Borgstedt: Das Zeitalter der Aufklärung

Forschungsüberblick zur Geschichte der Aufklärung im 18. Jahrhundert

Cover Borgstedt, Zeitalter der Aufklärung - WBG
Cover Borgstedt, Zeitalter der Aufklärung - WBG
Rezension zu Angela Borgstedt, Das Zeitalter der Aufklärung, Darmstadt: WBG 2004. ISBN 9783534165667

Angela Borgstedts Einführung in das Zeitalter der Aufklärung widmet sich sieben Forschungsproblemen, die die Geschichtsschreibung zur Aufklärung und zum 18. Jahrhundert zurzeit prägen.

Aufgeklärter Absolutismus

Aufklärung und Absolutismus sind Begriffe, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Dennoch gelten ausgerechnet zwei Monarchen als wichtigste Förderer der Aufklärung: Friedrich II. für Preußen und Joseph II. für Österreich. Die gegenwärtige Forschung begegnet dem aufgeklärten Absolutismus mittlerweile mit Skepsis. Denn Prinzipien der Aufklärung lassen sich zwar in einzelnen Reformprojekten wieder finden, dominierten aber nicht die Herrschaftspraxis. Friedrich II. beteiligte sich persönlich am aufklärerischen Diskurs, richtete sein politisches Handeln in den wichtigsten Politikfeldern aber nicht danach aus. Der Josephinismus kombinierte radikalen Neuerungswillen vor allem im kirchenpolitischen Bereich mit einem absolutistischen Amtsverständnis. Angemessener erscheint daher der Begriff „Reformabsolutismus“.

Aufklärung und Religion

Die deutsche Aufklärung wurde von protestantischen Theologen dominiert und unternahm, zumindest anfänglich, keine radikale Religionskritik wie in Frankreich. Ihre Ziele waren die Rationalisierung von Theologie und Frömmigkeit sowie die neuhumanistische Reform von Wissenschaft und Bildung – beides gegen den Widerstand der lutherischen Orthodoxie. Weil sie sich mit anderen Themen und Zielen befasste, ist die nicht- protestantische Aufklärung erst spät entdeckt worden. Katholische Aufklärer strebten eine Reform der Kirchenstruktur an. (z.B. Jansenismus und Febronianismus) In der jüdischen Aufklärung (Haskala) stand die Vermittlung von Mehrheits- und Minderheitskultur über weltliche Bildung und Akkulturation im Vordergrund.

Aufklärung und Erziehung

Das 18. Jahrhundert ist immer wieder als Jahrhundert der Pädagogik bezeichnet worden. Als Musterbeispiele können die Reformschulen gelten; am bekanntesten ist sicherlich das Dessauer Philanthropin Johann Bernhard Basedows. Ein weiterer Gradmesser ist das volksaufklärerische Schrifttum und seine Vermittlung über Pfarrer und Lehrer. Während einzelne erzieherische Projekte als sehr gut erforscht gelten können, liegen bisher kaum Studien vor, die nach ihrer Breitenwirkung fragen.

Aufklärungsgesellschaften

Eine bis heute wirksame „Erfindung“ der Aufklärung ist der Verein, als freiwilliger Zusammenschluss von Bürgern im Gegensatz zu den Korporationen der Ständegesellschaft. Die Geschichtswissenschaft hat sich vorrangig mit den drei Vereinstypen Geheimgesellschaft, Freimaurerloge und Sozietät befasst. Die ältere Forschung hielt die Arkangesellschaften für obrigkeitskritisch oder gar für Keimzellen revolutionären Gedankenguts, wie im Fall der Mainzer Jakobiner. Die neuere Forschung hat dieses Bild stark relativiert. Manche Geheimbünde, wie die Gold- und Rosenkreuzer, können gar nicht zur Aufklärung gezählt werden. Andere Logen waren in die fürstliche Politik involviert, und die Akademien und sogar einige Sozietäten wurden von Fürsten gegründet.

Protonationalismus

Die Aufklärung gilt gemeinhin als kosmopolitische Bewegung. Daher ist es umstritten, ob sie auch zur Vorgeschichte des Nationalismus gehört. Wolfgang Hardtwig und Herfried Münkler haben festgestellt, dass der seit dem Ende des 15. Jahrhunderts existierende Protonationalismus zur Zeit der Aufklärung in den Deutschen und Literarischen Gesellschaften eine neuerliche Blüte erfuhr. Die erheblichen Unterschiede zum modernen Nationalismus sind aber auch von Hardtwig und Münkler nicht bestritten worden: Der Dualismus von Reichs- und Landespatriotismus und die fehlende Massenwirksamkeit verhinderten, dass sich die Nation bereits im Alten Reich zum Letztwert entwickeln konnte. Die Zäsur von 1789 ist insofern nicht ernsthaft angefochten worden.

Aufklärung und Geschichte

Der in Deutschland sehr lange dominante Historismus hat für ein negatives Bild der Aufklärungshistorie gesorgt. Den Aufklärern wurde ein unhistorischer Rationalismus vorgeworfen. Die Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung sei erst im 19. Jahrhundert erfolgt. Die Historiographiegeschichte ist sich mittlerweile einig, dass diese Einstufung unhaltbar ist. Keine Einigkeit besteht hingegen bei einer Neuverortung der Geschichtsschreibung der Aufklärungszeit. Während Horst Walter Blanke in der Aufklärungshistorie einen Vorläufer der modernen Sozial- und Kulturgeschichte sieht, ordnen Hans Erich Bödeker und Georg Iggers sie dem Frühhistorismus zu.

Aufklärungskritik

Wollten die Kritiker der Aufklärung einfach nur das Rad der Geschichte zurück drehen? Christoph Weiß und Wolfgang Albrecht haben zwischen Obskurantismus und Frühkonservatismus unterschieden. Letzterer habe eher eine moderate als gar keine Aufklärung gewollt. Auch aus einem anderen Grund sind die Grenzen zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung nicht leicht abzustecken. Robert Darnton, Horst Möller und Monika Neugebauer- Wölk haben betont, dass im 18. Jahrhundert die Grenzen zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft noch fließend waren. So war die Paarung von extremem Rationalismus und Mystik nichts Ungewöhnliches.

Internationaler Vergleich und Nachgeschichte der Aufklärung

Borgstedts Forschungsüberblick beschränkt sich auf den deutschen Sprachraum und hier weitestgehend auf Preußen und Österreich. Obwohl sich die Autorin bewusst ist, dass die Aufklärung ein transnationales Kommunikationsereignis war, wirft sie nur selten einen vergleichenden Blick nach England oder Frankreich. Nicht überzeugend ist außerdem die ausschließliche Fixierung auf das 18. Jahrhundert, wodurch die bis in die Gegenwart reichende Nachgeschichte der Aufklärung nicht in den Blick gerät. Daher ist auch der knappe Verweis auf die Aufklärungskritik Adornos, Horkheimers und Foucaults (S. 3) missverständlich, denn sie entstand aus dem Kontext des 20. Jahrhunderts und kann nicht als Fortsetzung der Gegenaufklärung des 18. Jahrhunderts verstanden werden.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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