
- Das unvergängliche Vorpreschen aus den Rennboxen - Bundesarchiv, Galopprennen
Hannover-Langenhagen. „Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen und allen Aktiven Hals und Bein und den Wettern in der Tribüne viel Glück“, begrüßte der Tribünensprecher am 11. September über die Lautsprecher die Wetter und Besucher zum Renntag der Landwirtschaft auf dem Rennbahngelände „Neue Bult“. Es gab insgesamt elf Rennen am Sonntag. Beim 4. Rennen der Sommermeisterschaft der Amateure über 2.200 Meter glänzte die Rennbahn vom Regen und war der Verlauf vom Rennpferd Spiffing mit der Nummer Sieben kontrolliert worden.
Noch unbesetzte Startboxen vor dem 4. Rennen
Der Nieselregen setzte schon gegen Mittag schwächlich ein. Das 4. Rennen begann um 15 Uhr. Es war der 18. Wertungslauf zur Sport-Welt Talent-Trophy. Die Sommermeisterschaft der Amateure, Ausgleich 4, Kategorie F. Ein Herr mit Zweiknopfsakko und breitkrempigem Filzhut, der am linken Tribünenrand lehnte, sagte: „Ich war zuletzt Pfingstmontag da. Heute werd ich auf Violett Shelly zwei oder drei blaue Scheine setzen“ und spähte durch ein kleines Fernglas zu den noch offenen Startboxen der Rennbahn. Das Programmheft tippte bei den startbereiten Pferden Spiffing und Violett Shelly ein Plus für die Quote. Bei einer Siegwette betrug die Quote 50:10. Bei einer Platzwette: 21, 37, 82:10, einer Zweierwette 818: 10.
Die Rennbahn? Vor der Tribüne steigt man einen schmalen, grasigen Wall hinauf, der mit weißen Bänken und einem Getränkehäuschen gesäumt ist. Am fließenden, grünen Wall, der absinkt, erstreckt sich dann eben verlaufend die Rennbahn. In der rechten Krümmung mündete in den darauf folgenden Minuten der gleitende Streit und endende Kraftakt der Beine der Rennpferde Vitelli, Nadir, Violett Shelly und Spiffing und vorgebende Galopptakt der Jockeyzügel. Bald sollte die Startsirene für die Amateure erschallen.
Die Rennpferde traben auf das Geläuf
Zuvor trabten die Pferde lässig und in edler Gestalt auf das Geläuf. Noch ohne Druck und totalen Schwung liefen sie durch die 2.200-Meter-Markierung. Die Zielgerade. Der Boden war feucht. „Ob Spiffing damit umgehen kann?“, fragte ein Besucher und kreuzte etwas in der Wettzeitung an. Der Nieselregen hörte wieder auf. Bewölkter Himmel. Doch bei den Wettern erlosch dennoch nicht der Genuss am frischen Galopp und den Überlegungen zu den möglichen Platzierungen der favorisierten Pferde Violett Shelly und Spiffing. Auch nicht die Mutmaßungen zu den Quoten einer „Platz-Zwilling-Wette“, bei der man auf zwei Pferde setzt, die unter den ersten drei Zieleinläufern sein müssen.
Unterdessen gab der Stadionsprecher die zwei Änderungen für das Rennen durch: Savary, das favorisierte Pferd mit der Nr. 14, sei nicht dabei. Nicety liefe mit 59,5 Kilogramm statt der angegebenen 60,5 aus der Startbox. Die Mitfavoriten Spiffing und Violett Shelly wären auf dem Geläuf.
Nadir kam als erster in die Rennbox. Auch Durani war galoppbereit. Ebenso Espataco, Kidbrother, Lady Doll, Paroli, Occacio und Al Punto. Spiffing, Sieger des letzten Renntages, ordnete sich in Startbox Nr. 12 ein. Die Reiterin von Spiffing trug ein blaues Trikot mit gelben Sternen, gelb-rot-gelben Armbinden und hatte eine blaue Kappe. Man sollte sie im Rennen nicht in der matten, bräunlichen Masse der Verfolger sichten.
„Van Vast trägt mit 68,5 Kilo viel mehr Gewicht als Kidbrother oder Spiffing und man sollte ihn trotzdem nicht unterschätzen“, sagte ein anderer Besucher und stützte sich in schwacher Wucht auf seinem Herrenregenschirm ab.
Die regennasse Bahn vor dem 2.200-Meter-Amateurrennen
Dann erfolgte der Start. Anfangs noch im gleichmäßigen Spurten und Voranpreschen, übernahm Spiffing schließlich das Kommando, an der Innenseite von Violett Shelly bedrängt. Al Punto lief am Schluss. Ziel der Rennpferde musste es sein Spiffing abzuhängen. Schon früh bildete sich eine Dreiergruppe mit den Rennpferden Spiffing, Occacio, Violet Shelly heraus. Gelassen konnte Spiffings Konkurrenz auch nicht in der Kurve sein. Denn Spiffing gefiel der eigene, unbehinderte Rhythmus und außerordentliche, frische Galopp vor den anderen Hufenschlägen. Im höchsten Galopp unter der Reiterin S. Rank. In der Kurve prasselte der Regen heftiger hinab. Als die Pferde aus der letzten Kurve stürmten, rannte die Nummer Sieben Spiffing auch auf der Schlussgerade voran, während Violett Shelly angriff, anzugreifen versuchte und wiederholte Bemühungen für einen ehrfürchtigen Geradenlauf unternahm. Aber auch auf den letzten 200 Metern blieb der Rumpf des Indian Ridge-Stunning Rennpferdes Spiffing vorne. In der verschwommenen, durchnummerierten Menge nutzte Jokey S. Rank die Klasse Spiffings. Auf dem Sattel konnte S. Rank ihre großartige Reitkunst untermauern und verkeilte mit Spiffing nicht im Hauptfeld. Auch Nadir konnte nicht mehr seine Mähne vorbeibringen, wenngleich er bravourös auf dem Endstück der Gerade galoppierte. Doch der begehrte, pittoreske, statthafte erste Platz blieb Spiffing von Trainer K. Demme und Reiterin S. Rank vorbehalten. Der Galopp über 2.200 Meter war entschieden. Das irische Rennpferd siegte in der Zeit von 2:24,04 Minuten mit 1 1/4 Länge Vorsprung.
Die Schiedssprüche der Wettrichter bestätigten die Abfolge: Spiffing, Nadir, Vitelli, Nicety, Violett, Shelly. Spiffing verbucht damit in 2011 den zweiten Wettkampfsieg. Noch nicht imperialistisch und teilnehmend an den Listenrennen der Profis, aber souverän und überzeugend lief der 7-jährige Wallach Spiffing den anderen Jockeys und Startern davon.
Die Wetter vor den Buchmacherbüros
Zuvor investierend, stapften die Wetter zurück zur Tribüne. Einige blickten gelassen auf die Quotenverhältnisse der Platz-Zwillingswette und Zweierwette. Sie kehrten über den regennassen, grünen Wall am Rennbahnrand zurück zu den Wettbürokassen. Dort kassierten manche die unbestrittenen Gewinne ein.
Auf der Tribüne nahmen Frauen in Wettinfojacken die Investitionen für das 5. Rennen um 15.30 Uhr an. Sie klärten über Eventualquoten auf und stempelten die Wetteinsätze eines Mannes von 70 Euro und 15,50 Euro in ihren unauffälligen, offiziell aufgetragenen Registriermaschinen.
Vor dem Tribünenzugang begegnete man auf der sogenannten Stroharena noch diversen Ausstellungen. Eine Dame der Neuen Presse verteilte Wochenendausgaben der Hannoverschen Korrespondenten. Dann ein Jagd- und Hegekonvent, an dem Fuchsfelle hingen; unweit, auf dem Arm eines Falkners, harrte ein grauer Jagdfalke mit Haube aus und knetete mit seinen Krallen in den lederumwundenen Unterarm, sonst auf dem ganzen Gelände auch Aktive und Wetter. Dazwischen gingen Jockeys mit ihren Reitgerten her. Zu den Führringen des Geländes. Dort stolzierten edle Pferde im gehaltenen, präsentierenden Tempo teils mit den Jockeys auf ihren Rücken. In das Buchmacherhäuschen gegenüber trudelte ein Wetter mit Nadelstreifensakko und Panamahut ein. Der Renntag endete mit dem 1.600-Meter-Lauf um 18.35 Uhr.
