
- ostdeutsche Lehrerin - Regina Sehnert
Das Schulsystem der Deutschen Demokratischen Republik – kurz DDR – hat einen recht guten Ruf in der Bevölkerung. Viele Deutsche wünschen sich dieses System, da es eine Einheit in sich verbarg. Umzüge waren nie ein Problem für die Kinder, da alle dasselbe und in derselben Reihenfolge lernten. Es gab im Norden wie im Süden das gleiche Wissen und so konnte auch ein Norddeutscher im Süden studieren, im Gegensatz zu heute. Und weil dieses Thema immer wieder Interessantes in sich verbirgt, suchte sich Suite101 eine Lehrerin, die zu DDR-Zeiten unterrichtete. Regina Sehnert, eine gebürtige Thüringerin, ist mittlerweile Rentnerin und erinnert sich gern an diese Zeit zurück. In diesem Interview steht der Bildungsweg eines Lehrers im besonderen Fokus.
Suite101: Wie sah der Bildungsweg einer pädagogischen Lehrkraft in der DDR aus?
Regina Sehnert (nachfolgend RS): Nach der 8. Klasse war ich für die Erweiterte Oberschule – kurz EOS – vorgesehen gewesen. Das hätte geheißen, vier Jahre EOS und dann ein Studium in einer gewünschten Fachrichtung. Da ich Lehrerin werden wollte, wäre eine Fachrichtung in Frage gekommen, die den Oberstufenlehrer zum Ziel gehabt hätte. Ich wollte jedoch mit jüngeren Kindern arbeiten. Für den Beruf des Grundschullehrers gab es einen kürzeren Weg: Bis zur 10. Klasse die Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule besuchen und anschließend eine Fachschule, auch als Institut für Lehrerbildung bekannt. 1964 begann dann mein Berufsweg.
Suite101: Wie lange dauerte damals die Ausbildung zum Lehrer?
RS: Die Ausbildung dauerte drei Jahre.
Suite101: Hörte die Ausbildung auch in der DDR am 31. Oktober auf oder pünktlich zum Schuljahresbeginn?
RS: Die Lehramtsanwärter begannen pünktlich eine Woche vor dem Schuljahresbeginn – dem 1. September – ihren Dienst. Diese Woche war für die Vorbereitung auf das künftige Schuljahr vorgesehen.
Suite101: Wie war es in der DDR mit dem Einarbeiten der Referendare?
RS: Jeder "Anfänger" bekam einen erfahrenen Lehrer, einen Mentor, zugeteilt. Er war immer für ihn da, unterstützte ihn in allen Belangen und vermittelte ihm vor allem das praktische Rüstzeug, das oft in der Ausbildung zu kurz gekommen war.
Suite101: Hatten Sie auch Pädagogik als Lehrfach?
RS: Das Fach "Pädagogik" begleitete uns während der gesamten Studienzeit. Auf "Pädagogische Vorüberlegungen" wurde bei jedem Unterrichtsentwurf großen Wert gelegt. Wir lernten auch von bekannten Pädagogen wie Pestalozzi, Fröbel, Diesterweg, Makarenko. Übrigens, als ich nach der Wende erfuhr, dass nicht alle westdeutschen Kollegen dieses wichtige Lehrfach hatten, wollte ich es nicht glauben. Inzwischen ist es Gott sei Dank ein Pflichtfach.
Suite101: Und konnten Sie anschließend nur die Unterstufe – heute Grundschule – unterrichten oder hätten Sie auch im Sekundarbereich arbeiten dürfen?
RS: Es ging nicht nach Wunsch, nicht nach einem "Dürfen". Man entschied nach dem jeweiligen Bedarf. Ich selbst wurde in meinem ersten Lehrerjahr in die Heimerziehung eingegliedert, das heißt, man setzte mich als Erzieherin in das hiesige Kinderheim ein. Wurden Lehrer in den 5. und 6. Klassen benötigt, etwa im Fach Deutsch, dann mussten sie dort auch Unterricht erteilen. Ich unterrichtete ein Jahr lang Geografie in einer 6. Klasse, obwohl ich dafür keine Ausbildung hatte. Um den Schülern den entsprechenden Lernstoff vermitteln zu können, musste ich ihn mir also vorher immer erst selbst aneignen.
Ich weiß auch von Fällen, wo Studenten frisch von der Ausbildung als Grundschullehrer kommend in den Fächern Russisch oder Sport im Sekundarbereich bis Klasse 9 eingesetzt wurden. Ich selbst hätte mir gewünscht, einmal eine Klasse nicht nur bis zur 4., sondern bis zur 5. oder 6. Klasse als Klassenlehrer begleiten zu dürfen. Doch die Möglichkeit bestand in meinem Fall leider nicht.
Suite101: Welche Fächer unterrichteten Sie?
RS: Deutsch (Lesen, Rechtschreibung, Grammatik, mündlichen und schriftlichen Ausdruck), Heimatkunde, Mathematik, Musik, Werken.
Suite101: Warum zählen Sie im Fach Deutsch die einzelne Untergliederung extra auf? Wurden Sie extra benotet?
RS: Natürlich. Erst nach der "Wende" wurden die Fächer zusammengefasst.
Suite101: War es auf Dauer nicht langweilig, immer dasselbe Material zum Lehren zu benutzen?
RS: Nein, das war nicht langweilig. Es gab ja genügend Zusatzmaterial, das man sich besorgen konnte. Und man konnte die entsprechenden Ziele ja in seiner persönlichen Art "modifizieren", mit anderen Fächern verknüpfen und anderes.
Suite101: Es gilt im Volksmund, dass die Lehrer viel Urlaub haben. War es in der DDR auch so?
RS: Nun, ganz so war es nicht bei uns. In den Winterferien fanden die Weiterbildungsveranstaltungen statt. Dabei handelte es sich zumeist um politische, pädagogische oder psychologische Themen. Außerdem wurden wir im Sommer bei den örtlichen Ferienspielen oder im Pionierhaus eingesetzt. Dort waren wir für die Freizeitgestaltung der Kinder verantwortlich. Aber im Großen und Ganzen konnte jeder Lehrer die vollen Ferien auch für sich nutzen, wenn keine Pflichtveranstaltung auf dem Programm stand.
Mehr über Regina Sehnert auf ihrer Website.
Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema: Schulalltag in der DDR
