
- Dom zu St. Stephan, Wien - Robert Harsieber
Für Christen ist Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Aber in ihm hat sich Gott allen Menschen zugewandt. Ziel ist daher nicht die Kirche als solche, sondern der Anspruch der Liebe Gottes, die sie verkündet. Christen sind damit nicht „im Besitz der Wahrheit“, sondern sie haben einen Maßstab, den sie vor allem auf sich selbst anwenden müssen. Darauf kommt es an und nicht auf die Zugehörigkeit zu einer Konfession.
„Nicht das (religiöse) System und das Einhalten eines Systems rettet den Menschen, sondern ihn rettet, was mehr ist als alle Systeme und was die Hoffnung aller Systeme darstellt: die Liebe und der Glaube, die das eigentliche Ende des Egoismus und der selbstzerstörerischen Hybris sind. Die Religionen (und auch das Christentum) helfen soweit zum Heil, soweit sie in diese Haltung hineinführen; sie sind Heilshindernisse, soweit sie den Menschen an dieser Haltung hindern“. Das sagt Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.
Derselbe Geist ist in der ganzen Welt am Werk
Wenn das Christentum beansprucht, dass in Jesus Christus die Güte Gottes in unüberbietbarer Weise Mensch geworden ist, dann heißt das nicht, dass damit alles andere hinfällig geworden wäre. Auch andere Religionen können Manifestationen des Heiligen und Wege sein, die zu Gott führen. Die Selbstoffenbarung Gottes ist in der Person Jesu konzentriert, aber nicht auf sie begrenzt. Jesus ist für Christen zwar die endgültige, aber nicht einzige Offenbarung Gottes. „In anderen Religionen (und über sie hinaus) kann daher derselbe bestimmte Logos und Geist unbedingter Liebe am Werk sein, der in Jesus Christus authentisch Ereignis geworden ist“ (Hans Kessler).
Das Wort Gottes ist in Jesus Christus Fleisch geworden, es ist aber auch „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Johannes 1,9). Derselbe Geist „weht, wo er will“ (Johannes 3,8), auch in anderen Religionen. Wo immer die Güte und die Liebe wohnen, dort wohnt Gott – auch in anderen Religionen. Umgekehrt ist die Liebe Gottes in Jesus inkarniert, geht aber nicht in ihm auf. Auch wenn er die endgültige Offenbarung ist, dann ist unsere Erkenntnis doch nicht endgültig. Auch Christen können diese Offenbarung nie ganz ausschöpfen. Man möge nur daran denken, wie schwer sich die Jünger, die drei Jahre mit ihm verbracht haben und ihm so nahe waren, getan haben, ihn zu erkennen.
Das dialogische Prinzip des Christentums
Wesentlich im Christentum ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Liebe ist aber ein dialogisches Prinzip. Der Dialog – auch mit anderen Kulturen und Religionen – ist Christen damit aufgegeben, ganz dezidiert durch das 2. Vatikanische Konzil. Das heißt nicht, dass man den eigenen Standpunkt aufgeben muss, ohne den ein Dialog ohnehin schwer zu führen wäre. Im Gegenteil, durch diesen Dialog ist es sogar möglich, das Wesentliche am eigenen Glauben tiefer verstehen zu lernen. Jesus wollte die Juden nicht zu einer neuen Religion, sondern zu einer vertieften Gottesbeziehung führen. So erlangt niemand das Heil durch die Zugehörigkeit zu einer Religion, sondern durch eine lebendige Gottesbeziehung. Für Christen durch die grenzenlose Liebe und unendliche Barmherzigkeit Gottes, die in Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die aber auch in anderen Religionen am Werk ist.
Quellen:
Hans Kessler: Pluralistische Religionstheologie und Christologie, in R. Schwager (Hsg.): Christus allein? Der Streit um die pluralistische Religionstheologie. Herder 1996
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