Das Zähmen von Eichhörnchen: Pro und Contra Wildtierfütterung

Hörnchen im urbanen Lebensraum: allzu menschlich? - FxReid
Hörnchen im urbanen Lebensraum: allzu menschlich? - FxReid
Europäische Eichhörnchen gehören zu jenen heimischen Wildtieren, die nicht auf Fütterung und Kontakt zum Menschen angewiesen sind. Und umgekehrt?

Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris fuscoater) gehören zu jenen Wildtieren, die sich bestens mit der menschlichen Umgestaltung der Umwelt arrangiert haben und häufig auch in städtischen Parks und Gärten zu beobachten sind. Dabei gelten die hauptsächlich in Bäumen lebenden Nagetiere als scheu und hektisch, und doch scheinen sich die drolligen Hörnchen von angebotenem Futter anlocken und mit etwas Geduld und Behutsamkeit an die Nähe des Menschen gewöhnen zu lassen. Dabei stellt sich nicht die Frage, ob man Eichhörnchen füttern, zähmen und dressieren kann sondern vielmehr die umstrittene Frage der Vernunft: ob man es tun sollte. Dazu bedarf es nicht unbedingt philosophischer oder umweltethischer Betrachtungen, sondern lediglich ein wenig gesunden Menschenverstandes.

Das Füttern von Eichhörnchen, den Allesfressern unter den Nagetieren

Eichhörnchen sind tagaktive Allesfresser und als solche Generalisten durchaus in der Lage, bei Bedarf auf saisonal verfügbare Nahrung umzusteigen. So lange es je nach Jahreszeit Beeren, Nüsse, Samen von Nadel- und Laubbäumen, aber auch Knospen, Pilze, Insekten und Würmer gibt, können sich Eichhörnchen naturgemäß selbst ernähren. Dennoch ist grundsätzlich eine Verbindung von Mensch und Umwelt insofern vorteilhaft, um überhaupt erst eine Grundlage für das menschliche Bewusstsein zu schaffen, dass auch der urbane Lebensraum mit anderen Lebewesen geteilt wird. Eichhörnchen wissen das recht gut, nicht zuletzt durch das gelegentliche Anbieten einer Nuss, wogegen niemand etwas einzuwenden hat wenn es nicht in Vollpension abartet. Die plüschschwänzigen Kletterer, die sich in beachtlicher Geschwindigkeit und Sicherheit in allen Lagen des Geästes zurechtfinden, trauen sich in unbeobachteten Momenten auch auf den Erdboden, um sich in langen Sätzen der nussigen Beute zu nähern, sie vor Ort zu knacken oder aber in eines der Futterverstecke zu verbringen. Für den Menschen sicher ein Schauspiel, doch Eichhörnchen brauchen diese Nahrungsergänzung neben ihrer selbst gesuchten Verpflegung eben nicht auch nicht in harten Wintern mit wenig natürlichen Nahrungsquellen, denn Eichhörnchen bevorraten sich natürlich vorsorglich. Auch der Trinkwasserbedarf, der Eichhörnchen von anderen Gattungen der Familie der Hörnchen (Sciuridae) unterscheidet, wird zu allen Jahreszeiten selbst befriedigt, in dem aus Pfützen in Astgabeln, aus Teichen oder Regentonnen getrunken wird.

Mögliche Folgen von Fütterungen auf die Population urbaner Wildtiere

Die Naturschutzorganisation BUND vertritt die Auffassung, dass das Füttern von Wildtieren generell unterbleiben sollte. Denn gleich anderen Kulturfolgern wie Singvögel kommen auch Eichhörnchen ohne menschliche Zuwendungen aus, so dass ohne Eingriff aus biologischer Sicht eine ausgeglichene Population mit natürlichen Schwankungen beibehalten wird. Der BUND weist weiterhin darauf hin, dass das Füttern von urbanen Wildtieren lediglich den beteiligten Individuen auf beiden Seiten der fütternden Hand ein gutes Gefühl verschafft, zur Arterhaltung aber keineswegs beiträgt. Demgegenüber stehen die Aufforderungen zur winterlichen Zufütterung für Eichhörnchen, wie sie von speziellen Naturschutzvereinigungen veröffentlicht werden mit der Begründung, dass der Lebensraum der rotpelzigen Baumbewohner stetig dezimiert und durch die Überformung der Landschaft die Nahrungssuche erschwert wird. Allerdings erstreckt sich der Aktionsraum des Einzelgängers Eichhörnchen in der Regel über mehrere Hektar und kann sich auch mit denen anderer Individuen überschneiden. Zudem wird in der Fachliteratur (Grzimeks Tierleben, s.u.) von natürlichen Ausweich-Wanderungen der Eichhörnchen-Populationen berichtet, reagierend auf die fruchttragenden Zyklen von Nadelbäumen.

Zur Zähmung von Eichhörnchen – ein unbedarfter Spaß für Tierfreunde?

Anders als manchmal behauptet können die aufmerksamen Eichhörnchen scharf und umfassend sehen und beobachten Menschen in ihrer Umgebung sehr genau. Was sie allerdings nicht sehen können ist die Motivation für das Anlocken und Füttern, was weniger mit der Arterhaltung zu begründen ist als mit der Anziehungskraft eines Lebewesens, welches manchmal selbst allzu menschlich wirkt. Zum Beispiel, wenn Hörnchen arttypisch in sitzender Haltung speist und dabei die Nahrung in den vorderen Extremitäten hält. Oder aber die Kobel genannte Baumhöhle mit warmen, weichen Dämmmaterial für die kalten Jahreszeiten auskleidet. Und instinktiv überschüssige Nahrung für knappe Zeiten aufspart und dabei schon mal den Aufbewahrungsort vergisst. Der Mensch sucht seit Jahrtausenden die Nähe von putzigen Pelztieren dieser Niedlichkeitsklasse. Auch wenn sich Eichhörnchen nach heutigem Erkenntnisstand nicht an das Leben in Gefangenschaft gewöhnen lassen, da sie überaus viel Bewegungsfreiheit brauchen und der Fluchtreflex stark ausgeprägt ist überlebenswichtig angesichts der zunehmenden Gefahren in Gestalt von Hund und Katze. Zwar gehören Europäische Eichhörnchen laut Anlage 1 der Bundesartenschutz-Verordnung zu den einheimischen Säugetieren und damit zu den besonders zu schützenden Tieren, allerdings dürfen sie auch gezüchtet und gehalten werden. Für ihre Doktorarbeit jedoch hat sich die Tierärztin Stefanie Armbrust eingehend mit den scheuen Klettermeistern befasst und rät von einer Haltung in Gefangenschaft ab.

Vom Füttern und Verfüttert-werden: Eichhörnchenfleisch

»Schon die Pfahlbauer haben diesen hübschen Baumbewohner gekannt und sicher auch gegessen, denn in den Pfahlbauten der Schweizer Seen hat man viele Eichhörnchenreste gefunden.« [Bernhard Grzimek (Hrsg.): Grzimeks Tierleben, Band 11: Säugetiere II. Kindler Verlag, 1969, S. 250]. Doch die Zeiten haben sich seitdem gar nicht so sehr geändert, wie Pressemeldungen aus dem Sommer 2010 vermuten lassen: Der Londoner Supermarkt-Betreiber Andrew Thornton verkauft mit einigem Erfolg das Fleisch der baumbewohnenenden Hörnchen als umweltschonende Delikatesse. Denn die auch auf den Britischen Inseln einst heimischen, rotbepelzten Europäischen Eichhörnchen werden zunehmend von den robusteren nordamerikanischen Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verdrängt, die bereits die meisten Parks der Inseln mit ihren explodierenden Populationen und der einnehmenden amerikanischen Art erobert haben sowie den Menschen besonders offensiv nach Futter angehen. Das natürliche Gleichgewicht ist auch durch die Fütterungsaktionen an den dominanteren eingeschleppten Grauhörnchen nachhaltig gestört. In der Kühltheke des Londoner Supermarktes findet sich nun Hörnchenfleisch als exotische Alternative zum Kaninchen, denn schließlich sei das Fleisch wesentlich klimaneutraler entstanden als das der üblichen Zuchttiere aus Stall und von der Weide. Doch vielleicht gilt letztlich auch in Bezug auf die Möglichkeiten im Umgang mit Eichhörnchen: Nicht alles, was möglich scheint, muss man auch probieren.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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