Wer heutzutage das Wendland besucht, wird zunächst fasziniert sein von dieser Gegend, die im "Damals" zu verharren scheint. Da sind diese altertümlichen Dörfer aus Fachwerk und rotem Stein, die sich um einen zentralen Platz gruppieren. Drumherum die weiten wogenden Felder und noch ein Stück weiter diese tiefen endlosen Wälder. Offenbar ein idyllisches Land, in dem sich der gestresste Großstadtbewohner auf einsamen Wanderwegen wieder finden kann. Auffällig nur diese meist gelben, aus Holz gezimmerten Andreaskreuze überall zwischen Hitzacker und Wustrow - fast wie die Symbole eines anderen Staates. Und ein wenig war es ja auch so, damals, als die Republik Freies Wendland ausgerufen wurde.

Idylle für Aussteiger

Vor 1970 wussten zumeist nur die wenigen Bewohner des Wendlandes von dessen Existenz. Für Menschen von außerhalb war das so was wie "Terra Incognita", ein Gebiet jenseits der bekannten Welt. Der östlichste Zipfel Niedersachsens, an drei Seiten von der DDR umgeben, sogenanntes Zonenrandgebiet. Die wenigen Bewohner lebten überwiegend von der Landwirtschaft und waren politisch und weltanschaulich eher konservativ.

Doch Anfang der 1970er Jahre wurde diese strukturschwache Idylle von großstädtischen Aussteigern mit zumeist künstlerischem Hintergrund entdeckt. Das war die Zeit der sogenannten Landkommunebewegung, die auch anderen menschenleeren Gegenden neue Bewohner brachte. Wie das überhaupt passieren konnte, weiß heute im Wendland keiner mehr so genau. Es sollen wohl zuerst ein paar Leute aus der Hamburger Szene gewesen sein, die einen leer stehenden Hof übernahmen und sich zunächst eher ungeschickt landwirtschaftlich ausprobierten. Doch in diesen Kreisen wurde das Wendland schnell zum Geheimtipp, dessen lockenden Ruf sehr bald auch Aussteiger aus Berlins Westen Folge leisteten. Viele davon, wie beispielsweise der heute siebzigjährige Maler Uwe Bremer, sind geblieben.

Sicher waren diese Neuen den alteingesessenen Wendländern zunächst etwas fremdartig. Möglicherweise verstanden sie auch anfangs nicht, wieso sich Leute aus der Stadt ausgerechnet in dieser einsamen Ecke niederlassen wollten - zumal der Trend doch bis dahin eher umkehrt gewesen war. Junge Wendländer waren doch in die Städte geflohen, um dort bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu finden. Und es waren ja auch nicht die verlorenen Töchter und Söhne, die reumütig zurück kamen, sondern geborene Städter. Doch erstaunlich schnell kamen sie auf gute nachbarschaftliche Weise miteinander aus - und möglicherweise war die große Politik, die in Hannover und Bonn gemacht wurde, hierbei der Katalysator. Von dieser waren sie nämlich gemeinsam betroffen und gemeinsam protestierten sie dagegen -

Republik Freies Wendland

Wahrscheinlich hatten die Politiker in Hannover und Bonn tatsächlich gedacht, die Wendländer wären erfreut, wenn ihr strukturschwaches Gebiet endlich auch etwas Industrie bekäme. Vielleicht hätten die Wendländer auch nicht unbedingt was dagegen gehabt, denn Industrie wäre ja eine Perspektive jenseits der Landwirtschaft gewesen. Doch als sie erfuhren, dass ihnen ein nukleares Entsorgungszentrum geschenkt werden sollte, waren sich alte und neue Wendland Bewohner einig in ihrer Ablehnung des Vorhabens. Im Jahre 1977, nur wenige Wochen nach Bekanntwerden der Nuklearpläne, gab es die erste wendländische Antiatom Demonstration mit etwa 20.000 Teilnehmern. Damit begann diese einzigartige Protestkultur, die auch heute noch lebt.

Im Jahr 1980 dann einer der historischen Höhepunkte bei den Anti Atom Protesten: Im Bereich des Bohrlochs 1004 wurde ein Hüttendorf errichtet, das, wie es sich für ein richtiges Dorf gehört, sogar eine Kirche hatte. Hier war das Zentrum der "Republik Freies Wendland", die sich als Kulminationspunkt der Antiatombewegung der 1980er Jahre etablierte.

Die Castor Transporte

Mit ihren Aktionen konnten die Wendländer einerseits das Gesamtkonzept des nuklearen Entsorgungszentrums kippen. So wurde beispielsweise die vorgesehene Wiederaufbereitungsanlage nicht gebaut. Übrig aber blieben andererseits der Bau des Zwischenlagers Gorleben und die Pläne für dessen Ausbau zum Endlager für Atommüll.

Die Wendländer aber wollten auch das nicht haben. So empfingen sie den ersten Castor-Transport mit diversen Protestaktionen, ohne letztlich deren Weiterfahrt nach Gorleben verhindern zu können. Seither versuchten sie immer wieder, die Castor-Transporte nach Gorleben aufz halten. Unterstützt wurden sie dabei auch aus Kreisen der Umwelt- und Antiatombewegung. Doch die Castoren erreichten bisher immer ihr Ziel in Gorleben - auch im vergangenen Jahr.

Trotzdem wollen die Wendländer und ihre Sympathisanten aus ganz Deutschland auch dieses Jahr wieder versuchen, den Castor zu stoppen. Und irgendwie ist es auch immer ein unvergessliches Erlebnis dabei zu sein, wenn die Wendländer Bauern mit ihren Traktoren den Protest gegen den Castor durch die Straßen fahren. Diese Treckerparaden scheinen inzwischen zur kulturellen Identität des Wendlandes zu gehören. Auch Unbeteiligte können sich der damit verbundenen Atmosphäre kaum entziehen.