Das Tulpenfestival in Holland im US-Bundesstaat Michigan

In Holland gibt es auch eine Windmühle, De Zwaan - Cornelia Schaible
In Holland gibt es auch eine Windmühle, De Zwaan - Cornelia Schaible
Es gibt eine Windmühle, Holzschuhe und holländische Trachten. Dazu Tulpen. Viele Tulpen! Die Stadt am Michigansee hält ihre niederländische Tradition hoch.

Die Online-Suche nach Informationen über ein Tulpenfestival in Holland kann einen ganz schön in die Irre führen – jedenfalls, wenn man sich an englischsprachige Seiten hält. Aber wer kann schon Niederländisch? So kann es leicht passieren, dass die prachtvollen Tulpen neben einschlägigen Veranstaltungshinweisen an einer ferneren Küste zu finden sind als zunächst vermutet: nicht im Nachbarland der Deutschen, sondern ganz weit weg im Mittleren Westen der USA. Auch in Holland im Bundesstaat Michigan wachsen Tulpen, sogar eine ganze Menge. Und wenn die blühen, ist das allemal ein Anlass zum Feiern.

Wie bei unzähligen anderen Städten und Dörfern in Nordamerika erinnert der offizielle Name der „Tulip City“ an die Heimat der Kolonisten. Dass der Südwesten von Michigan viele niederländische Siedler anzog, belegen neben Holland weitere Ortsnamen im näheren Umkreis: Graafschap, Overisel, Friesland, Zeeland und Groningen seien nur als Beispiele genannt.

Der Südwesten von Michigan zog viele niederländische Siedler an

Gegründet wurden diese Ortschaften Mitte des 19. Jahrhunderts von Mitgliedern evangelisch-altreformierter Gemeinden in den Niederlanden, die in die USA ausgewandert waren, um ihren Glauben ohne Repressalien ausüben zu können. Der Prediger Albertus Christian van Raalte begründete 1847 die niederländische Kolonie am Black Lake, heute Lake Macatawa, aus der die Stadt Holland hervorging. Auf van Raalte, heute eine mythisch verklärte Figur, geht auch das Hope College zurück: Die kleine private Hochschule sorgt für Studentenflair in der Stadt, die sich heute vom ursprünglichen Siedlungskern an Südufer des Flusses Macatawa bis hin zum wenige Meilen entfernten Michigansee ausdehnt.

Holland ist verkehrsgünstig gelegen; sowohl von Detroit als auch von Chicago aus dauert die Anreise ungefähr drei Stunden. Außerhalb der Tulpensaison fahren die meisten Besucher direkt zum Holland State Park, der einen gepflegten, in der Hochsaison allerdings ziemlich überlaufenen Strand direkt am Lake Michigan besitzt. Manche fotografieren auch nur „Big Red“, den roten Leuchtturm auf der anderen Seite des Macatawa River, und ziehen dann weiter – einige der schönsten Badestrände von Michigan befinden sich an der Westküste des Bundesstaates, von Holland aus gesehen gibt es sowohl in nördlicher als auch in südlicher Richtung lohnende Ziele. Wenn die Tulpen blühen, ist es für Badefreuden allerdings noch zu kalt.

An der Küste des Michigansees blühen die Tulpen bis weit in den Mai

Der Frühling hält überhaupt erst spät Einzug in Michigan. Offiziell beginnt das Tulip Time Festival am ersten Samstag im Mai und dauert dann eine Woche lang. Theoretisch könnte man in den meisten Jahren ausgiebig die Tulpenblüte in Europa würdigen, und dann bliebe immer noch ausreichend Zeit für Michigan. Nur selten, wenn das Frühjahr ausnahmsweise etwas wärmer ausfällt, stehen die Festival-Besucher vor kahlen Stängeln, von denen sich die Blütenblätter bereits verabschiedet haben – meistens jedoch zieht sich die Tulpensaison bis weit in den Mai hinein. Aber wo kann man sie am besten sehen?

Die Tulpe ist insofern eine bemerkenswerte Blume, als sie zwar einzeln in der Vase sehr hübsch anzuschauen ist, aber im Freien nur wirklich etwas hermacht, wenn es davon Tausende gibt. Besser gesagt: Abertausende. Insofern waren die 100.000 importierten Tulpenzwiebeln, die im Jahr 1929 auf Anregung der Biologielehrerin Miss Lida Rogers gepflanzt wurden, ein guter Anfang. Heute blühen in der Stadt Holland nach offiziellen Angaben ungefähr 6 Millionen Tulpen.

Tulpen wachsen auf Grünstreifen in der Innenstadt, in öffentlichen Parks und bei allen touristischen Attraktionen: Im Dutch Village, einer Art von Klein-Holland à la Disneyland, sowie in den Windmill Island Gardens, die der Stadt gehören, gibt es ausgedehnte Tulpenfelder. Die prächtigsten Pflanzungen finden sich indessen auf der Veldheer Tulpenfarm im nördlichen Stadtgebiet, wo man gegen eine Eintrittsgebühr zwischen Millionen von Tulpen lustwandeln kann – wenn man den Höhepunkt der Blütezeit erwischt, erstrecken sich dort scheinbar endlose Beete in leuchtendem Rot, Weiß, Gelb oder Lila. Außer Tulpenzwiebeln kann man bei Veldheer auch Keramik in Delfter Blau kaufen sowie Holzschuhe, die teilweise lokal hergestellt werden.

Das Tulpenfest in Holland ist eine Rückbesinnung aufs kulturelle Erbe

Nun ist es nicht so, dass die niederländischen Traditionen ohne Unterbrechung in die Neuzeit herübergerettet wurden – es handelt sich vielmehr um eine Rückbesinnung. Außer dem Spruch „God zy met ons“ im Stadtwappen sowie vielen holländisch klingenden Namen gab es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr viel, was an den Ursprung der Siedlung erinnert hätte. Das änderte sich nach der ersten Tulpenblüte, die bereits zahlreiche Besucher angelockt hatte: Holland feierte fortan jährlich ein Tulpenfest, das sich immer mehr vom Ursprungsland inspirieren ließen. Holzschuhtänzer, die Klompen Dancer, treten in den passenden Kostümen seit 1935 beim Tulpen-Festival auf. Ein Kunsthandwerkermarkt sowie Konzerte gehören heute ebenfalls zum Fest, und alles steht im Zeichen der Tulpenblüte.

Ähnlich wie in Frankenmuth auf der östlichen Seite des Bundesstaates, wo die Einwohner seit einigen Jahrzehnten das fränkisch-bayerische Erbe wieder aufleben lassen, erkennt man auch in Holland das Bedürfnis nach Wiederbelebung oder vielmehr Neueinführung eines Brauchtums, das in dieser Form auf amerikanischem Boden gar nie existiert hat. Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl und ist gut für den Tourismus.

Mitten in den Tulpenfeldern steht sogar eine historische Windmühle

Ein besonders augenfälliges Beispiel für diesen Wunsch, an die Vergangenheit wieder anzuknüpfen, ist die 250 Jahre alte Windmühle „De Zwaan“, die ursprünglich in der Nähe von Amsterdam stand und bereits in den Niederlanden einmal transloziert wurde. Ein Ehepaar aus Holland kaufte das historische Bauwerk, das stark beschädigt war – das war der Grund, weshalb überhaupt eine Ausfuhrgenehmigung erteilt wurde; seither verließ keine Windmühle mehr die Niederlande. Im Jahr 1964 wurde „Der Schwan“ zerlegt, verschifft und auf einer Insel im Macatawa River wieder aufgebaut, was ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Die Mühle ist voll funktionsfähig, und es gibt sogar eine Müllerin namens Alisa Crawford, die ihr Handwerk in den Niederlanden ordentlich gelernt hat. Es lohnt sich auf jeden Fall, den Mühlturm zu besteigen: Von hoch droben hat man den besten Blick auf die Tulpenfelder in den Windmill Island Gardens.

  • Windmill Island Gardens, 7th Street & Lincoln Avenue, Holland, Michigan 49423
  • Veldheer Tulip Gardens, 12755 Quincy Street, Holland, Michigan 49424

Quellen und weiterführende Texte

Cornelia Schaible, Cornelia Schaible

Cornelia Schaible - Geboren 1963, verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Marseille, studierte anschließend Germanistik sowie Allgemeine ...

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