
- Denkmal in Berlin - François Maher Presley
Die Idee, in Erinnerung an die ermordeten Juden in Europa ein Denkmal auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände in Berlin zu errichten, entstand bereits 1989 durch die Publizistin Lea Rosh. Willy Brandt unterschrieb den von ihr verfassten Aufruf als erster. Nach dem Mauerfall kam die Initiative zum Ergebnis, ein solches Mahnmal nördlich der früheren Reichskanzlei in den ehemaligen Ministergärten zu errichten, ein Vorhaben, das der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl unterstützte und für das er einen Teilbereich der damaligen Gärten zur Verfügung stellte.
Ausschreibung und Planung
Nun begannen die in Deutschland üblichen „öffentlichen Diskussionen“, die sich weniger durch eine Auseinandersetzung in den Breiten der Bevölkerung zu erkennen geben, sondern eher als Grabenkämpfe der üblichen Vertreter der so genannten deutschen Eliten - Journalisten, Politiker, Philosophen und Künstler oder solche, die sich dafür halten - auszumachen sind.
Immerhin führte das im Frühjahr 1995 zu einer Ausschreibung der Berliner Senatsverwaltung für Bau und Wohnungswesen. Diesem Wettbewerb folgten 528 Einreichungen. Zuletzt entschloss sich die Jury, zwei erste Preise zu vergeben, doch der Altkanzler Kohl sprach sich gegen die Realisierung der Arbeit von Jackob-Marks, Rolfes, Scheib und Stangl aus. Im Juni 1997 verständigten sich die drei Auslober (Förderkreis, Bund und Berlin) des Wettbewerbs, dennoch an der Konzeption und dem Standort für das Projekt festzuhalten und leiteten erneut ein - nun jedoch enger angelegtes - Wettbewerbsverfahren ein. Schon zu Beginn 1998 kristallisierte sich der Entwurf von Eisenman/ Serra heraus, der auf Anregung von Helmut Kohl noch überarbeitet werden musste. Diese Forderung führte zu einem Rückzug des Bildhauers Richard Serra, und Peter Eisenman legte einen allein überarbeiteten Entwurf „Eisenman II“ vor.
Das Mittelmaß wird gewählt
Und tatsächlich wird man das Gefühl nicht los, dass es sich auch bei dieser Umsetzung, wie fast immer üblich in der deutschen Politik, um eine Art Mittelweg handelt, nachdem mehr oder minder die Ursprünglichkeit des Gedankens im Konsens fast erstickt wurde. So bleibt ein groß angelegtes Projekt, aber das Monumentale, dass von der Idee selbst ausgeht, findet sich in der Realität nicht wieder. Und auch bei der Begehung des Denkmals fehlt jegliche Intensität in der Wirkung.
Zur Jahreswende 1998/99 und nach dem Regierungswechsel zu Gunsten des rot-grünen Lagers plädiert der Staatsminister Michael Naumann anstelle des Denkmals für ein Bibliotheks- und Forschungszentrum, einem „Haus der Erinnerung“. Dafür erhält er allerdings von der Regierungsfraktion der SPD keine Zustimmung. Im Juni des selben Jahres beschließt endlich der Bundestag mit großer Mehrheit ein „Denkmal für die ermordeten Juden“ auf dem vorgesehenen Standort zu errichten, das Stelenfeld von Peter Eisenman soll zudem um einen Ort der Information ergänzt werden. Im Januar 2000 war der offizielle Baubeginn, am 12. Mai 2005 nach vielen kleinen und größeren Hindernissen fand die Eröffnung des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ statt, und es folgten auch gleich schon die Auszeichnungen und Ehrungen. Peter Eisenmans Denkmal erhielt die Auszeichnung der US-Zeischrift „Travel and Leisure“ im Bereich „Kulturbauten/ Kulturelle Räume“, Lea Rosh im September 2006 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für ihre Initiative, und im Mai 2007 folgte der „Honor Award for Architecture“ des American Institute of Architects, mehr geht in den USA nicht. Und in Deutschland?
Kein großer Wurf in der Museumsstadt Berlin
Was immer auch die Auszeichnungen suggerieren sollen, zuletzt bleibt das Denkmal weit hinter den Erwartungen zurück, und zudem ist die fast 16jährige Entwicklungszeit dieses guten und auch endlich entstanden Projektes im Verhältnis zum Ergebnis fragwürdig, eine typische deutsche Konsenslösung, ganz sicher ein beeindruckendes, ebenso sicher aber auch kein dem Grauen der Vernichtung der europäischen Juden sich annäherndes Denkmal.
Offen für Interpretationen und eigene Sichtweisen
Peter Eisenman lässt jegliche Interpretation des aus 2.711 Beton-Stelen bestehenden Denkmals zu, macht keine Vorgabe, will dem Unbegreiflichen nicht etwas Begreifliches entgegensetzen, dem Unvorstellbarem keine festgelegte Aussage geben. So existieren daher lediglich Interpretationsversuche, wonach das Grau der gesamten Anlage die Asche der Ermordeten symbolisieren soll, die Enge der Gänge, die man nur allein durchlaufen kann, Einsamkeit hervorruft, die Unendlichkeit der Wege durch das Stelen-Meer womöglich das ebenso unendliche Leiden der Juden Europas widerspiegelt, die sich um einen herum befindlichen und scheinbar in Wellen-Bewegungen auf den Besucher zukommenden unterschiedlich hohen Betonquader (unter einem bis über vier Meter), die ebenso auf unterschiedlich sich neigendem Grund gebaut sind, verunsichern, geben nur noch den Blick nach oben frei, zum Himmel, vielleicht zur einzigen Möglichkeit der Erlösung, an manchen Stellen den Blick freigeben auf die am Rande des Feldes gepflanzten 41 Bäume, deren Grün in diesem unerbittlichen Grau und Beton fast paradiesisch erscheinen will. Andere sehen die Stelen als eine Anlehnung an jüdische Grabsteine für die vielen namenlosen Toten oder finden die Nähe zu den Kriegerdenkmälern, haben viele der ermordeten Juden doch kein eigenes Grab.
Nur der halbe Weg
Aber eben hier ist auch die Inkonsequenz bei der Umsetzung der Idee zu finden. Neben vielen Interpretationsmöglichkeiten gewährt die zu klein geratene Anlage zu viele Möglichkeiten, sie zu durchstreifen, sich darin spielerisch zu verirren und zu finden, zu verstecken und einander zu entdecken, auf den Stelen zu liegen, in der Sonne, sich fotografieren zu lassen oder zu schlafen, mitgebrachte Imbisse zu verspeisen, Reste liegen zu lassen. Die unmissverständliche Ausweglosigkeit, der durch den Qualm des verbrannten Menschenfleisches schwarze Himmel, die Erschießungskommandos in den Wäldern und die Massengräber zwischen dem Grün der Bäume, die Unbarmherzigkeit und kompromisslose Zielsetzung – alles das führte immer nur zum Abgrund, es gab keinen Raum mehr, nicht für Kurzweil, nicht für Spielereien, nicht einmal mehr für Hoffnung und Glauben. Dieses Denkmal wird dem Entsetzen des Holocaust nicht annähernd gerecht, dieser Kompromiss ist lediglich ein Aushängeschild unter vielen der Kulturweltstadt Berlin, aber kein großer Wurf, Fotoserien ästhetisieren und beeindrucken, aber haben eben auch die Möglichkeit, ein Scheinbild zu vermitteln, das nur bedingt mit der Realität des Projektes zu tun hat.
Quellen:
