
- Samoa springt über die Datumsgrenze - Daniel Clemens
Eine der wichtigsten und eindringlichsten, fast ohrwurmartigen populärphilosophischen Fragen des letzten Jahrhunderts scheint gelöst. Die Frage danach – wer wohl an der Uhr gedreht hätte – die kleine wie große Philosophen des Alltags fast vor sich hin trällernd zu beantworten suchten, ist keine mehr. Der lang gesuchte Täter stellte sich nun selbst, noch vor der Zeit, an der er zu drehen gedenkt – es ist der Inselstaat Samoa.
Samoa: So nah wie niemand sonst an der Datumsgrenze
Samoa, westlich von Australien gelegen, ist ein ehemaliges deutsches Protektorat mit der Hauptstadt Apia, welches zu Beginn des ersten Weltkrieges von Neuseeland okkupiert wurde. 1962 erhielt es unter seiner historischen Bezeichnung Westsamoa die Unabhängigkeit und trat wenige Jahre später in das Commonwealth ein. Ab 1997 wurde es dann international nur noch als Samoa bezeichnet. Dieses Samoa hat nun beschlossen, Ende des Jahres die Datumsgrenze zu überqueren. Die seitens westlicher Mächte willkürlich festgelegte Grenze zwischen dem Gestern und dem Heute geht schon seit ihrem Bestehen an der Lebensrealität der dortigen Bewohner vorüber.
Immer einen ganzen Tag und dennoch nur einen kurzen Taxiflug hinterher
Die Probleme haben sich im Zeitalter der hyperschnellen Informationsübertragung noch verschärft. Ist in Samoa zum Beispiel Sonntag, so ist im benachbarten Neuseeland bereits der Montag in voller Blüte. Gerade für die wirtschaftlichen Beziehungen ist dies sehr unvorteilhaft, erst recht da eine vereinfachende Sonntagsarbeit in dem erzchristlichen Land völlig ausgeschlossen ist. Doch die Samoaner geben damit auch eines ihrer schönsten Rechte ab. Sie waren es, die sich aufgrund ihrer Lage direkt an der Datumsgrenze rühmen konnten, den letzten Sonnenuntergang eines Erdentages betrachten zu können. Mit dem Überspringen der Tagesgrenze bekommt nun das eine Flugstunde südöstlich gelegene Amerikanisch-Samoa dieses Privileg übertragen.
Andere historische Verlegungen der Datumsgrenze
Doch der kommende Übertritt vom letzten Sonnenuntergang zum Sonnenaufgang eines Tages findet nicht zum ersten Mal statt. Bereits früher wurde die Datumsgrenze aufgrund organisatorischer Vereinfachungen verlegt. Oftmals musste die Grenze um über sie hinaus reichende Gebiete eines Territorialstaates im Nachhinein einen Bogen machen, damit die Uhr dieser Gebiete nach der des Staates tickten, zu dem sie gehörten. Zum Beispiel macht die Datumsgrenze bei der russischen Tschuktschenhalbinsel einen Knick nach Osten, bei den zu den USA gehörenden Aleuten weiter südlich aber einen großen Knick nach Westen. Ende der 1990er Jahre verschob man dann mitten im Pazifik die Grenze des Datums weiter nach Osten, um die weit verteilt liegenden Inseln des Kleinstaates Kiribati unter einem Datum zusammenzuführen.
Es gibt also für den am 29.12.2011 geplanten Sprung über die Datumsgrenze gute, nachvollziehbare Gründe – ohne dass man den Samoanern nachsagen müsste, sie hätten es satt, von gestern zu sein.
Quellen: The Telegraph, WeltOnline; CIA Factbook
