Ganz ehrlich: Wer hat schon mal etwas von Lesotho gehört? Wo liegt es: Südamerika? Afrika? Bei Indien? Das kleine Land hat im Laufe seiner spannungsgeladenen Geschichte viele Namen und Bezeichnungen erhalten. Die einen schön, umschmeichelnd und werbend, die anderen nur nützlich, vergeblich und vergänglich. „Die Schweiz Afrikas" ist eine von den Bezeichnungen. Doch ist damit nicht die glückliche finanzielle Lage des europäischen Staates gemeint, sondern die kontinentale.

Viele Daten sind geschätzt

Lesotho liegt wie das deutsche Nachbarland in einer Gebirgslandschaft, einzigartig in ganz Afrika. Kein Höhenmeter im ganzen Land, das vollständig von Südafrika umschlossen ist, geht unter die 1.500-Meter-Grenze. Und trotzdem herrscht manchmal dicke Luft im Land, etwa bei den Unruhen von 1998, als plötzlich Fabrikhallen brannten und die Bevölkerung wütend auf der Straße stand. Truppen aus Botswana und Südafrika marschierten ein und beruhigten die Menschen durch ihre Präsenz. Seitdem ist es verhältnismäßig ruhig geblieben.

Viele Daten über Lesotho sind geschätzt. Die Einwohnerzahl schwankt grob zwischen 1,8 und 2,2 Millionen, also um rund ein Fünftel. Mal leben 70 Prozent der Basotho auf dem Land, dann wieder der gleiche Anteil von ihnen im Tiefland rund um die Hauptstadt. Bei den einen wächst die Bevölkerung Lesothos rapide an, bei den anderen nähert sich das Wachstum ähnlich wie in Deutschland dem Nullpunkt.

Kampf gegen Aids

Nur ist anders als in Deutschland nicht die Tatsache daran schuld, dass immer weniger Kinder geboren werden, sondern dass Aids einen Großteil der Aufwachsenden dahinrafft. „Die deutsche Botschaft in Pretoria fürchtet, dass Lesotho in seinem Bestehen gefährdet ist, wenn kein Umschwung im Kampf gegen Aids gelingt", sagt der deutsche Entwicklungshelfer Peter Lahann. Und tatsächlich. Seit einigen Jahren sind die Samstage bei nahezu allen Basotho für die Familie reserviert. Für Beerdigungen.

Umso verwunderlicher erscheint es, dass die Regierung kaum etwas gegen die Krankheit zu unternehmen scheint. Ab und zu stehen ein paar ausgebleichte Plakatwände mitten im Nirgendwo, von denen heruntergeschrien wird: „Benutzt Kondome!" Doch kaum ein Basotho schaut nach oben. Sieht so eine erfolgreiche Aufklärungskampagne aus? „Das Schlimme ist, dass es gerade erst angefangen hat", denkt sich der gebürtige Lübecker, der beim Evangelischen Entwicklungsdienst angestellt ist. Jede Woche wachsen die Friedhöfe um ein paar Hügel frischer Erde an.

Die Hauptstadt Maseru

Das Herz Lesothos schlägt in Maseru, wenn auch im Ruhepuls. Zumindest was die Produktivität betrifft. Hier und im nahen Umland liegen die einzigen ebenen Flecken, die allesamt intensiv für den Ackerbau genutzt werden. Hier treffen sich am Geldautomaten die Minenarbeiter, die aus Südafrika Geld, für lesothische Verhältnisse viel Geld nach Hause bringen, mit den Jugendlichen, die versuchen, in einem sich entwickelnden Land zwischen MTV und Aids klar zu kommen.

Vom Basotho Hat Gebäude aus, dem Wahrzeichen des Landes, das die Form des oft getragenen Strohhutes nachahmt, erstreckt sich die einzige wirkliche Hauptstraße der Hauptstadt: der Kingsway. Hier gibt es die kleinen und großen Geschäfte. Der Alcohol-Shop (ein viel besuchter Schnapsladen) liegt direkt neben dem „Hungry Lion", einer ebenso gern gesehenen südafrikanischen Fastfood-Kette. Die Hungry-Lion Filiale am Kingsway ist die einzige des ganzen Landes. Der letzte Buchladen hat vor ein paar Monaten geschlossen, immerhin gibt es ein neues Internetcafe am Kingsway, an dem Händler Karten für aufladbare Mobiltelefone verkaufen.

Bis zum kleinen Güterbahnhof reicht die rund fünf Kilometer lange Straße, an der auch so mancher Arbeitslose auf einen schnellen Maloti, die Landeswährung, hofft.

Am Busbahnhof herrscht immer Hochbetrieb. Und wenn der Regen am Abend vorher gekommen ist, mutiert die Suche nach dem richtigen Steig zur Rutschpartie. Denn geteert sind hier nur die Lungen der vielen Raucher, die neben Omas, die ihre Enkel an der Hand halten, und dem Geschäftsmann, der seine Familie im Landesinnern besuchen will, auf den Bus warten. Und das kann dauern, feste Abfahrtszeiten existieren nicht. Entweder der Bus kommt. Oder er kommt eben nicht.

Pferd statt Auto

Überall in der Stadt herrscht reger, fast chaotischer Linksverkehr. Außerhalb bleibt der Verkehr auf der linken Seite, nur rege ist er dann nicht mehr. Denn auf 1.000 Einwohner kommen nicht mal 50 Autos. Und die teilen sich die knapp 1.200 Kilometer asphaltierte Straßen im ganze Land.

Dabei sind in Lesotho inzwischen neue Gegenden mit Straßen erschlossen worden. Doch das wichtigste Fortbewegungsmittel im Hochland ist und bleibt immer noch das Pferd. Autos haben es schwer in dem bergigen Terrain, das nach Regenfällen oft von Sturzfluten überrollt wird. Ohne Allradantrieb ist man außerhalb der Hauptstadt Maseru und fern ab von den beiden geteerten Landstraßen „Main Road North" und „Main Road South" sowieso meist aufgeschmissen.

Asiatische Textilfabriken

In der Hauptstadt produzieren asiatische Textilfabriken im Auftrag von Levi's, Gap und anderen Marken Unmengen von Jeans, T-Shirts und Baumwollhemden, die allesamt in die USA exportiert werden. Die Chemikalien leiten sie unaufbereitet in den Fluss, der praktischerweise direkt an den Fabriken liegt und wegen der tintenblauen Färbung aus der Jeansfabrik den Namen „Blue River" bekommen hat.

Umweltschutz ist in Lesotho kein Thema. Bei seinen Reisen durch das Landesinnere begegnet Lahann immer wieder Chinesen, die selbst im abgelegensten Winkel kleine Läden betreiben. Sie haben sich hier in der Hoffnung auf ein besseres Leben niedergelassen. Weg von den überfüllten chinesischen Großstädten, hinein in das Leben von vor 100 Jahren. Das hatte ihnen wahrscheinlich niemand gesagt.

Die chinesischen Arbeiter stellen die größte Ausländergruppe in Lesotho dar. Die Basotho sind nicht gut auf sie zu sprechen. „Sie nehmen uns unser Geld weg", „es sind zu viele" oder auch nur ein abfälliges Grinsen ist alles, was sie für die Chinesen übrig haben. Auch im ärmsten Staat haben die Menschen Zeit für Fremdenhass.