
- Tür aus der Jahrhundertwende und Schwitzbad - K. Mieth
Der Rundgang durch das Jahrhundert-Badehaus beginnt bei den Wannen und Duschen im Kellergewölbe, denn die dort unten liegende Hygieneabteilung erzählt die Geschichte aus den Anfängen zu Zeiten des Stifters Karl Müller, der der aufstrebenden Stadt München das Vermächtnis hinterließ, ein Volksbad für die Bewohner zu errichten. Der Einlösung gingen zahlreiche Unwegsamkeiten voraus, bis im Jahr 1901 das Badehaus für das angrenzende Arbeiterviertel Haidhausen eröffnet werden konnte. Von der Schenkung seiner Immobilien über die langwierige Suche nach einem geeigneten Grundstück bis zur ersten Architektenskizze durch den königlichen Professor Carl Hocheder des Älteren folgte endlich der Auftrag zum Bau der Badeanstalt im Stil des malerischen Städtebaus im Jahre 1897.
Müller`sches Volksbad damals und heute
„Die Wannen- und Duschabteilung war einfach und praktisch und wird auch heute noch von Gästen während der Wies`n Zeit oder ganzjährig von Bauarbeitern und Obdachlosen genutzt“, erzählt Schichtleiter Christian Förtsch. Ein Wannenbad à 45 Minuten kostet 3,20 Euro und der Schichtleiter ergänzt: „Manch einer bestellt gleich zwei Badeeinheiten, eine sogenannte „Doppelwanne“, um länger zu relaxen oder sich waschen zu können.“ Auf die Frage der Suite101-Autorin nach der Nutzbarkeit von Wannen für Liebespaare fügt er schmunzelnd hinzu: „Das geht leider nicht, die Badeeinrichtungen dürfen nur von Einzelpersonen genutzt werden.“ Damals wie heute ist das Wannenbad der Hygiene verpflichtet.
Er erinnert sich an Erzählungen seines Vaters: „Zu Zeiten der industriellen Revolution gab es an den Badekabinen Vorhänge, später folgten Türen mit Codeschlössern. Mein Vater erzählte noch von Zeichenkombinationen, die sich der Badegast zu merken hatte. Nannte dieser die korrekte Kombination von Rose, Kuh oder Rädchen, sperrte der Bademeister nach dem Badegang die Kabine wieder auf. Mein Vater erlebte sogar noch Zeiten, zu denen der Gast für 10 Pfennige vom Bademeister seinen Rücken geschrubbt bekam.“
Damen- und Männerschwimmhalle des historischen Bades
In der heutigen Zeit kommen Badegäste in kleinen Gruppen um an die „gute alte Zeit“ eines Badeerlebnisses, wie es ursprünglich war, anzuknüpfen. „Manche ratschen gerne ein wenig am Beckenrad und unsere älteste Kundin schwimmt mit ihren 94 Jahren noch wöchentlich ihre sieben Bahnen im ehemaligen Männerbecken.“ Noch lange Jahre nach der Eröffnung waren Männer- und Frauenschwimmbad von einander getrennt. Erst im Jahr 1989 mussten die Damen ihr Frauenbecken der Allgemeinheit abtreten. Seit über einem Jahrhundert kommen Frauen wie Männer gleichermaßen ins Müller`sche Volksbad.
„Ob der schöne Eingang seines Müller`schen Volksbades noch an Ort und Stelle wäre“, wurde Schichtleiter Christian Förtsch auf einem Aussenrundgang von einem feinen älteren Herrn gefragt. „Der Badegast, der als junger Mann hier in München studiert hatte, sei ein wenig schwächlich gewesen und dementsprechend hätte sein Arzt ihm das Schwimmen verordnet. Im Müller`schen Volksbad habe er dann schwimmen gelernt und könne heute glücklich sagen, daß das Schwimmen im Volksbad ihm im Grunde genommen das Leben gerettet habe. Immer wieder kommen Menschen, die sehen wollen, wie es um das Bad aus ihrer Jugend bestellt ist“, erzählt der Schichtleiter, der schon im elften Jahr seinen Dienst hier tut. „Die Badegäste fühlen sich schon beim Eintritt in unser historisches Bad in eine andere Zeit hinein versetzt und schätzen die persönliche Ansprache. Wir haben keine Kassenautomaten in der Eingangshalle, hier bekommen Badegäste noch eine persönliche Betreuung“, führt Christian Förtsch die Gedanken des Herrn aus vergangen Tagen weiter.
Einer Hommage gleicht die Geschichte der über 80-jährigen Zwillingsschwestern aus Tschechien, die den Weg ins Müller`sche Volksbad suchten. „Das tschechische Bad aus der selben Feder des königlichen Architekten Hocheder fanden wir völlig verschandelt wieder. Im historischen Bau aus dem Jugendstil, in dem wir schwimmen gelernt hatten, waren die Kulturschätze durch Kunststoff ersetzt worden“, berichteten die beiden Damen dem Münchner Schichtleiter ihre persönlichen Erfahrungen.
Im Römisch-Irischen Schwitzbad aus der Jahrhundertwende
Die Badekultur der Antike wurde im 19. Jahrhundert wieder entdeckt, nachdem sie im Mittelalter in Vergessenheit geraten war. Vor 30 Jahren gab es im Schwitzbad eine Seifenmassage auf dem Marmorstein, die nach Plänen der griechisch-römischen Thermen von einen blinden Masseur durchgeführt wurde, von dessen Wunderhänden noch heute berichtet wird. „In den Schwimmhallen wie im Schwitzbad gibt es viel Symbolik, steinerne Gesichter der Medusa und des Neptun im Widerstreit oder auch Anzeichen der Zahlenmythologie, wie zum Beispiel unsere fünf Duschen zur Vorreinigung. In die eiserne Jungfrau, ein Rohrgestell mit unzähligen Spritzdüsen, steigt der Badegast um eiskalte Wasserstrahlen, so scharf wie Messerstiche zu erhalten“, weiss der Schichtleiter zu berichten. Im Wechsel zu dieser Abkühlung gelangt der Schwitzbadbesucher dann in das 35 Grad warme Wasserbecken unter der Lichtkuppel mit seinem Kronleuchter. Die historische Kneippanlage geht auf den irischen Arzt des Stifters Karl Müller zurück, woher auch der Name „irisch-römisches Schwitzbad“ herrührt.
Im Schwitzbad selbst können Badegäste variable Dampfzufuhr erhalten, auf marmornen Bänken neben dem Kaskadenbrunnen unter dem Kuppelgewölbe oder in angrenzenden Ruheräumen entspannen, um dann wieder in den Kreislauf des Schwitzens einzutreten. „Der aus alter Zeit stammende Seifenstein wurde irgendwann nicht mehr angenommen. An seine Stelle trat die zeitgemäße finnische Sauna“, leitet Schichtleiter Christian Förtsch zu den Ruhekabinen unter dem historisch-kunstvollen Tonnengewölbe über.
Seit einem Jahrhundert in geordneten Bahnen - Ruhen unter kunstvollen Gewölben
„Die Arbeiten an den Deckenmalereien über den Ruhekabinen konnten zur 100-Jahr-Feier, die Malereien im Aufenthaltsraum vor zwei Jahren fertiggestellt werden. „Um die letzten Restaurierungsarbeiten am Gewölbe zu betreuen, holte man eigens den Meister, der schon in Rente ist. Dies war wichtig für die dreidimensionale Malerei mit seiner Lichtgestaltung. Entlang des Gewölbeganges liegen die Originalkabinen aus Holz wie an einer Schnur aufgereiht. „An manchen Tagen lege ich von 8 bis 14 Kilometer Strecke auf meinen Rundgängen zurück“, berichtet der Schichtleiter über das große Areal des Müller`schen Volksbades. Bei seinen monatlich stattfindenden Rettungsübungen springt er zusätzlich ins Wasser. „Tauchen, den tiefliegenden Wasserspiegel überwinden, den Geretteten am Beckenrand übergeben - der Ernstfall kommt im Badebetrieb allerdings recht selten vor. Hier verläuft alles seit über einem Jahrhundert in geordneten Bahnen“, kann Christian Förtsch berichten. Gegen Ende des Rundgangs weist er auf den neu dazu gekommenen Aussenbereich und erklärt: „Damals befand sich hier der Zugang zum Maschinenhaus. Das Atrium wurde einvernehmlich ohne Plastikmaterialien erschaffen und bietet einen Aussenbereich unter freiem Himmel mit Blick auf die schöne Landschaft um die vorbei strömende Isar.“
Mit einer Anekdote aus dem Schwimmbad beendet der Schichtleiter diese großartige Führung durch das Badehaus-Areal: „Ein Badegast fragte, wie viel Wasser die Becken beinhalten, ich erklärte ihm, es wären ungefähr 1000 Kubikmeter Wasser im gesamten System beider Wasserbecken, worauf der Gast die Frage stellte, ob die Bäderbetriebe es wöchentlich oder monatlich abließen.“ Auf die Antwort des Bademeisters, „das Wasser würde einmal jährlich zur Reinigung des Beckens abgelassen, verwies der Badegast weinend auf seine, im Wasser verloren gegangene Kontaktlinse.“
Quelle: Vor-Ort-Recherche, Interview Christian Förtsch
Saunabereich nur für Damen: dienstags ganztägig, freitags bis 15:00 Uhr.
