" läuft der Schauspieler Johnny Depp Gefahr, seine geliebte Außenseiterrolle in Hollywood zu verlieren.

Johnny Depp stinkt. Das sagt er von sich selbst und hat sich den Spitznamen „Mr. Stench“ zugelegt. Auch so manche Filmjournalistin musste enttäuscht feststellen, dass der Sexiest Man Alive 2004 in echt gar nicht so viel Wert auf sein Äußeres legte, wie die Hochglanzfotografien sie glauben lassen wollten. Von denen sah man in letzter Zeit reichlich, vor allem als Konsequenz des Disney-Hits „Der Fluch der Karibik 1 - 3“. Jede Frauenzeitschrift, jedes Männermagazin schmückte sich mit einer Fotostrecke des lässigen Wahl-Franzosen. Schön wie ein Zigeuner ist er, ein abgerissener Dandy mit Ziegenbärtchen, Seidenhaar und traurigen Schokoladenaugen.

Der Mann für's Schrullige

Also ist das Lotter-Image doch nur Koketterie? Vieles hat der amerikanische Schauspieler unternommen, um nicht auf dem Schönling-Abstellgleis zu landen. Seine Filmografie besteht aus einer Ansammlung von schrulligen Typen und gebrochener Charakteren; nichts schien er mehr zu lieben, als sich durch eine Maske, eine Frisur, ein Kostüm entstellen zu lassen ( „Edward mit den Scherenhänden“, „Angst und Schrecken in Las Vegas“) oder sein makelloses Aussehen zu ironisieren („Don Juan De Marco“). Nicht zu vergessen die skurrilen Rollen in den Tim Burton-Filmen, der neueste wird ab Februar 2008 in deutschen Kinos zu sehen sein: In der Musical-Verfilmung „Sweeney Todd“ spielt Johnny Depp einen blutrünstigen Londoner Barbier, wieder einen Außenseiter.

Solche Rollen brachten ihm den Ruf des eigenwilligsten Underdogs Hollywoods ein. Bis zu dem Tag, als er in Gestalt des Piratenkapitäns Jack Sparrow auf das Set von „Fluch der Karibik 1“ torkelte und seinem Regisseur Gore Verbinski einen gehörigen Schreck einjagte. Der hatte sich seine Produktion nämlich tatsächlich als monumentalen Abenteuerfilm vorgestellt, und einen Kapitän mit abgespreiztem kleinen Finger konnte er dafür gar nicht brauchen. Der Rest ist Filmgeschichten, und prompt kam die Oscar-Nominierung für den bisher wohl kommerziellsten Dreh von Johnny Depp. Seit dem sind alle voll des Lobes für einen Schauspieler, der den Part des Jack Dawson in Titanic ausschlug, aber mit Begeisterung einen schwulen Freibeuter spielt.

Schön und selbstironisch

Besonders betont wird dabei seine Wandlungsfähigkeit. Aber wenn man genau hinschaut, hat Johnny Depp immer das Eine gemacht: Seine Figuren nicht zu ernst genommen, sondern als Lausbub’ mit ihnen seine Streiche getrieben. Den hübschen Puppenmund gespitzt, die Augen aufgerissen, eine Braue hochgezogen, den Kopf dabei verwundert schief gelegt und im besten Fall noch eine Macke drauf gegeben, wie das Zähnefletschen als Mort Rainy in „Das Geheime Fenster“ oder eben jenes tuckige Trippeln des feigen Seeräubers Sparrow. Schöne Selbstironie, die auch beim zehnten Mal nicht langweilig wurde. Dann kam Laurence Dunmores Regiedebüt „The Libertine“. Im Frühjahr 2006 in den USA gestartet und in Deutschland bisher nur auf DVD zu sehen. Der etwas andere, weil furchtlos dreckig und obszöne Historienfilm, der das kompromisslose Leben des adligen Dichters John Wilmot, alias Earl of Rochester II, in der Londoner Halbwelt erzählt.

Salonlöwe oder Underdog?

„Sie werden mich nicht leiden können“, beginnt Johnny Depp als Rochester mit Lockenperücke und Rüschenhemd die Geschichte. Paradoxerweise wird man just von diesem Moment an das Gefühl nicht mehr los, dass er als Schauspieler plötzlich doch um Sympathien wirbt. Die Musketier-Stiefel, die Capt’n Sparrow noch über die eigenen Füße stolpern ließen, klacken nun entschlossen auf das Kopfsteinpflaster. Johnny Depp - auf einmal ins seriöse Fach gewechselt. Der süffisante Zug um den Mund – verschwunden. Das spöttische Stirnrunzeln – davon. Eine klitzekleine Schrulle? Fehlanzeige. Vielleicht noch nie hat sich Johnny Depp so verkrampft ins Zeug gelegt. Vielleicht hat ihn bei den Academy Awards 2005 der Ehrgeiz gepackt und er hatte es satt, die zweite Geige zu spielen. Und vielleicht war das neue Pathos auch ein Grund dafür, warum „The Libertine“ floppte. Bleibt abzuwarten, welchen Ton Johnny Depp in seinem neuen Film „Sweeney Todd“ anschlagen wird. Eines aber steht fest: Er ist in Hollywood mittlerweile mehr ein gezähmter Salonlöwe denn ein Underdog, und schon längst Everybodies Darling.

Petra Schönhöfer, Petra Schönhöfer

Petra Schönhöfer - Magister in Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik. Erste Erfahrungen im Lokaljournalismus bereits während des Studiums. ...

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