Das Songschreiber-Team Lennon/McCartney

The Beatles - c Apple Corps Ltd
The Beatles - c Apple Corps Ltd
Zusammen schrieben Lennon und McCartney den Großteil der über 200 Beatlessongs. Die Rivalität zwischen den beiden wurde zum kreativen Motor der Beatles.

Schon in den späten Fünfziger Jahren, als die Beatles noch als eher erfolglose Gruppe durch die Lande zogen, schrieben Lennon/McCartney unzählige Songs, die jedoch – mit wenigen Ausnahmen – nie den Weg auf eine ihrer späteren Platten fanden. Als der kometenhafte Aufstieg der Beatles im Jahr 1963 begann, wurde die Zusammenarbeit zwischen den beiden enger und professioneller.

McCartney und Lennon: So verschieden wie Tag und Nacht

Man könnte die kompositorische Zusammenarbeit der beiden so charakterisieren: Lennon und McCartney waren als Mensch und Musiker zwei völlig unterschiedliche Typen – die sich fabelhaft ergänzten. Paul McCartney war „ein Singvogel mit einer überschäumenden Gabe für Melodien, für einen Rhythmus zum Mittrommeln und für aufheiternde Gefühle“, schreibt Mark Hertsgaard. John Lennon ist für ihn der „Dichter, der eine verquere, absurde Einstellung zum Leben hatte, dessen Songs häufig seltsame Rhythmen brauchten und mit ein oder zwei Akkorden auskamen. Wo McCartney dazu neigte, über andere Menschen zu schreiben, beschäftigte sich Lennon mit sich selber. Und wenn McCartney für den Großteil der populären Erfolge der Beatles verantwortlich ist (…), so kamen von Lennon eher die Manifeste“. Auch wenn dies ein wenig Schwarzweiß-Malerei und etwas übertrieben ist, so steckt doch eine gewisse Wahrheit in Hertsgaards Einschätzung.

Lennon/McCartney komponierten ab 1965 getrennt

McCartney komponierte seine Melodien meist lange, bevor an einen Text überhaupt zu denken war. Lennon hingegen begann meistens mit dem Text und fügte dann die Musik hinzu. Und er motivierte McCartney, seine Songtexte zu verbessern. In den frühen Jahren komponierte man gemeinsam, „Auge in Auge“, wie McCartney einmal sagte. In späteren Jahren (ab 1965) komponierte jeder für sich allein und besprach mit dem anderen dann meist erst den mehr oder weniger fertigen Songentwurf. Oft wurden auch zwei völlig unterschiedliche Entwürfe zusammengefügt, wodurch ein einziger, neuer Song entstand (z.B. „A Day in the Life“). Zusammengearbeitet wurde jedenfalls immer, nur George Harrison war als Songwriter ein Einzelgänger.

Paul McCartney war der bessere Sänger der beiden, und das merkt man seinen Songs auch an: Seine Melodielinien beinhalten größere Intervallsprünge und sind eher vertikal angelegt, während Lennons Melodien sich eher flacher, als horizontale Linie, fortbewegen.

Imagepflege: McCartney ist ein Leichtgewicht, Lennon der Intellektuelle

Paul McCartney gilt als der Vollblutmusiker, der nicht nur sein Instrument – den Bass – hervorragend beherrschte, sondern auch ein sehr guter Schlagzeuger und Pianist war. John Lennon hingegen gilt als der Intellektuelle, dessen Schwerpunkt eher auf dem Wort als auf der Musik liegt. Er gilt als derjenige, der härtere Töne anschlägt und sich mit Avantgarde beschäftigt, während McCartney eher seichte musikalische Gefilde bereist. Es stimmt, dass McCartney technisch gesehen der bessere Musiker ist und für „leichter verdauliche“ Hits wie „Yesterday“, „Yellow Submarine“ oder „Michelle“ verantwortlich zeichnet, und dass Lennon oft schwieriger zugängliche Songs wie „Tomorrow Never Knows“ oder „I’m the Walrus“ schrieb. Jedoch schrieben die beiden auch für sie „untypische“ Songs, wie z. B. „Helter Skelter“, das kreischende Rock-Stück von McCartney, oder die zarte Ballade „Julia“ von Lennon. Die Wahrheit liegt gewöhnlich irgendwo in der Mitte. Außerdem bleibt anzumerken, dass es Paul McCartney war, der die Beatles mit der Avantgarde (und Yoko Ono) bekannt machte.

Lennon und McCartney ergänzten sich perfekt

Lennons Schulfreund Pete Shotton erinnert sich: „Pauls Gegenwart verhinderte, daß John sich zu sehr in Unverständlichkeiten und Maßlosigkeit verlor, während Johns Einfluss verhinderte, daß die seichten und sentimentalen Aspekte in Pauls Kompositionen zu sehr überhandnahmen“. In den Siebziger Jahren, als jeder der Beatles eine Solokarriere anstrebte, zeigte sich, dass Shotton Recht hatte. Natürlich schrieben Lennon und McCartney weiterhin qualitativ hochwertige Songs, aber genauso fanden sich auf ihren Alben äußerst durchschnittliche Kompositionen, die es in Beatlestagen niemals auf eine Platte geschafft hätten. Im ständigen Konkurrenzkampf zwischen den beiden bestanden nur die allerbesten Songs, und ihre Rivalität als Songschreiber trieb Lennon und McCartney zu musikalischen Höchstleistungen an. Diese Konkurrenz erwies sich als äußerst fruchtbar und fachte die Kreativität des jeweils anderen an; zerstörerisch wurde dieser Kampf erst, als daraus bitterer Ernst wurde und unüberbrückbare persönliche Differenzen das Team Lennon/McCartney entzweiten.

Quellen:

  • Mark Hertsgaard: The Beatles. Die Geschichte ihrer Musik. München 1995
  • Elisabeth Vock: The Beatles: Revolver. Popmusik als inhaltliches Konzept. Diplomarbeit, Wien 2005
  • Walter Everett: The Beatles als Musicians. Revolver through the Anthology. NY 1999

Elisabeth Vock - Geboren 1978 in Wien, wuchs ich am Land auf, zwischen Musikinstrumenten und Pferden. Bereits im Grundschulalter begann ich, Geschichten zu ...

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