Das Phantastische bei Michael Ende

Magische Dualismen und Labyrinthe bestimmen die Bücher des Autors

Ende: Das Gauklermärchen - Weitbrecht-Verlag Stuttgart
Ende: Das Gauklermärchen - Weitbrecht-Verlag Stuttgart
Parallelwelten, Doppelwesen oder zwei Erzählebenen: Die Literatur des 1995 verstorbenen Autors Michael Ende lässt sich über das Grundprinzip des Dualistischen erschließen

„Ich weiß nicht genau, wo die Realität aufhört und die Phantasie beginnt“, hat Ende einmal gesagt (in Hocke/Kraft 1997, s.u.). Ebenso bleibt verborgen, welche der beiden Welten die vorherrschende ist. Immer wieder variiert der Autor verschwimmende Grenzen oder Grenzenlosigkeit in seinen Werken. Ohne eine der Welten zu bewerten, bleibt das Ziel, beiden ihren Raum zu geben. So schlägt das Kind aus Endes Erzählung „Der Spiegel im Spiegel“ dem Pagat vor: „Wir könnten zusammen los gehen und eine neue Welt suchen, wo wir beide wohnen können.“ Wenn der Pagat, der in der Geschichte „Ende“ heißt, dem Kind den Namen „Michael“ gibt, werden beide zu Facetten desselben Ganzen. Als sie aufbrechen, ist nicht zu ersehen: „Wer führt wen?“

Dualismen

Aus dem dualistischen Prinzip entwickelt Ende die phantastischen Räume und Figuren seiner Geschichten. Während sich in der „Unendlichen Geschichte“ ganz offensichtlich zwei untrennbare Welten gegenüberstehen – Phantásien und die Menschenwelt –, taucht das Prinzip dort auch subtiler auf, etwa im Doppelwesen „Gmork“, dem Werwolf, der in beiden Welten lebt.

„Momo“ vereint in ihrer Person den Dualismus des (schwachen) Kindes und der Retterin der Welt, ebenso wie Eli, die stille Heldin des „Gauklermärchens“, in dem sich zugleich eine narrative Doppelgestalt findet: Ein Chemiekonzern bietet einer Gauklergruppe einen Werbevertrag an, unter der Bedingung, das Mädchen Eli aus ihrer Gruppe auszuschließen. Da die Gruppe dringend Geld braucht, muss ein Entschluss gefasst werden; die Stimmung der Gaukler ist verzweifelt. So beginnt Clown Jojo, eine Geschichte zu erzählen, in der jedem Mitglied der Gruppe eine Rolle zu kommt. Die Geschichte verwickelt sich mit der Realität und verselbstständigt sich. Durch die verschobene Perspektive werden Zusammenhänge sichtbar, die der Gruppe zur richtigen Entscheidung verhelfen: Trotz ihrer Notlage behalten sie Eli und lehnen den Werbevertrag ab.

Eine Doppelgestalt steht für die Suche nach Balance: Der Autor, die Leser und die literarischen Figuren müssen die Spannung zwischen zwei Kräften ausloten, die in unterschiedliche Richtungen ziehen. Aus dem Kraftfeld erwachsen Deutungsmöglichkeiten, die den Blick auf die reale, nicht-literarische Welt schärfen.

Innenwelten – Außenwelten

Jim Knopf schlendert mit Lukas, dem Lokomotivführer, durch die Straßen Mandalas, als ihnen die Elfenbeinschnitzer auffallen. Sie schnitzen fußballgroße Kugeln mit filigranen Verzierungen auf der Oberfläche. Guckt man durch diese hindurch, offenbaren sich weitere Kugeln: „Im Innern der zweiten Kugel war wieder eine Kugel. Und so ging es fort bis ganz ins Allerinnerste. Das Erstaunliche (…) aber war, dass die Künstler solche Wunderwerke aus einem Stück geschnitzt hatten, ohne eine der Kugeln aufzumachen."

In „Außenwelt – Innenwelt“ verweist der Philosoph Luc Ciompi auf die Analogie des Großen und des Kleinen: Die winzigsten Organismen der Erde zeigen strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Universum. Damit trägt jedes natürliche System das Geheimnis allen Lebens in sich. Entsprechend ist Ende sich im „Gauklermärchen“ darüber bewusst: „Wer die Harmonie, die alles Sein beseelt, im kleinen Kreis zerstört, zerstört sie auch im All." Außenwelten und Innenwelten sind eins. Ihre Trennung, so der Tenor, ist nur eine Illusion.

Labyrinthe

Die Mandala-Schnitzer reisen nach innen. Die Reise ist nicht einfach, denn je tiefer es geht, desto filigraner wird die Arbeit und desto mehr gleicht der Weg einem Labyrinth. Das Umherirren und die Suche nach den richtigen Türen versinnbildlicht die Suche nach dem eigenen Ich: So muss Bastian in der „Unendlichen Geschichte“ durch Phantásien reisen, das seine Innenwelt spiegelt. Der innerste Ort dieser Welt, Auryn, ist sein Ziel und zugleich sein Ausgang. Er sucht ihn verzweifelt, ohne zu ahnen, dass er ihn bei sich trägt.

Labyrinthische Strukturen in Endes Werk zeichnen den Zusammenhang von Innenwelt und Außenwelt als verschlungenes Netz voller Spuren: Jeder Schritt des Helden ist hier ein Risiko, seine Suche nach der richtigen Spur eine Gratwanderung. Um die Wirrnis zu bezwingen, braucht Bastian einen roten Faden: Er versucht, wie von der Kindlichen Kaiserin empfohlen, den Weg der Wünsche. Doch nur die wahren Wünsche bringen ihn an den Ort, den er wirklich sucht: sein Zuhause.

Der Pagat

Was zeigt ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt? Vor der Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit, Untrennbarkeit und Variabilität dieser Metapher hat Michael Ende sich nicht gescheut. Sein persönlicher Ariadnefaden ist der Pagat, das Doppelwesen, das den Gaukler (den Spielenden) und den Magier (den Erschaffenden) vereint. So erschafft der eine, was der andere bewohnt, und ohne den einen wäre auch der andere ohne Sinn.

Bücher von Michael Ende:

Das Gauklermärchen. Ein Spiel in sieben Bildern sowie einem Vor- und Nachspiel. Weitbrecht 2002, gebundene Ausgabe, 100 Seiten, Euro 15,00.

Der Spiegel im Spiegel. Ein Labyrinth. dtv 2001. Taschenbuch, 239 Seiten. Euro 8,00.

Die unendliche Geschichte. Thienemann 1979. Taschenbuch, 428 Seiten. Euro 10,00.

Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Jim Knopf und die Wilde 13. Thienemann 2000. Gebundener Sammelband, 540 Seiten. Euro 19,95.

Ende, Michael: Momo. Thienemann 2005, gebundene Ausgabe, 304 Seiten, 14,90 Euro.

Weitere Literatur:

Luc Ciompi: Außenwelt. Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen. Vandenhoeck & Ruprecht 1988. Taschenbuch, 397 Seiten. Euro 29,90.

Roman Hocke/ Thomas Kraft: Michael Ende und seine phantastische Welt. Die Suche nach dem Zauberwort. Piper 1997. Gebundene Ausgabe, 160 Seiten. Euro 19,90.

Dr. Claudia Duwe - Studium der Medienwissenschaften, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Siegen. Hauptberuflich in der PR/Kommunikation für ...

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