
- "Das singende, klingende Bäumchen" (1957) - Icestorm Entertainment
Im Gegensatz zur westdeutschen Märchenfilmproduktion – die 1950 bereits auf vier Adaptionen verweisen konnte – ließen sich die Filmemacher in der sowjetischen Besatzungszone viel Zeit mit ihrem ersten märchenhaften Spielfilm. Erst nach drei Kinder- und Jugendfilmen mit Bezug zur Nachkriegsgegenwart wurde im Dezember 1950 "Das kalte Herz" (R: Paul Verhoeven) uraufgeführt. Das verfilmte Kunstmärchen Wilhelm Hauffs wurde ausdrücklich nicht als ein Kinderfilm, "sondern für das Gesamt-Kinopublikum konzipiert" (Berger/Giera). Dass "Das kalte Herz" diesem Anspruch gerecht wurde, bewies nicht nur der technisch-ökonomische Aufwand.
Auch das hochkarätige Schauspielerensemble und der Einsatz fortgeschrittener Tricktechnik zeigten, dass sich das verantwortliche staatliche DEFA-Studio für Spielfilme hohe Maßstäbe setzte. Diese sollten später für die gesamte Märchenfilmproduktion der DDR gelten, wenngleich gerade "Das kalte Herz" im Hinblick auf Stabliste und Ästhetik – ausdrücklich nicht in seiner humanistischen Intention – noch an das NS-Kino erinnerte: Paul Verhoeven war einer der produktivsten Regisseure von Unterhaltungsfilmen im "Dritten Reich" und Kameramann Bruno Mondi hatte zuvor an NS-Propagandastreifen wie "Kolberg" (1945, R: Veit Harlan, D) mitgewirkt.
Die 1950er-Jahre: Vielseitig und experimentell
Mit dem zweiten Märchenfilm "Die Geschichte vom kleinen Muck" (1953, R: Wolfgang Staudte) führte die DEFA ihren Weg fort und produzierte eine weitere "demokratische humanistische Adaption" (Häntzsche) eines klassischen Stoffes: Staudte und Drehbuch-Co-Autor Peter Podehl werteten in der Verfilmung von Wilhelm Hauffs Kunstmärchen die Bindung an das Materielle ab, dafür traten Nächstenliebe, Toleranz, Vergebung und – in einer Schlüsselszene – Pazifismus in den Vordergrund. Auch aufgrund des hohen technisch-künstlerischen Niveaus wurde der Film 1956 auf Festivals in Montevideo und Edinburgh ausgezeichnet und gilt als internationaler DEFA-Erfolg.
In den folgenden Jahren setzten die Filmemacher weiterhin auf eine "sozialistisch-humanistische Erschließung" (Häntzsche) von Volks- und Kunstmärchen – mit durchwachsenem Ergebnis: ein "Mangel an Poesie" ("Der Teufel vom Mühlenberg", 1955, R: Herbert Ballmann), eine "vulgärmarxistische Deutung" klassischer Volksmärchen ("Das tapfere Schneiderlein", 1956, R: Helmut Spieß) oder eine "verlogene Märchenromantik" ("Das singende, klingende Bäumchen", 1957, R: Francesco Stefani) wurde den Adaptionen von DDR-Kritikern vorgeworfen. Aber: Aus heutiger Sicht gelten die 1950er-Jahre als ein besonders vielseitiges und experimentelles Jahrzehnt in der DDR-Märchenfilmproduktion.
Die 1960er-Jahre: Stilisierte Märchenwelten und unkonventionelle Inszenierungen
Die ab 1959 adaptierten Märchen versuchten sich weniger an Interpretationen, die sich vollständig von der klassischen Vorlage entfernten – vielmehr wurden vorhandene sozialkritische Elemente in den Märchen unaufdringlich und behutsam verstärkt ("Das Feuerzeug", 1959, R: Siegfried Hartmann). Zudem blieb die Neugier an neuen Wegen der Inszenierung erhalten; die Regisseure ließen sich von Theaterinszenierungen inspirieren ("Das Zaubermännchen", 1960, R: Christoph Engel, Erwin Anders und "Rotkäppchen", 1962, R: Götz Friedrich). Einen Schritt weiter gingen Gottfried Kolditz und Walter Beck in "Frau Holle" (1963) und "König Drosselbart" (1965).
Eine stilisierte Märchenwelt in der Filmarchitektur brach mit bisherigen Sehgewohnheiten und fokussierte den Blick auf die Figurenensembles, ihre Charaktere und Wandlungen. Beck ging in seinen nachfolgenden Adaptionen diesen Weg konsequent weiter, z. B. in "Dornröschen" (1971), "Der Prinz hinter den sieben Meeren" (1982), "Der Bärenhäuter"(1986). Eine Zäsur in der DDR-Märchenfilmproduktion war Rainer Simons "Wie heiratet man einen König" (1969): Das Debüt des damals 28-jährigen Regisseurs, das auf das Grimmsche Märchen "Die kluge Bauerntochter" zurückging, wirkte im Vergleich zu bisherigen DDR-Märchenfilmen frisch, modern, unkonventionell.
Die 1970er-Jahre: Märchenfilme für das Fernsehen der DDR
Auch die deutsch-tschechische Koproduktion "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (1973, R: Václav Vorlícek) sah sich einer neuen modernen Grundtendenz in der Märchenadaption verpflichtet – mit Erfolg. Fast zeitgleich produzierte das DEFA-Studio für Spielfilme den ersten Märchenfilm im Auftrag des Fernsehens der DDR: "Der kleine und der große Klaus" (1971, R: Celino Bleiweiß). Bis 1990 sollten weitere folgen. Dabei fanden erstmals auch weniger bekannte Vorlagen filmische Beachtung, wie z. B. "Die schwarze Mühle" (1975, R: Celino Bleiweiß) nach einer Erzählung von Jurij Brezan, "Die Regentrude" (1976, R: Ursula Schmenger) nach einer Novelle von Theodor Storm oder "Die Geschichte vom goldenen Taler" (1985, R: Bodo Fürneisen) nach einem Märchen von Hans Fallada.
Dass die DEFA eine Grimmsche Vorlage auch als Märchenfilm-Komödie mit burlesken Elementen umsetzen konnte, bewies Regisseur Egon Schlegel mit "Wer reißt denn gleich vorm Teufel aus" (1977), einer Adaption von "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren". Aber: Bei allen komischen und grotesken Einlagen, die der Film bot, wies die Kritik auch auf eine subtil pro-militaristische Grundhaltung in einigen Handlungssequenzen hin (Schmitt). So verteidigt sich der Held mit einer "Stalinorgel" gegen Kanonenkugeln, die vom König auf ihn abgefeuert werden. Einem durchweg humanistisch-pazifistischen Grundgedanken sah sich hingegen "Das blaue Licht" (1976, R: Iris Gusner) verpflichtet – der König wurde hier nicht mit Waffen besiegt, sondern mit Hilfe des Wunderlichts einfach weg gepustet.
Die 1980er-Jahre: Von "Die vertauschte Königin" zum "Eisenhans"
Anfang der 1980er-Jahre nutzten die DEFA-Drehbuchschreiber neben den klassischen Grimmschen Märchen beispielsweise eine Vorlage des russischen Dichters Andrej Platonow in "Die vertauschte Königin" (1984, R: Dieter Scharfenberg). Daneben ging "Gritta von Rattenzuhausbeiuns"(1985, R: Jürgen Brauer) auf einen Roman von Bettina und Gisela von Arnim zurück. Dass das nicht zulasten der Adaptionen ging, bewies vor allem der letztgenannte Film, der in seinem Szenenbild ein Feuerwerk an Ideen und Einfällen zündete und das Romantikmärchen in der Dialogführung erfrischend modernisierte.
Ab 1986 orientierte sich das DEFA-Studio für Spielfilme wieder zunehmend an den Volksmärchen der Brüder Grimm: sechs von sieben Adaptionen gingen auf die Vorlagen der Brüder zurück. Doch meist waren es nur Motive oder einzelne Figuren, derer sich die Drehbuchschreiber bedienten, denn auch in diesen Märchenfilmen wurde die "Tendenz der Interpretationen von der Betonung und Herausarbeitung, einzelner für die Gegenwart bedeutsamer historischer, sozialer, moralischer und psychologischer Aspekte" (Berger/Giera) konsequent weiterverfolgt.
Beispielsweise der Film "Jorinde und Joringel" (1986, R: Wolfgang Hübner), in dem die Vorlage zu einem Plädoyer für Frieden und Anti-Militarismus weiterentwickelt wurde. Oder "Eisenhans" (1988, R: Karl-Heinz Lotz): Ein noch bei den Grimms motivloser "wilder Mann, der braun am Leib war, wie rostiges Eisen", wurde hier zu einer Figur des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur stilisiert. Es sollte einer der letzten DEFA-Märchenfilme werden.
Literatur:
- Berger, Eberhard und Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt, Berlin, 1990
- Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen, Frankfurt a. M., 1993
- Häntzsche, Hellmuth: ... und ich grüße die Schwalben. Der Kinderfilm in europäischen sozialistischen Ländern, Berlin, 1985
- Häntzsche, Hellmuth: Der Spiel- und Trickfilm für Kinder in der DDR, Berlin, 1980
