Das Rätsel des steinernen Quartetts in Wien

Steinerne Quartett - Regal
Steinerne Quartett - Regal
Vier Statuen mit weit aufgerissenen Mündern und dramatischen Gesten stehen im Pötzleinsdorfer Park im 18. Bezirk in Wien. Aufregend ist ihre Herkunft.

Schöpfer der Figurengruppe ist der österreichische Bildhauer Friedrich Steger. Die Figurengruppe im Schlosspark schuf er für die 1874 eröffnete „Komische Oper“ am Schottenring im 1. Bezirk in Wien. Hier standen die vier Figuren hoch über dem Eingang zum Theater. Jetzt wird auch klar warum alle Figuren weit offene Münder haben, sie singen. Steger hat, passend zum Theater, ein „Singendes Quartett“ mit Sopran, Alt, Tenor und Bass geschaffen.

Fatale Fehler

Weltberühmt wurde die „Komische Oper“ in Wien aber nicht wegen ihren künstlerischen Darbietungen. In diesem, 1878 in „Ringtheater“ umbenannten Haus brach am 8. Dezember 1881 kurz vor Beginn der Vorstellung - „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach - auf der Bühne ein Brand aus. Minuten später erfasste das Feuer auch den Vorhang, der dann brennend bis in den „Juchhe“ - so nennt man in Wien die billigen Plätze hoch oben in der Gallerie - des bereits fast voll besetzten Zuschaueraum emporschlug. Im Publikum brach Panik aus, die sich naturgemäß noch verstärkte, als die Gasbeleuchtung durch Schließen des Haupthahnes abgeschaltet wurde und das ganz Theater wegen der fehlenden Notbeleuchtung in Finsternis versank. Als katastrophal erwies sich auch, dass alle Türen nur nach innen (!) zu öffnen waren und sich daher die Türen durch den Druck der panisch drängenden Menschenmassen nicht mehr öffnen ließen. 386 Menschen erstickten, verbrannten oder wurden zu Tode getrampelt.

„Es ist alles gerettet“

Da keine Zuschauer mehr aus dem Theater kamen, meldete Polizeirat Anton Landsteiner dem eben ankommenden Erzherzog Albrecht: „Es ist alles gerettet, Kaiserliche Hoheit!“ Das war wohl die Fehleinschätzung des Jahrhunderts. Dieser falsche Beurteilung der Lage führte dazu, dass Wachebeamte „unberufene“ Helfer mit den Worten „Gehn S´ nach Haus, das Theater ist leer!“ nicht ins brennende Theater ließen. Besonders tragisch war es, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch Leben zu retten gewesen wäre.

„Alles gerettet“ nannten auch das Autorenduo Carl Merz und Helmut Qualtinger ihre „Anatomie einer Katastrophe“, das erregende Theaterstück – etwa vierzig Prozent des Textes sind „nahezu wörtlich protokollarisch festgehaltene Äußerungen der Originalzeugen" - über den folgenden Gerichtprozess. Inkompetenz, Schlamperei, sicherheitstechnische Mängel, Nichteinhalten von Sicherheitsvorschriften - der diensthabwende Feuwerwehrmann war zum Zeitpunkt als der Brand ausbrach im Gasthaus - führten zur größten Brandkatastrophe der österreich-ungarischen Monarchie im 19. Jahrhundert.

Dieser grauenvolle Brand führte letztendlich aber zu einem der strengsten Theatergesetze und Brandschutzvorschriften Europas, zu einer besseren Organisation und Schulung der Wiener Feuerwehr und einer neuen gerichtmedizinischen Methode zur Feststellung der Identität von Leichen: Damals verwendeten Wiener Gerichtsmediziner erstmals mit Erfolg den Zahnstatus, um die zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen zu identifizieren. Bereits einen Tag nach der Katastrophe gründeten der Arzt Jaromir von Mundy und der steinreiche Abenteurer und Draufgänger Hans Graf Wilczek die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“, die Vorläuferorganisation der heutigen Wiener Berufsrettung.

Hier stand erstmals die weltberühmte Couch

An der Stelle der Bandruine ließ Kaiser Franz Joseph I. aus seiner Privatschatulle das so genannte „Sühnhaus“ errichten. Das Haus sollte für „ewige Zeiten“ an die Opfer der Brandkatastrophe erinnern und die Mieterträge des Zinshauses wohltätigen Zwecken dienen. Einer der pominentesten Mieter dieses Hauses war Sigmund Freud. Im Oktober 1886 eröffnete er hier seine erste Ordination. Hier stand sie auch, die heute weltberühmte Couch, die Freud so um 1890 von einer dankbaren Patientin geschenkt bekommen hatte. Im September 1891 übersiedelte Freud dann in die nahe gelegen Berggasse 19. Am Ende des 2. Weltkrieges wurde das „Sühnhaus“ durch Bomben schwer beschädigt und nicht wieder aufgebaut. Seit 1974 befindet sich auf dem Areal die Bundespolizeidirektion. Eine Gedenktafel am Haus Schottenring 7 – 9 erinnert an die Opfer des Brandes und an die dramatische Geschichte des Hauses.

Spuren der Katastrophe

Das steinerne „Singende Quartett“ „überlebte“ den Brand fast unbeschädigt. Im Jahr 1882 erwarben die damaligen Besitzer des Schlosses die vier überlebensgroßen Statuen und stellten sie in ihrem Park auf. Neben den singenden Figuren im Park hat die grauenhafte Brandkatastrophe vom 8. Dezember 1881 auch andere Spuren im heutigen Wien hinterlassen. Zahlreiche Objekte, Gemälde und Dokumente zum Brand besitzt das Museum und Archiv der Wiener Feuerwehr (Am Hof 7). Eine - im zweiten Weltkrieg zum Teil zerstörte - Grabstätte für die Opfer des Brandes befindet sich am Wiener Zentralfriedhof (Tor 2 , Gruppe 30 A, links neben den Alten Arkaden). Höchst makaber ist das Objekt im Wiener Kriminalmuseum, der mumifizierte Kopf einer Frau die bei der Ringtheaterkatastrophe verbrannte.

Quellen:

Brand des Wiener Ringtheaters; Neue Freie Presse, 9. Dezember 1881.

Degenfeld Walter, Der fürchterliche Brand des Ringtheaters in Wien am 8. Dezember 1881 bei welchem an 500 Menschen umgekommen sind. Für das Volk erzählt von Walter Degenfeld; Faksimile 1991, Archiv Verlag Wien.

Holaubeck, Josef, Die österreichische Feuerwehr. Ihre Geschichte und ihre Helden; Verlag Carl Ueberreuter, Wien 1979.

Merz / Qualtinger, Alles gerettet, Der Ringtheaterbrand-Prozess; Langen- Müller Verlag GmbH, München, Wien 1963.

Tögel, Christfried, Freuds Wien, Eine biographische Skizze nach Schauplätzen; Thuria + Kant, Wien 1996.

Wolfgang Regal, Wolfgang Regal

Wolfgang Regal - Geboren, verwachsen, geschult und studiert in Österreich. Lebt und arbeitet in Wien. Publikationen: Daumensprung und ...

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