
- Hochhaus in der Neustadt von Tunis - François Maher Presley
Tunis (unter den Römern Thuni, bei den Arabern Tunes), die Hauptstadt Tunesiens, der ehemaligen römischen Provinz Africa, gehört neben Tripolis, Khartoum oder Amman zu den arabischen Hauptstädten, die eher keine Reise wert sind und es verwundert, warum diese Stadt dennoch touristisch überlaufen ist. Zur Hauptstadt des Landes wurde Tunis 1160, nachdem es bereits 700 n. Chr. durch die Araber erobert wurde. Tunis wurde im 9. Jahrhundert vor Chr. von den Phöniziern gegründet, die sich als Seefahrer u.a. hier niedergelassen hatten. Ganz in der Nähe entstand bekanntlich um 814 v. Chr. Karthago, das Königin Didon aus Tyrus gründete, und das sich heute als Villenvorort von dem immer größer werdenden Tunis vereinnahmen lässt.
Die wenigen schönen Bautenin Tunis
Eigentlich hatte die Stadt, in der heute mit über 3 Millionen Einwohnern immerhin 30 % aller Tunesier leben, nie eine Hochkultur. Es sind faktisch keine Sehenswürdigkeiten historischer oder architektonischer Art vorhanden, nimmt man die St. Georg Kathedrale der griechisch orthodoxen Kirche aus dem 19. Jahrhundert oder das Stadttheater im Jugendstil einmal aus, die die einzigen Gebäude an der die Innenstadt durchziehenden Hauptstraße Avenue Habib Bourguiba, eine Kopie des Champs Elyseé, sind, die man als herausragend bezeichnen könnte und an deren einem Ende das Bab el-Bahar, das Meerestor, an einem anderen Ende die Porte de France einem den Zugang in die Souks der Medina gewähren. Denn Tunis wurde während der französischen Besatzung nicht nur entsprechend geprägt, es wurden auch gleich die Altstadtmauer und einige Nebenbauten abgerissen.
Weit verzweigte Altstadt
Die Medina und Souks sind weit verzweigt und vielleicht auch eine der Erklärungen dafür, warum so viele Touristen die Stadt besuchen. Zwar sind die Basare in Marrakesch größer und schöner, die Sakralbauten in Kairo großartig und das Leben in Damaskus orientalischer, doch für viele Franzosen, Spanier und Italiener liegt der Reiz dieser Stadt wohl an der europäischen Prägung mit den nicht zu dominanten arabischen Sitten und Gebräuchen und weniger an Kunst, Kultur und Historie. Dennoch führen alle Wege der verschlungenen Souks zum Mittelpunkt der Medina, zur ab 732 erbauten Djamma ez-Zitouna, der Ölbaummoschee, die gegen ein Eintrittsgeld auch von Ungläubigen und Frauen, im Islam untergeordnet, betreten werden dürfen. Die Moschee hat drei Eingänge für Gläubige, darunter einen für Frauen und einen für Kinder. Hier befindet sich auch eine theologische Hochschule mit einer der größten Bibliotheken islamischen Schrifttums.
Sakralbauten und Geschichte
Kurz vor dem Haupteingang zur Moschee findet sich ein Waschhaus. Zu den fünf Säulen des Islam gehört, dass sich der Gläubige vor den täglichen Gebeten einer Waschung zu unterziehen hat.
Im Westen der Stadt liegt das Bardo-Museum, ein Palast in dem Fundstücke aus der Zeit der Punier und der Römer zu finden sind, darunter die wunderbar erhaltenen Mosaike "Die Irrfahrten des Odysseus" und "Vergil zwischen zwei Musen".
Trotz der heutigen Tristesse gelangte die Stadt zwischen 1229 und 1574 zu Wohlstand, und Karl V. eroberte Tunis 1335 für Spanien, 1574 Sinan Pascha für das Osmanische Reich, bevor 1881 ganz Tunesien französisches Protektorat wurde.
Die Lebenswirklichkeit
Der europäische Einfluss war schon damals sehr groß, und so wurde Tunis auch immer als das europäische Tor zum Orient gewertet. Von alledem ist heute nicht mehr viel übrig. Wie vieles in Tunesien verfällt auch die Hauptstadt. Wenige Bauten aus der Kolonialzeit erinnern an schönere Tage. Die meisten Neubauten seit der Unabhängigkeit 1956 sind oder beginnen zu verfallen. Tunis ist keine gepflegte Stadt. Während sich einige Hundert Müllmänner um die Reinigung der Straßen mühen, werfen täglich Millionen von Menschen neuen Abfall in die Gegend. Das System im Alltag scheint „Jeder gegen jeden“ zu lauten. Es gilt oft nur, um jeden Preis an Geld heranzukommen, einen Touristen zu heiraten, ins Ausland mitgenommen zu werden.
Der durchschnittliche Einwohner der Stadt verdient, soweit er überhaupt Arbeit findet, etwa 150 Dinar (ca. 80 Euro) im Monat und muss dafür sechs Tage und 10 Stunden am Tag arbeiten. Das Problem ist, dass die Lebenshaltungskosten in Tunis in etwa denen in einer mitteleuropäischen Stadt entsprechen. Dementsprechend leben die meisten jungen Menschen noch zu Hause, versuchen sich mit einem Zweitjob, mit dem Kennenlernen eines Touristen oder eines reichen Arabers vom Golf. Geld scheint alles in Tunis, die Oper ist nichts und fast immer geschlossen, während man täglich shoppen kann, die Lieblingsbeschäftigung der jungen Menschen in diesem sehr armen Land. Kleidung, hier insbesondere Schuhe, ist die große Leidenschaft, für die auch schon mal gehungert wird.
Die Vororte und die herrschende Klasse
Doch hat auch Tunis Vororte, in denen die Wohlhabenden, die Ausländer oder Diplomaten und die Herrschenden leben. Dazu gehört die Vorstadt Karthago und die vom Stadtkern etwa 19 km entfernte Stadt Sidi Bou Said, deren Altstadt seit 1915 unter Denkmalschutz steht.
In Karthago haben die meisten Botschafter ihre Residenzen, auch die Europäische Kommission ist sehr großzügig und standesgemäß vertreten. Der Präsident des Landes, Zine El Abedine Ben Ali wurde mit 99,4 % 1999 in seinem Amt „bestätigt“, steht heute nach 22 Jahren Herrschaft wieder zur Wahl und hat sich auf dem geschichtsträchtigen Boden von Karthago mit einer schönen, aufwendigen und sehr großen Moschee, die seinen Namen trägt, verewigt.
Seinen aktuellen Palast hat der Despot in Sidi Bou Said, einer Vorstadt am Golf von Tunis, in der in den Bars auch Alkohol ausgeschenkt werden darf, Diskotheken vorhanden sind und an die Möglichkeit der Bordell-Besuche gedacht wurde. Im 16. Jahrhundert hatten sich hier die spanischen Flüchtlinge aus Andalusien angesiedelt, daher die andalusisch geprägte Bauweise. Ansonsten war hier nur der Aufenthalt des Malers August Macke von Bedeutung, der im Café Nattes 1914 das Bild „Blick auf eine Moschee" malte.
