Gütesiegel sind bares Geld wert. Zertifizierungen nach ISO 9001 (Qualitätsmanagement) sind Voraussetzung dafür, überhaupt um einen Auftrag mitbieten zu können - selbst in Nischenmärkten wie der Wartung von Öfen zur Glasschmelze. Ein Zertifikat als Entsorgungsfachbetrieb ist faktisch Voraussetzung dafür, dass ein Betrieb als Entsorger oder Recycler von Müll, auch von Sondermüll oder Giftstoffen, tätig sein darf. Zertifikate öffnen auch "schmutzigen" Firmen die Türen der Wirtschaft, Geldgeber und der Politiker und lassen sie in den Genuss von öffentlicher Förderung kommen. Ohne Zertifizierungen ist kaum mehr ein Unternehmen lebensfähig. Entsprechend wichtig ist das Zertifizierungsgeschäft inzwischen - und entsprechend gefährdet.

Prinzip: Trennung von Beratung und Zertifizierung

Zertifikate werden von Gutachtern ausgestellt, die wiederum von anderen zertifiziert werden und sich zum Beispiel bei der dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellten DAkkS akkreditieren müssen. Wenn es um sensible Bereiche wie die Entsorgungsbranche geht, müssen sie von den zuständigen Behörden als Sachverständige im jeweiligen Bereich anerkannt werden. Sie sind gebunden an gesetzliche Vorgaben, wie die Entsorgungsfachbetriebeverordnung (EfbV), die klar die Unabhängigkeit der Zertifizierer fordert (siehe LAGA). Ein wichtiger Grundsatz im Rahmen der Zertifizierung ist die Trennung von Beratung und Zertifizierung. Der Unterschied zwischen Beratern und Zertifizierern ist jedoch fließend.

Was machen Berater, was Zertifizierungsgutachter?

Was machen Beratungsunternehmen? Beratungsunternehmen beraten andere Unternehmen, zum Beispiel um deren Abläufe zu optimieren oder um Schwachstellen herauszufiltern. Dabei analysieren und sprechen sie Empfehlungen aus, oft führen sie selbst bei Bedarf Qualifizierungsmaßnahmen durch. Bei Firmen, die zertifiziert werden wollen, ob nach ISO oder als anerkannter Fachbetrieb, beraten sie im Vorfeld und profitieren, wenn durch Gutachter Mängel erkannt werden, da sie engagiert werden, um diese abzustellen. Sie sind also explizit für das Unternehmen, in seinem Auftrag und in seinem Sinne tätig.

Zertifizierungen sollen dagegen von Sachverständigen durchgeführt werden, die dem Unternehmen gegenüber, das überprüft wird, eine neutrale und unabhängige Position einnehmen. So sollen keine Abhängigkeiten und keine andere Geschäftsbeziehungen zwischen Zertifizierer und Firma bestehen, insbesondere dürfen die Zertifizierer nicht beratend für sie tätig sein. Viele Zertifizierer - ob Firmen mit angestellten Gutachtern (Zertifizierungsstellen) oder freiberuflich tätige "Einzelkämpfer" (Sachverständige) - sind in beiden Bereichen, also als Berater und als Zertifizierer, tätig. Denn für beide Aufgaben bringen sie ja entsprechende fachliche Qualifikationen mit.

Beispiel: Audit und Zertifizierung durch ehemaligen Mitarbeiter

Und es gibt viele Beispiele wie diese beiden: Der kommunale Entsorgungsbetrieb AGR verfügt für den Standort Herten für 2011 über ein EfbV-Zertifikat (Screenshot siehe unten). Die Zertifzierung wird durch die Entsorgergemeinschaft der Deutschen Entsorgungswirtschaft e.V. (EdDE), durchgeführt. Der verantwortliche Sachverständige, der das untenstehende Zertifikat unterschreibt, ist Bernd Eisfeld. Bei der AGR wird er bis 13. Mai 2011 als Ansprechpartner für die Abteilung BFUB geführt (inzwischen wurde die Webseite geändert). Bei Recherchen ergibt sich, dass er inzwischen selbstständig ist mit einer Firma mit dem seltsam ähnlichen Namen BFUB-Cert. Den Namen hat er im Rahmen eines Management-Buy-Outs gleich mit gekauft. Nach eigenen Angaben und nach Angaben seines Auftraggebers, des Geschäftsführers Weyers von der EdDE, war Eisfeld "vor langer, langer Zeit" bei der AGR beschäftigt. Erst auf mehrmalige Nachfrage hin gibt Eisfeld an, dass er bis 2006 in der AGR-Unternehmensgruppe tätig gewesen sei. Das sei aber "durch die Behörden längst durchgeprüft". Kann ein ehemaliger Mitarbeiter ein unabhängiger Gutachter sein? Sind fünf Jahre eine so lange Zeit, dass die Loyalität eines Mitarbeiters verschwunden ist?

Zertifikat durch Entsorgergemeinschaft im gleichen Haus

Entsorgergemeinschaften können wie Technische Überwachungsorganisationen (TÜO) Zertifizierungen durchführen. Das Besondere an ihnen ist, dass die Entsorger, das heißt die zu zertifizierenden Betriebe, ihre Mitglieder sind. Hier kann es also gar keine Unabhängigkeit geben. Zertifizierende Entsorgergemeinschaften sind per se nicht unabhängig. Bei der Hamburger Entsorgergemeinschaft ReMa wird dies überdeutlich: Sie führt die EfbV-Zertifizierungen des Entsorgungsgiganten Veolia durch. Dessen Adresse: Hammerbrookstraße 69, 20097 Hamburg. Adresse der ReMa: Hammerbrookstraße 69, 20097 Hamburg (Screenshot ebenfalls unten).

Verwaschene Trennung von Beratung und Zertifizierung bei Behörden

Das Problem von Interessenskonflikten ist aber nicht nur bei Entsorgergemeinschaften und in der Praxis vorhanden. Die Trennung von Beratung und Zertifizierung gibt es nicht einmal auf dem Papier. In der "Vollzugshilfe Entsorgungsfachbetriebe" der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall heißt es zum Thema Unabhängigkeit der Gutachter in schwammiger Formulierung: die erforderliche Unabhängigkeit sei "in der Regel" nicht gegeben, wenn der Sachverständige "in dem zu überprüfenden Betrieb in den letzten 2 Jahren" im Bereich der Entsorgungsfachbetriebeverordnung beratend tätig war. Er darf aber zum Beispiel als Berater für eine Industrie- und Handelskammer tätig sein oder für "eine Selbsthilfeeinrichtung für Unternehmen …, die sich als Entsorgungsfachbetrieb zertifizieren lassen können" (Seite 6/7). Ein Insider berichtet, dass mehrere Regierungspräsidien Inhabern einer Beratungsgesellschaft erlauben, zugleich Leiter einer Technischen Überwachungsorganisation (TÜO) zu sein. Nicht nur der Gift-Skandal bei Envio lässt also an der Güte der Zertifkate zweifeln.

Weiterführende Links zum Thema Zertifizierungen

(in Kooperation mit Vera Kriebel)