
- Claudia Gabel - Dein Blut auf meinen Lippen Cover - any.way
Transsilvanien, 1462: Unter Vlad dem Pfähler hatte der Vampirclan der Capulets eine Hochphase erlebt: Der brutale Fürst hatte ihnen erlaubt, all die Menschen zu beseitigen, die ihm selbst m Weg waren. Auch hatte er sie für diese Dienste reich beschenkt und zu mächtigen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht. Nun aber ist er inhaftiert, und sein Halbbruder Radu ist an der Macht. Er zwingt die Vampire, einen Vertrag zu unterzeichnen, nach dem sie keine Menschen mehr töten dürfen. Dass im Gegenzug ihre Erzfeinde, die Montagues, versprechen müssen, keinen Vampir mehr zu töten, ist kaum ein Trost: Die Vampire wollen und können nicht auf die Macht und den damit verbundenen Einfluss verzichten, die sie bisher hatten, und wenn sie auch von Tierblut überleben können, so schwächt es sie doch so sehr, dass sie ihren bisherigen Status kaum würden beibehalten können.
Die einzig Gute
Die einzig gesunde Blüte an diesem vererbten Zweig ist Julia, die Tochter der Obervampire. Sie blickt angstvoll in die Zukunft: In drei Tagen, an ihrem sechzehnten Geburtstag, würde sie zum Vampir werden. Vampire kommen nämlich als Menschen zur Welt, doch in der Nacht vor ihrem sechzehnten Geburtstag befällt sie unglaublicher Blutdurst, und sie müssen ein Ritual durchführen: Ganz allein müssen sie einen Menschen jagen und aussaugen. Danach sind sie vollwertige Vampire. Tun sie es nicht, sterben sie.
Julia ist fest entschlossen, dieses barbarische Ritual nicht durchzuführen. Einen unschuldigen Menschen töten und sich in ein Monster verwandeln? Lieber würde sie verhungern! Ihr graust heimlich vor ihrer blutdürstigen Familie, und als sie herausfindet, dass ihre Eltern sie aus politischem Kalkül mit einem viel älteren, abstoßenden Vampir verheiraten wollen, festigt das ihren Entschluss nur: Sie wird das Ritual nicht vollziehen. Doch dann lernt sie Romeo kennen und mit ihm einen Grund zum Weiterleben.
Der Feind, den sie liebte
Romeo Montagues Herz steht in Flammen: Die schöne Rosalinde, leider ein Mitglied der verfeindeten Vampirsippe, hat es entzündet. Daher überredet er seine Freunde, sich mit ihm auf einen Ball im Schloss der Capulets zu schleichen, damit er dem Mädchen den Hof machen kann. Hier allerdings trifft er nicht auf Rosalinde, sondern auf Julia. Sofort wird ihm klar, dass seine bisherige Verliebtheit nur Schwärmerei gewesen sein kann: Das hier ist die Frau seines Lebens!
Julia empfindet genauso, und so suchen die beiden jungen Leute einen Weg, zusammen zu sein. Ein Mönch eines nahe gelegenen Klosters unterstützt sie bei ihren Heiratsplänen. Nur schnell, schnell muss es gehen, denn drei Tage später würde Julia zum Vampir werden. Trotz der Eile lässt sich alles gut an, doch dann greift das Schicksal in Form von Julias Cousin Tybalt ein...
Das kann doch nicht ihr Ernst sein!
Summierend noch einmal: Die Montagues und die Capulets sind große Familienclans in Transylvanien, wie die typisch rumänischen Namen schon andeuten und... Halt. Moment. Doch nicht.
Also von vorn: Claudia Gabel, die als Lektorin in New York lebt und Literatur und Rhetorik studiert hat, nahm sich mit typisch amerikanisch anmutender Respektlosigkeit vor dem Großen die romantischste Geschichte, die in der Literatur je geschrieben wurde, quetschte sie gewaltsam in die Fassung dessen, was jetzt gerade angesagt ist, missachtete dabei völlig, dass das nicht im Geringsten passt, und präsentierte es der Welt als herzzerreißende Vampirliebesgeschichte. Nein, England, das ist kein Erdbeben, das ist William Shakespeare, der im Grab rotiert.
Wie KONNTE sie nur? Warum gab es keinen wohlmeinenden Lektor, der das Manuskript verbrannt und sie scharf zurecht gewiesen hat? Warum wird so ein Schwachsinn auch noch übersetzt? Leben wir wirklich, wie Schopenhauer vermutete, in der Schlechtesten aller möglichen Welten?
Das Grauen im Detail
Aber immer langsam: Was vielleicht bei Shakespeare schon schwer zu schlucken war - große Liebe am ersten, Heirat am zweiten, Tod am dritten Tag -, war bei ihm zumindest liebevoll umgesetzt und umwerfend charmant präsentiert. Claudia Gabel hingegen hat einfach die Geschichte genommen und sie stilstisch empörend banal dahingeschludert. Ihre Charaktere sind blass, platt, ohne Facetten, ohne Ambivalenz, ohne Leben - man möchte heulen.
Julia ist wunderschön, natürlich, aber gar nicht eitel. Sie hat als einzige aus ihrer kompletten Familie ein sanftes Herz, ein großes Rechts- und Unrechtsempfinden, ist voller natürlicher Moral und so weiter. Frühkindliche Prägung und Erziehung sind ja auch Märchen aus Bizarrowelt.
Und Romeo, der leicht Entflammbare, hat natürlich von jeher das Morden abgelehnt, dem seine Familie sich verschrieben hatte. Darum hat er auch noch niemals gekämpft, aber den versierten Killer Tybalt macht er platt, keine Frage.
So könnte es noch endlos weitergehen, aber möge der Mantel des Schweigens diese Hässlichkeit bedecken. Gibt es denn gar nichts Positives über dieses Buch zu sagen? Doch. Es ist zum Glück ziemlich kurz.
Fazit: Wer vom Fremdschämen keine Kopfschmerzen bekommen möchte, sollte tunlichst die Hände von diesem Schandwerk lassen. Es ist wirklich unglaublich blöd.
Claudia Gabel: Dein Blut auf meinen Lippen. Rowohlt, September 2011. Taschenbuch, 240 Seiten. Euro 8,99
