
- Das Portal in Moissac - Membeth
Das Südportal der ehemaligen Benediktinerabtei Saint-Pierre im südfranzösischen Moissac ist ein außergewöhnliches Beispiel romanischer Bildhauerkunst. Abt Roger von Moissac gab das Portal Anfang des 12. Jahrhunderts in Auftrag, errichtet wurde es schließlich 1120 bis 1130. In dieser Zeit erlebte die Plastik eine Art Wiederauferstehung - Die naturalistische Darstellung von Figuren war für die Menschen damals ein absolut ungewohnter Anblick.
Reliefs mit apokalyptischen Bildern
Die linke Portalwange zeigt die biblische Geschichte vom armen Lazarus (Lukas16, 19-31), sowie Figuren, welche die Todsünden Habgier, Hochmut, Völlerei und Wollust symbolisieren. Die Figuren repräsentieren in erschreckender Weise den Weg zur Verdammnis, unterstützt wird dies noch von zahlreichen dämonischen Reliefs von Fabelwesen und Fratzen. Die rechte Portalwange hingegen ist mit Szenen der Verkündigung und des Christuskindes geschmückt. Die rechte Seite steht auch hier - wie in allen christlichen Abbildungen - für das Gute, während auf der linken Seite das Böse herrscht.
Das riesige Tympanon des Portals zeigt den thronenden Christus. Die Darstellung gleicht der Beschreibung von Gottes Thron im 4. Kapitel der Johannesoffenbarung: "Und siehe, ein Stuhl war gesetzt im Himmel, und auf dem Stuhl saß einer; und der dasaß, war gleich anzusehen wie der Stein Jaspis und Sarder; und ein Regenbogen war um den Stuhl, gleich anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Stuhl waren vierundzwanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen." (Offenbarung 4.2) Christus ist umgeben von den Evangelisten in Form von vier geflügelten Tieren - Matthäus als Engel, Markus als Löwe, Lukas als Rind und Johannes als Adler. Seine rechte Hand vollführt einen Segensgruß, welcher gleichsam als Drohung anmutet. Diese Geste kann so verstanden werden, dass Christus nicht selbst der Richtende ist, sondern den Besucher der Kirche dazu auffordert, über sich selbst zu richten.
Symbolik der Zahlen
Zahlen haben eine große Bedeutung im Offenbarungstext, sodass die Anordnung und Anzahl der Figuren auf dem Tympanon des Portals auf die Grundsätze des christlichen Glaubens verweisen: Die Zahl 7 bedeutet nach der Weisheit Gottes die Vollkommenheit und setzt sich zusammen aus 3 und 4. Die 3 beinhaltet die Trinität - der Vater, der Sohn, der heilige Geist, die 4 dagegen die Zusammensetzung der Welt - die vier Himmelsrichtungen, die vier Evangelien, das Kreuz. Der Aufbau des Tympanons kann gegliedert werden in die Reihen der 24 Ältesten, ganz unten 14, also 2 x 7, in der Mitte jeweils 3, oben 2 x 2, also 4. Die vier Evangelisten bilden mit Christus und den beiden Engeln wieder eine Siebenergruppe.
Die Beschreibung des Portals in "der Name der Rose"
Umberto Eco schenkt dem Portal in seinem berühmten Roman eine Gastrolle. Der junge Mönch Adson von Melk schreitet durch eben jenes Portal und erzählt von seinen überwältigenden Eindrücken: "Doch während meine Seele, ergriffen von diesem Konzert aus irdischen Schönheiten und majestätisch-übernatürlichen Zeichen, gerade in einen Jubelgesang ausbrechen wollte, fiel mein Blick, dem regelmäßigen Rhythmus der Blumenrosetten zu Füßen der Greise folgend, auf die verschlungenen Figuren am Mittelpfeiler des Portals. Was sah ich da, welche symbolische Botschaft überbrachten mir jene drei kreuzförmig mit und übereinander verschränkten Löwenpaare, [...]" Fünf Seiten widmet Eco seiner unvergleichlichen Beschreibung seines Portals, welches bis auf kleine literarische Freiheiten genau dem Portal in Moissac entspricht. Er lässt den Leser miterleben, wie ein frommer Mönch im 12. Jahrhundert auf den Anblick der vielen Figuren und Symbole vermutlich reagierte: Mit Furcht, Faszination und der Frage nach dem eigenen Glauben. Wie mag es da erst den Menschen ergangen sein, die nicht so eine reine Weste wie der junge Mönch hatten?
Quellen:
Droste, Thorsten: Die Skulpturen von Moissac. München 1996
Eco, Umberto: Der Name der Rose. München/ Wien 1982
