Die Kirche spielte für die sich langsam entwickelnde Opposition in der DDR des Jahres 1989 eine wichtige Rolle. Denn nur sie stand, trotz der Annäherung in den 70er und 80er Jahren, erkennbar außerhalb des SED-Systems. Nur innerhalb der Kirche war es möglich, eine Vernetzung der Unzufriedenen, sozial Benachteiligten und Oppositionellen herzustellen.
Die Kirche als Auffangbecken
Im großen Raum der Kirchen bildeten sich viele Basisinitiativen. 1988 zählte das MfS in einem internen Papier 160 oppositionelle Gruppen, 150 von ihnen wurden als „kirchliche Basisgruppen" registriert. Bereits in den 60er Jahren hatte diese Entwicklung ihren Anfang genommen.
Die Kirche gewährte vielen der ca. 3.000 Totalverweigerern der Wehrpflicht, die 1962 eingeführt worden war und gegen die die Kirche protestiert hatte, Unterschlupf und Arbeit. Gleichzeitig versuchte sie, neben dem NVA-Dienst einen Friedensdienst zu etablieren. Die so geschaffenen Bausoldateneinheiten sammelten zusätzlich Friedensaktivisten direkt in der Kirche.
Durch viele Feste, Veranstaltungen, Rüstzeiten, Gottesdienste unter freiem Himmel und Kirchentage blieb die Öffentlichkeit in Kontakt mit der Kirche. Vor allem die Jugend, die durch die SED-Politik eigentlich strikt von ihr fern gehalten werden sollte. Mit Hilfe der „Bluesmessen" gelang es aber, regen Zuspruch bei ihr zu finden.
Die Gemeindediakonie „Offene Arbeit" war ein Platz, an dem sich Unzufriedene seit den 70er Jahren zusammen finden konnten. Sozial benachteiligten Menschen bot die Offene Arbeit eine Anlaufstelle, in der sich allmählich der Protest und die Unzufriedenheit mit der SED bündelte.
Die „Oppositionsarbeit" der Kirche hatte also schon früh begonnen, ohne dass die Kirche dies bereits wusste oder gar beabsichtigt hatte. Allerdings bot sie wegen ihrer Ausnahmestellung in der DDR den einzigen Platz, den die sich langsam entwickelnde Opposition nutzen konnte und wollte.
Politisierung unter dem Dach der Kirche
Bis in die 70er Jahre hatte sich der Unmut über die DDR-Führung vor allem in der „Abstimmung mit den Füßen", also der Ausreise, geäußert. Insofern verließ das kritische Potential das Land, konnte sich daher nicht aufbauen und vergrößern. Mit dem Bau der Mauer änderte sich dies. Mehrere Umstände führten zudem dazu, dass sich die losen Zusammenschlüsse immer mehr politisierten und gruppierten.
Im Jahr 1976 verbrannte sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz von Zeitz. Der Grund hierfür lag darin, dass die Kirche manchen Mitgliedern nicht mehr kämpferisch genug erschien. Die Kirche hatte sich in das SED-System integrieren lassen. Zwischen der oberen Leitungsebene und der Basis hatte sich ein großer Spalt aufgetan. Dies machte die Verbrennung deutlich. Zudem sorgte sie dafür, dass sich ein stärkeres Bewusstsein der Pfarrer, Christen und kirchennahen Gruppierungen für die Situation in der DDR entwickeln konnte.
Ebenfalls 1976 trat Wolf Biermann, nach elfjährigem Berufsverbot, erstmals wieder auf - in einer Kirche. Dies zeigt bereits die (teils unbewusste) Verbindung der Kirche zu oppositionellen Kräften, zumindest aber das Potential, in der Kirche eine Vernetzung herstellen zu können. Biermann wurde im gleichen Jahr ausgewiesen, was die reformwillige Szene weiter politisierte. Des Weiteren waren die Einführung des Faches Wehrkunde 1978, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 und die Solidarnosc-Bewegung in Polen 1980/81 Mobilisierungsfelder, auf denen die Kirche trotz der Annäherung stets als Opposition gegenüber der SED auftrat.
Berliner Appell
Die Kirchenleitung stand den immer weiter gehenden Forderungen skeptisch, gar ablehnend gegenüber. Das wurde von Manchen als die gelungene Einbindung der Kirche in das SED-System gewertet. Zwei Beispiele:
Der Aufruf des Jugendpfarrers Eppelmann und Oppositionellen Robert Havemanns „Berliner Appell - Frieden schaffen ohne Waffen" 1982 gilt nach Maser als der eigentliche Beginn der Opposition in der DDR. Die Kirchenleitung lehnte den Brief ab, beurlaubte Eppelmann gar für kurze Zeit.
1981 fand die „Friedensdekade" der Kirche statt, die unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen" großen Anklang bei den Jugendlichen fand. Pfarrer popularisierten das Thema auf der lokalen Ebene, bis ihnen dieses durch die Kirchenleitung untersagt wurde. Und auch die SED reagierte: sie verbot das Symbol der Bewegung umgehend. 1987 wurde schließlich der „Konziliare Prozess" begonnen, der vor allem durch den Wunsch nach Frieden bestimmt war und dieses Thema breitenwirksam in der Bevölkerung popularisierte.
1984/85 hatte sich der „AK Solidarische Kirche" gegründet. Er hatte die Umgestaltung des sozialistischen Systems genauso im Kopf wie die Reformierung der Kirche. Vor allem eine größere Distanz zur SED wurde angestrebt. Der AK war DDR-weit aktiv und hatte Kontakte zu vielen reformwilligen Kräften.
Auf dem „Kirchentag von unten" als Gegenveranstaltung zum Kirchentag in Berlin 1987 wurde zum einen deutlich, dass eine immer größere werdende Gruppe von Menschen mit teils unterschiedlichen Zielen, größtenteils aber Friedensaktivisten, existierte, die die DDR verändern wollten. Zum anderen aber auch, dass die Teilnehmer sich gegen die Kirche wandten, die ihrer Meinung nach zu sehr ins sozialistische System hinein gewachsen war.
So war die Kirche auf der einen Seite Herbergsvater für den Widerstand geworden, auf der anderen Seite aber selbst Ziel dieser Proteste.
