Denkpsychologie: von der Assoziation zur kognitiven Wende

Die Kognitionspsychologie ist ein Teilbereich der allgemeinen Psychologie. Von der Assoziationspsychologie bis zur kognitiven Wende war es ein langer Weg.

Denken findet ununterbrochen statt. Erlebnisse werden erinnert, logische Schlüsse gezogen, Probleme gelöst und manchmal rettet der blitzartig auftretende "Aha-Moment" eine verfahrene Situation. Denken ist alltäglich und gleichzeitig ein Forschungsgegenstand der Psychologie mit lang zurückliegenden Wurzeln.

Die Denk- und Kognitionspsychologie sind Zweige der Allgemeinen Psychologie, die psychische Inhalte, die allen Menschen gemeinsam sind, untersucht.

Denkpsychologie: Woraus entwickelte sich das Denken?

Alte Kulturen wie die Griechen und ihre Nachkommen entfachten einen jahrhundertelangen Disput, ob die Ursprünge des Denkens im Empirismus (alles Wissen stammt aus Erfahrung) oder im Nativismus (Wissen ist angeboren) liegen.

Denkpsychologie: historische Wurzeln und die "Assoziation"

Die historischen Wurzeln der Denkpsychologie liegen in der Philosophie des Rationalismus, dessen Weltbild auf Logik beruht. Aristoteles (384 - 322 v. Christus) machte sich zum Denken seine eigenen Gedanken. (350 v. Christus) Er sieht den Denkvorgang als passives Geschehen, das durch eine Verkettung von bereits bestehenden Gedanken ausgelöst wird. Er prägte den Begriff der "Assoziation" und bezeichnete damit im Gehirn gespeicherte Gedächtnisinhalte, die durch einen neuen Gedanken abgerufen werden, wenn sie in Zusammenhang mit ihm stehen.

Denkpsychologie: der Weg zu naturwissenschaftlichen Methoden

Die Epoche der Aufklärung ebnete den Weg für die naturwissenschaftliche Betrachtung psychischer Phänomene, indem abergläubische Vorstellungen durch Vernunft ersetzt wurden. Im 18. Jahrhundert wurde erstmals zwischen Nervenschwäche (Neurose) und Geisteszerrüttung (Psychose) unterschieden. Der erste schulmedizinische Ansatz war die Hirnanatomie, aus der sich die Hirnpsychiatrie entwickelte. Mit naturwissenschaftlichen Methoden wurde das menschliche Denken erst im 19. Jahrhundert erforscht.

Denkpsychologie: Im 19. Jahrhundert wurde die Psychologie eine eigene Wissenschaft

Wilhelm Wundt (1832 - 1920) war einer der ersten Pioniere, der die Psychologie zur eigenen Wissenschaft erhob. Aus dieser Sicht wurde sie nach Gegenstand und Methode gegliedert. Die Grundformen psychischer Erlebnisse wurden in:

  1. Vorstellungen (entstehen aus elementaren Gefühlen und beziehen sich auf Gegenstände in der Außenwelt) und
  2. Gemütsbewegungen (entstehen aus ­Elementargefühlen und beziehen sich auf subjektive Zustände) kategorisiert.

Denkpsychologie: J. F. Herbarth und Wilhelm Wundt knüpften an die Assoziationspsychologie an

In der Denkpsychologie gelang J. F. Herbarth die Weiterführung der Assoziationspsychologie durch die optische Darstellung von Vorstellungs- und Affektverläufen. Er übertrug den Gedanken der "Ideenassoziation" auf die kollektive Ebene und beeinflusste damit die um etwa 1850 entstehende Völkerpsychologie. (sie untersucht psychische Vorgänge bei Völkern, Stämmen und Kulturen)

Wilhelm Wundt vollzog den Schritt von der Assoziationspsychologie zur Willenspsychologie. Er gilt als Begründer der Elementarpsychologie. (Assoziationismus: Komplexe Strukturen und Geschehen bestehen aus psychophysischen, nicht weiter zurückführbaren Grundbestandteilen.)

Für Wundt war das Denken ein aktiver Prozess, der neben der Assoziation durch Apperzeption oder die "schöpferische Synthese" entsteht. Sein Hauptinteresse galt dem Bewusstsein. Er trennte Sinnesempfindungen, Vorstellungen und Gefühle als eigene Bewusstseinsbereiche und bewies, dass sich alle kognitiven Abläufe daraus zusammensetzen. Edward Tichener (1857-1927) verbreitete Wundts Ansätze in den USA unter dem Begriff Strukturalismus.

Denkpsychologie: Die Methode der Wahl ist die Introspektion, die sie von anderen Schulen abgrenzt

In Europa setzt sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend die Experimentalpsychologie Wundtscher Prägung durch. Die Introspektion stand als ihre Methode im Mittelpunkt. Experimente geschulter Versuchspersonen, die durch Selbstbeobachtung (Introspektion) über Gefühle, die anderen Menschen nicht zugänglich waren, berichteten, gewannen zunehmend an Bedeutung.

Zu dieser Zeit entstanden viele psychologische Schulen mit gegensätzlichen Leitsätzen. Heute hält man sich zum Wohle des Klienten in verschiedenen Therapieformen nicht mehr exakt an die Abgrenzungen. Auf Arnold Lazarus geht der Begriff des "technischen Eklektizismus" zurück. Er beschreibt, dass die lerntheoretischen Konzepte bei positiven Therapie-Resultaten sich durchaus gegenseitig beeinflussen können.

Von Wundt abweichende, aber grundsätzlich pro-experimentelle Positionen vertraten zu der Zeit die "Würzburger Schule" der Denkpsychologie und die "Berliner Schule" der Gestaltpsychologie.

Der Denkpsychologie standen

  • die Psychoanalyse (Erforschung des Unbewussten)
  • phänomenologische Psychologie (ist auf Dinge und Ereignisse bezogen, lehnt die Introspektion ab)
  • geisteswissenschaftliche Psychologie (Ganzheitspsychologie und die Leipziger Schule)

kritisch gegenüber.

Vorherrschende Paradigmen in den USA zu dieser Zeit:

  • Strukturalismus, der die Wundtsche Tradition fortsetzt.
  • Funktionalismus, nach Dewey, der auf die seelischen Funktionen wie das Denken und ihre evolutionäre Bedeutung Bezug nimmt.
  • Behaviorismus, der die Introspektion ablehnt und sich ausschließlich auf Reiz-Reaktions-Verbindungen konzentriert.
  • Gestaltpsychologie, die den Prozess des Denkens und Problemlösens aus ganzheitlicher Sicht betrachtet.

Denkpsychologie: Die Würzburger Schule verlässt den assoziationspsychologischen Rahmen

Der assoziationspsychologische Rahmen wurde endgültig in der "Würzburger Schule" verlassen. Aus diesem Grund gilt Würzburg als Geburtsort der Denkpsychologie. Der Hauptvertreter ist Oswald Külpe. Die Grundfrage bestand darin, zu erforschen, was Individuen erleben, wenn sie denken. Schwerpunkte waren, Denken, Urteilen, Wollen und Aufmerksamkeit. Ihr Ziel war, die kleinsten Einheiten des Denkens und die Mechanismen ihrer Verknüpfung zu erforschen.

Unbewusste Denkinhalte wurden zusätzlich einbezogen. Durch die Methode der Introspektion, die weiterhin einen hohen Stellenwert einnahm, wurde der Gedankenfluss beim Lösen einfacher und komplizierter Aufgaben untersucht.

Karl Bühler gelangt dabei zu der Schlussfolgerung, dass die Denkeinheiten Gedanken und als solche unanschauliche Erlebnisinhalte, sind. Die Beziehung zwischen den Gedanken wird durch Sinn hergestellt. Sie werden verstanden, indem man sie durch logische Platzanweisung ("Aha-Moment") in die bisherige Erfahrungsstruktur einordnet.

Aufgrund der Einbeziehung höherer Mechanismen kritisierte Wilhelm Wundt die Würzburger Schule als "Ausfragexperiment".

Denkpsychologie: der moderne Kognitivismus

Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts vollzog sich die "kognitive Wende", die die Entwicklung vom Behaviorismus, der sich ausschließlich mit dem beobachtbaren Verhalten beschäftigt, zum Kognitivismus bezeichnet.

Der moderne Kognitivismus ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von psychologischen Ansätzen. Er knüpft an den Kognitivismus um die Jahrhundertwende an. Wie bei Wundt gilt das Bewusstsein als Strom fließender Gedanken und die Introspektion bleibt als wichtige Methode eklatant.

Die Kognitionspsychologie geht von der Selbstverantwortung, Entscheidungsfreiheit und Fähigkeit zur Selbsterkenntnis aus. Der Kern der Psyche ist die Erkenntnis, (Kognition) ihre Voraussetzung ist die Bewusstheit. Durch äußere und innere Einflüsse werden das Selbstbild und die Weltsicht stetig erneuert.

Kognitivismus und seine Methoden

Kognitivisten versuchen sich mit Fragen, Puppenspielen oder Zeichnungen der Sichtweise des Patienten, in seine Lage zu versetzen. Es gibt die aktive und passive (klientenzentrierte) Form der Therapie. Bei der aktiven Form nimmt der Therapeut beratende Funktion ein, bei der passiven Behandlung bestärkt er den Klienten, selbstständig Lösungen zu finden.

Teilgebiete der Kognitionspsychologie sind die aus Amerika stammende humanistische Psychologie und die Gestaltpsychologie, die für entwicklungs-, sozial- und persönlichkeitspsychologische Probleme angewendet werden kann. ("Denken", "psychologische Apparate")

Quellen:

Andersson, John: Kognitie Psychologie, Berlin

Bleuler, Eugen: Lehrbuch der Psychiatrie, Berlin

N. Birbaumer, R. Schmidt: Biologische Psychologie, Berlin

Hussy, Walter: Denken und Problemlösen. Grundriß der Psychologie, Stuttgart