Die Kirchen nahmen im Wendejahr 1989/90 eine wichtige Rolle beim politischen Umbruch ein. Mit ihrer wachsenden Bedeutung und den damit religiös motivierten Handlungen begannen sich auch erste Phänomene einer Zivilreligion herauszubilden.
Kirchen als Schutzraum
Während vor dem Herbst 1989 religiöse Termini in der Öffentlichkeit vom SED-Regime völlig zurückgedrängt worden waren, nahmen die Kirchen und damit auch religiöse Termini im Umbruchprozess deutlich zu. Die Menschen fühlten sich im Schutzraum der Kirchen sicherer und trauten sich in ihrem Schatten heraus auf die Straße. Nicht umsonst fanden die Montagsdemonstrationen in Leipzig auf dem Platz vor der Nikolaikirche statt. Schon seit dem 25. Januar 1988 wurden in Leipzig täglich sogenannte Fürbittgebete durchgeführt. Eine Kontakt- und Koordinationsgruppe organisierte diese Gebete und erklärte, dass das Beten und Nachdenken in diesen Tagen nicht nur das Anliegen einer kleinen Gruppe und für die erste Zeit der Erregung sein darf, sondern eine weitreichende Bedeutung für unser ganzes Land besitze.
Von der Kirchen- zur politischen Bürgerbewegung
Im Oktober 1988 informierten Bürgerrechtler im Anschluss an die regelmäßigen am Montag stattfindenden Friedensgebeten in der Nikolaikirche über aktuelle politische Probleme. Aus der kirchlichen Friedensarbeit wurde eine politische Bewegung beziehungsweise eine Bürgerbewegung. Am 4. September 1989 begann die Tradition der Leipziger Montagsdemonstrationen. Im Anschluss an die Friedensgebete kam es zu einer großen Menschenansammlung auf dem im Leipziger Zentrum gelegenen Platz um die Nikolaikirche. Schon beim ersten Flugblatt „Aufruf an alle Bürger der Stadt Leipzig“ vom 12. Januar 1989 wurde dafür geworben, an einer Demonstration teilzunehmen und für eine Demokratisierung des sozialistischen Staates einzutreten. Am Ende der Aufforderung wurde zum „Schweigemarsch mit Kerzen“ aufgerufen. Der Aufruf kam von der „Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft“. Es traten also schon Anfang 1989 vereinzelt religiöse Elemente in der Öffentlichkeit auf, die zivilreligiösen Charakter besaßen.
Forderungen nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Rechtssicherheit
Ein Blick auf die verwendeten Transparente in Leipzig im Herbst 1989 zeigt, dass bereits zivilreligiöse Termini ganz offensichtlich zum Sprachgebrauch gehörten und von den Menschen auch akzeptiert wurden. Sie waren aber zunächst von westdeutscher Begrifflichkeit geprägt, welche dank des Fernsehens und Radios auch von den DDR-Bürgern empfangen werden konnten. So waren die Forderungen auf Transparenten nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Rechtssicherheit“ keine Seltenheit.
Friedensgebete und Lichterketten
Neben Leipzig fanden im Laufe des Herbstes 1989 in immer mehr Städten Friedensgebete statt. So trafen sich in Görlitz, Dresden, Greifswald, Magdeburg und Berlin Tausende Menschen in den Gotteshäusern. In Neubrandenburg nahmen am 18. Oktober mehr als 10.000 Menschen an einer kirchlichen Veranstaltung und einem Schweigemarsch teil. Am 16. Oktober kam mit der Lichterkette eine weitere Demonstrationsform hinzu. Tausende Menschen zündeten, nun auch außerhalb der Kirchen, Kerzen an, um für Reformen und eine friedliche Erneuerung des Staates zu demonstrieren.
Die Kirchen haben vielen Menschen vor und während des Umbruchprozesses einen Freiraum geboten. Unter ihnen waren auch atheistische und konfessionslose Menschen. Die Kirchen sehen es als ihren Erfolg an, dass der Totalitarismus nicht mit Waffen, sondern mit Kerzen und Gebeten besiegt wurde, wobei auch nicht-religiöse Menschen die Kirchen unterstützten.
