Das Jahr 2010 wird auch als das Jahr in die Geschichtsbücher eingehen, in dem die Stadt Essen und mit ihr das gesamte Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas im Mittelpunkt weltweiten Interesses standen. Mit der Verleihung des Titels „Kulturhauptstadt Europas“ wurde der Wandel des Ruhrgebiets von einem auf Kohleförderung und Stahlerzeugung fokussierten traditionellen Industriestandort zu einem Zentrum der Förderung von Kultur und Wissenschaft und damit zu einem Standort für moderne Dienstleistungs- und Technologieunternehmen gewürdigt.
Besonders prägnante Beispiele sind:
1. der Wandel der Zeche Zollverein zu einem Zentrum für Kultur und Kreativwirtschaft mit Schwerpunkt auf Design und Architektur,
2. die Gründung der Ruhr-Universität in Bochum mit ihrer wissenschaftlichen Vielfalt und Forschungsstärke,
3. die Gründung der Universität in Dortmund mit ihrem Schwerpunkt bei den naturwissenschaftlich-technischen Fächern.
Die Zeche Zollverein als "Eiffelturm des Ruhrgebiets"
Die Zeche Zollverein war ein von 1847 bis 1986 aktiv betriebenes Steinkohlebergwerk in Essen-Katernberg und bestand aus mehreren Schachtanlagen. Die Zentralschachtanlage Zollverein XII galt bis zu ihrer Stilllegung nicht nur als modernste, sondern auch als "schönste Zeche der Welt". Sie wurde gemeinsam mit der Gründungsschachtanlage 1/2/8 sowie mit der unmittelbar benachbarten Kokerei Zollverein – die noch bis 1993 im Betrieb war - 2000 unter Denkmalschutz gestellt und aufwändig restauriert.
Das 55 Meter hohe Doppelbockfördergerüst von Schacht 12 gilt heute als Symbol für das gesamte Areal der Zeche Zollverein und stellt den optischen Mittelpunkt der Anlage dar. Er wird auch "Eiffelturm des Ruhrgebiets" genannt und ist damit zu einem Markenzeichen für das gesamte Ruhrgebiet geworden. Auf Grund ihrer herausragenden Bedeutung als Industriedenkmäler gehören Zeche und Kokerei Zollverein seit 2001 zum Weltkulturerbe der Unesco.
In den 90er Jahren siedelten sich zahlreiche Institutionen, Büros und Unternehmen unterschiedlicher Größe aus den Bereichen Kunst, Kultur, Design und Neue Medien in den restaurierten Gebäuden an.
Ferner hält Zollverein für Besucher ein vielfältiges Angebot an Kulturprojekten und Ausstellungen bereit. So befinden sich in der ehemaligen Kokerei Ausstellungsräume für Gegenwartskunst, und in die ehemalige Kohlenwäsche zog das neue Ruhr Museum ein, wo 2008/2009 erstmals der komplette Essener Domschatz außerhalb der Essener Domschatzkammer gezeigt wurde. Auf dem Museumspfad Zollverein und der Kokerei Zollverein können die Besucher in die industrielle Vergangenheit eintauchen. Zahlreiche Erlebnisführungen präsentieren Zollverein in all seinen Facetten. Insgesamt bietet Zollverein seinen Besuchern Geschichte, Kultur, Kreativität, Veranstaltungen, Gastronomie, Freizeit.
Die Ruhr-Universität Bochum
Als erste Universitätsgründung im Ruhr-Gebiet war die Ruhr-Universität Bochum sozusagen Vorreiterin für den Wandel des Ruhrgebiets vom Produktions- zum Forschungsstandort. Die Ruhr-Universität nahm 1965 den Lehrbetrieb auf und hat sich zu einer der größten Universitäten in Deutschland entwickelt. Mit einem Angebot von über 150 Studiengängen ist die Ruhr-Universität gekennzeichnet durch eine enorme wissenschaftliche Vielfalt, und sie gehört zu den forschungsstärksten Universitäten in Deutschland. 2007 befand sie sich in der Endrunde der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen.
Schwerpunkte der Forschung sind im Kontext der Naturwissenschaften die Lebenswissenschaften (Medizintechnik, Neurowissenschaften, Proteinforschung), die Plasmaphysik und -technik sowie die Materialwissenschaften (Stichwort: maßgeschneiderte Werkstoffe). Im Zentrum der Forschung in den Geisteswissenschaften steht die Beschäftigung mit den Auswirkungen der Globalisierung auf alle Lebensbereiche, insbesondere auf die religiösen Einstellungen der Menschen. Eine Spezifikum der Forschungsbereiche ist die Interdisziplinarität, also die Zusammenarbeit über die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen hinweg. Ferner bemüht sich die Ruhr-Universität intensiv um den Transfer des in der „Wissensfabrik“ Universität produzierten Wissens in die Gesellschaft, insbesondere in den Bereich der Wirtschaft.
Ein weiteres Glanzlicht in der Geschichte der Universität war die Besetzung einer neu geschaffenen, nach dem Kunsthistoriker Max Imdahl benannten Gastprofessur mit der renommierten Theologin und ehemaligen Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Margot Käßmann für das Jahr 2011.
Die wissenschaftliche Vielfalt an der Ruhr-Universität wird ergänzt durch ein vielfältiges Kultur- und Freizeitangebot. So beherbergt die Universität umfangreiche Sammlungen antiker und moderner Kunst und besitzt einen der größten botanischen Gärten Deutschlands. Im deutschlandweit einzigartigen
"Musischen Zentrum" der Universität werden Kurse in Malerei, Bildhauerei und Fotografie angeboten.
Die technische Universität in Dortmund
Wie die Ruhr-Universität Bochum versteht sich die Technische Universität in Dortmund als moderne und innovative Reformuniversität und als Bestandteil des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Als technische Universität setzt sie allerdings im Gegensatz zur Ruhr-Universität, wo die Ingenieur- und Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften nahezu gleichrangig vertreten sind, einen Schwerpunkt bei den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Die technische Universität in Dortmund nahm 1969 ihren Lehrbetrieb auf und gehört zu den deutschen Universitäten mittlerer Größe.
Große Beachtung findet das von den Fakultäten für Elektrotechnik und Informatik getragene Institut für Roboterforschung (Robotik), das sich mit der Entwicklung von Robotern für verschiedene Einsatzbereiche beschäftigt, wobei der Roboterfußball im Mittelpunkt steht.
So war das Roboterfußballteam der Universität Dortmund, die "Microsoft Hellhounds", von 2002 bis 2005 Teil des German Teams - einer Art "deutscher Nationalmannschaft" - das mehrmals Weltmeister im Roboterfußball wurde. Eine Weiterentwicklung auf diesem Gebiet waren die "Nao Devils", sechs zweibeinige Roboter mit den Namen Beelzebub, Fehlerteufel, George W., Loki, Mephisto und Satan. Ziel der Roboterforscher ist es, bis 2050 eine Fußballmannschaft aus autonomen zweibeinigen Robotern zu entwickeln, die gegen den menschlichen Fußball-Weltmeister antreten kann.
In unmittelbarer Nähe der Universität liegen das Technologie-Zentrum (TZDO) und der Technologiepark Dortmund, in dem sich zahlreiche technologieorientierte Unternehmen sowie die Fraunhofer Institute für Software- und Systemtechnik ISST und für Materialfluss und Logistik (IML) und das Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie angesiedelt haben. Unternehmen und Institute kooperieren mit der Universität auf dem Gebiet der Forschung.
Fazit
Der Wandel des Ruhrgebiets von einem Produktionsstandort zu einem Zentrum für Forschung, Innovation und Kultur ist zwar noch lange nicht abgeschlossen, aber das Ruhrgebiet hat sich bereits zur dichtesten Bildungs- und Forschungslandschaft in Europa entwickelt.
