Eine nicht unwesentliche Rolle im Umbruchprozess 1989 spielten neben den Kirchen die politisch alternativen Gruppen in der DDR. Während vor dem Herbst 1989 ihr Mobilisierungspotenzial gering war, änderte sich dies mit der Öffnung der ungarisch-österreichisch Grenze am 11. September 1989 schlagartig. Die Flüchtlingswelle kann als ein Auslöser für die Gründung der politisch alternativen Gruppierungen gesehen werden. Allerdings waren diese nicht die Hauptführer und Organisatoren der Revolution. Denn die wichtige Rolle beim politischen Umbruch nahmen die Kirchen im Wendejahr 1989/90 ein. Sie waren Ausgangspunkt der Demonstrationen und friedlichen Revolution.
"Neues Forum" macht den Anfang
Am 19. September beantragte das „Neue Forum“ seine Zulassung als offizielle Vereinigung. Die ersten Schritte zu einer eigenständigen Gruppierung hatten auch den Zweck aus dem Schatten der Kirchen herauszutreten. Kurz darauf gründete sich die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ und der „Demokratische Aufbruch“. Obwohl diese Bewegungen getrennt arbeiteten, glichen die Aufrufe zur „Gewaltlosigkeit“ sowie der Wunsch nach „Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden“ einander. Am ersten Advent 1989 riefen das „Neue Forum“ und andere Bürgerinitiativen zur Bildung einer Menschenkette auf, die unter dem Motto stand: „Erneuerung und Demokratisierung unserer Gesellschaft – Ein Licht für unser Land“. Tausende Menschen bildeten mit brennenden Kerzen von Rügen über Berlin und Dresden bis Leipzig die größte Menschenkette aller Zeiten in Ostdeutschland.
Für Demokratisierung und Menschenrechte
Die politisch alternativen Gruppen vor allem für drei Ziele ein: Für eine Demokratisierung des politischen Systems und die Respektierung von Menschenrechten, für den Aufbau einer solidarischen und sozial gerechten Gesellschaft sowie für die Ökologisierung der Wirtschaft. Menschenrechte und Demokratie bildeten in der DDR-Bevölkerung einen großen Konsens und können als allgemeingültige Elemente in der Gesellschaft angesehen werden.
Religiöser Einfluss
Die sozialen Träger der im Herbst 1989 entstandenen politisch alternativen Gruppen waren aus den Reihen der evangelischen Kirche nahe stehenden Friedens-, Umwelt-, Frauen- und Menschenrechtsgruppen entstammen. Daraus wird deutlich, dass der religiöse Einfluss auch außerhalb der Kirchen nicht endete. Aus dieser Sicht heraus ist es eher zu verstehen, dass die religiös beziehungsweise zivilreligiös geprägte Revolution auch von den offiziell nicht-kirchlichen Gruppierungen, wie den politisch alternativen Gruppen, mitgetragen wurde. Viele Führer dieser Gruppierungen stammten nämlich aus dem kirchlichen Milieu. Im Schutz der Kirchen hatte sich die politische Bürgerbewegung entwickelt.
Regligiöse Symbolik im Wendejahr 1989/90 war weit verbreitet. Sie wurden auch von nicht-religiösen Menschen in Anspruch genommen und akzeptiert. Die Kirchen haben vielen Menschen vor und während des Umbruchprozesses einen Freiraum geboten. Unter ihnen waren auch atheistische und konfessionslose Menschen. Friedensgebete und Lichterketten waren für alle DDR-Bürger vertretbar.
