Delfine und Millionengeschäfte. Delfinarium unter Beschuss

Sprünge, die nicht auf Kommando geschehen - Copyright Claudia Gomes / Lobosonda Madeira
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Die neue Nürnberger Delfin-"Lagune" sollte Maßstäbe setzen, doch Tierschützer fürchten nun um Leben und Gesundheit der Delfine und fordern die Schließung.

Schon die Einweihung der neuen Lagune im Delfinarium des Nürnberger Zoos am 26. Juli geriet zur Blamage. Zunächst musste die Zoodirektion kleinlaut zugeben, dass die veranschlagten Baukosten von 24 Mio. Euro erneut überschritten wurden. Laut Oberbürgermeister Horst Maly gegenüber der Nürnberger Zeitung (Ausgabe vom 29.7.2011) werde das Projekt nun aber deutlich teurer: “Durch Arbeiten zur schnelleren Fertigstellung wie durch Nachforderungen von Handwerkern steht ein Betrag von 3 Millionen Euro im Raum“, so Maly. Verschwiegen wird dabei geflissentlich, dass die Zooleitung noch 2006 die Kosten auf 10 Mio.(sic!) bezifferte. Hinzu kommt, dass sich die Delfine in der teuren, neuen Lagune im Winter aufgrund der Kälte gar nicht aufhalten können. Daher soll eine aufblasbare Traglufthalle über zwei der Außenbecken errichtet werden. Dies erklärte zumindest eine Delfintrainerin gegenüber den Geschäftsführern, Andreas Morlok, vom Projekt Walschutzaktionen (ProWal) sowie Jürgen Ortmüller vom Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) – weitere Kosten sind also zu erwarten. Ohne weitere Spenden könnte es allerdings eng werden für den Oberbürgermeister und die Zooleitung, denn die Stadt hatte bisher lediglich einer Bürgschaft von 20 Millionen zugestimmt.

Kritiker fordern, das Delfinsterben im Nürnberger Zoo zu beenden

Die Organisationen Projekt Walschutzaktionen (ProWal) und das Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) dagegen fordern, dem Sterben im Nürnberger Delfinarium endlich ein Ende zu setzen. Meeresschützer Andreas Morlok (ProWal) bilanziert: "37 Nürnberger Delfine sind bereits verstorben. In den letzten 12 Jahren funktionierte keine Nachzucht. Seit 2004 sind neun tote Delfinbabys zu beklagen."

Der Tierrechtler Frank Albrecht hat unter dem Titel „Was Sie schon immer (nicht) wissen wollten! – Nürnberger Delphinarium“, eine kritische Dokumentation über die Haltung von Delfinen im Nürnberger Tiergarten veröffentlicht. Darin dokumentiert er sämtliche Todesfälle und beleuchtet Dressurmethoden, Gefährlichkeit, Therapieversuche sowie die traurige Geschichte der Nürnberger Delfine. Auch forderte der Tierrechtler Albrecht, dass die Zoodirektion sämtliche Akten und Obduktionsberichte über die Gesundheit der Delfine öffentlich machen müssten. Dies wurde nun vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof bestätigt, der eben diese Offenlegung jetzt anordnete. Geklagt hatte die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation "Whale & Dolphin Conservation Society" (WDCS) und nach einem vierjährigen Rechtsstreit Recht bekommen.

Laut WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller gibt es seit 40 Jahren Zuchtbemühungen in Europa, doch keinen einzigen Delfin, der in dritter Generation überlebt hätte. Der WDSF und andere Tierschutzverbände lehnten Delfinarien auch deshalb ab, weil klar geworden ist, dass Zoos keinen Beitrag zur Arterhaltung von frei lebenden Delfinpopulationen leisten können. Denn “noch nie wurde ein Delfin aus einem Delfinarium in Europa wieder ausgewildert,“ so Ortmüller.

Im Gegenteil – immer wieder werden die in Gefangenschaft oft frühzeitig sterbenden Delfine mit so genanntem “Wildfang“ wieder aufgestockt, mit frei lebenden Delfinen, die am Rande der jährlichen Treibjagden gefangen, in Containern verschickt und für horrende Summen weltweit verkauft werden.

Hartnäckig prangern Pro Wal und der WDSF diese Praxis seit langem an und verlangen die Schließung aller Delfinarien. In Münster waren sie damit bereits erfolgreich - nach Jahren ständiger Proteste vor dem Delfinarium wurde eine Schließung für das nächste Jahr zugesagt. Allerdings geschieht dies nicht aus Gründen der Einsicht. Vielmehr hatten die Tierschützer erfolgreich bei der Aufsichtsbehörde eingeklagt, dass ein neues lichtdurchlässiges Dach gebaut werden müsste – das Geld hatte der private holländische Betreiber in Münster jedoch nicht und muss daher schließen.

Vor dem Duisburger Delfinarium protestierten die Tierschützer am Sonntag, den 14.8.2011. Duisburg und Nürnberg sind damit die letzten Zoos, die noch Delfine in Gefangenschaft halten.

Wie Besucher von Delfinarien das Töten der Delfine fördern

Jedes Jahr beginnt im September in Taiji, auf Japan, die traditionelle Treibjagd auf Delfine, bei der tausende von ihnen aus dem offenen Meer in enge Buchten hinein getrieben und getötet werden. In eindrucksvollen Bildern wird dies mit Spezialkameras in dem zu Recht viel gerühmten Film THE COVE eingefangen.

Vor dem Massaker werden allerdings die kräftigsten Tiere ausgesondert und für bis zu 150.000 Dollar pro Stück an Delfinarien weltweit verkauft. Allein diese Tatsache, dass Delfinarien für diesen Preis Delfine abnehmen und anschließend kommerziell ausschlachten können, ist laut Tierschutzverbände Hauptgrund dafür, dass die Treibjagden auf Delfine in Japan, Norwegen, Island, Grönland und an den Färöer Inseln unbeirrt weitergehen.

Dieses Geld müssen die Delfine natürlich wieder “einspielen“ und werden dementsprechend oft in Shows präsentiert, die manchmal auch verharmlosend als “öffentliches Training“ bezeichnet werden. Gerade so als würden die Delfine – wie Leistungssportler – auch dann trainieren wenn keiner zuschaute.

Damit die zusätzlich angefallenen Kosten für die Nürnberger Lagune aufgebracht werden können, müssen nun alle Zoobesucher mit ihrem Eintrittsticket das Delfinarium mitfinanzieren. Zahlten Tiergarten-Besucher bisher 9,50 Euro, so müssen sie jetzt 13,50 Euro inklusive Delfinarium bezahlen – ob sie wollen oder nicht. Gegnern der Lagune bleibt also nur, den Nürnberger Zoo ganz zu meiden.

Delfin-Therapien sollen Geld einbringen und Kritiker verstummen lassen

Bei aller Kritik an der Lagune und der traurigen Sterberate der Delfine in Nürnberg musste sich die Zoodirektion offenbar etwas einfallen lassen. Delfin-Therapie hieß das Zauberwort. Obwohl es sich dabei um eine Therapieform ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis handelt, fand der Nürnberger Zoo an der Universität Würzburg willige Wissenschaftler, die an einem mehrjährigen “Forschungsprojekt“ zur Delfintherapie teilnahmen.

Auch diesem zweiteiligen Projekt, das zwischen 1998 und 2011 unter Leitung des Sonderpädagogen Erwin Breitenbach durchgeführt wurde, wird die fachliche Anerkennung versagt, da der Versuchsaufbau unwissenschaftlich sei. Positive Veränderungen bei den Patienten, so die Kritiker, beruhten einzig und allein auf der Einschätzung der Eltern, die bei Kosten zwischen 3.000 und 5.000 Euro für Therapie, Anreise und Hotelkosten einen Misserfolg schwerlich zugeben würden.

Unerwartete Hilfe für eingesperrte und als Therapeuten missbrauchte Delfine

Der amerikanische Verhaltensforscher und Psychologe Dr. David E. Nathanson entwickelte Ende der 1980er Jahre auf der Welle der “Flipper“-Sympathien, die die gleichnamige Fernsehserie auslöste, die sogenannte delfingestützte Therapie. Nun bestätigt der Verhaltensforscher, dass der gleiche, wenn nicht noch bessere Therapieerfolg mit Delfin-Robotern erzielt werde könne.

Die den echten Delfinen sehr ähnlich sehenden "therapeutic animation dolphins", kurz TAD, werden bereits als Ersatz diskutiert, denn sie sind natürlich ungleich pflegeleichter als ihre Originale und können nach dem Einsatz einfach in die Ecke gestellt werden. Sämtliche Delfinarien wären damit sofort ihre schärfsten Kritiker los.

Delfine und sogar Wale könnten Interessierte aber weiterhin beobachten, allerdings nicht als Reifenspringer oder Ball spielende Clowns, sondern wenn sie in ihrem Element sind: im Meer und in Freiheit. Die "Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) hat einenReader zum "Whalewatching" herausgegeben. Darin sind die ihrer Meinung nach am ehesten zu empfehlenden Anbieter solcher Wal- und Delfin-Beobachtungstouren zu finden - europaweit.

Und die Nürnberger Lagune?

Bestimmt finden sich auch kleinere, heimische und bereits vom Aussterben bedrohte Tierarten, die sich in der Lagune pudelwohl fühlten. Dann könnte jeder Zoobesucher wieder guten Gewissens eine Eintrittskarte kaufen. Flippers Artgenossen würden es ihnen danken.

Quellen:

  • Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF)
  • Projekt Walschutzaktionen (ProWal)
  • "Delfintherapie", in: Online-Portal "Gesundheit.de" der Andreae-Noris Zahn AG (ANZAG), 4.5.2011
  • Universität Würzburg, 12.8.2010
  • Tiergarten Nürnberg
  • Nürnberger Zeitung

Maico Rigolo - Meine Artikel sind hauptsächlich gedrehte oder ungedrehte Filme und Reportagen für das Fernsehen. Manches Eposé wird ...

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