Denkwürdige Szenen bei den Fußball-WMs

Fußball - Ocal (public domain)
Fußball - Ocal (public domain)
Seit 1930 gibt es die Fußball-Weltmeisterschaft. Immer wieder kam es zu denkwürdigen Szenen. Einige werden hier vorgestellt.

Seit 1930 die erste Fußball-Weltmeisterschaft durchgeführt wurden, gab es immer wieder denkwürdige Szenen. Hier soll an einige Szenen erinnert werden, die zu heftigsten Diskussionen führten – teilweise bis heute.

Der Weltmeister provoziert das Publikum

WM 1938 in Frankreich. Am 12. Juni tritt der amtierende Weltmeister Italien gegen den Gastgeber Frankreich an. Seit Beginn der Spiele gibt es in Frankreich massiven Protest gegen die Italiener, da sie als Vertreter einer faschistischen Regierung angesehen werden. Als Heimmannschaft haben die Franzosen das Recht auf die Trikotwahl, und so treten sie in Blau an. Als »Auswärtstrikot« haben die Italienier einen Dress ganz in Weiß gemeldet – und erscheinen zum Spiel ganz in Schwarz. Jeder im Stadion erkennt die Provokation, denn Schwarz ist die Farbe der Parteitruppen Mussolinis. Das Spiel ist ein einziges Pfeifkonzert gegen die Italiener. Doch am Ende sollte sich die schwarze »Squadra Azzurra« mit 3:1 durchsetzen.

Fußball ist eine Schlacht

WM 1962 in Chile. Am 2. Juni treten Chile und Italien in Santiago zum zweiten Gruppenspiel an. Beide Mannschaften nehmen den Begriff »Fußballschlacht« wörtlich. Bereits nach zwölf Sekunden erfolgt das erste brutale Foul. Der erste Platzverweis wird in der achten Minute ausgesprochen (Ferrini, Italien), der zweite in der 41. Minute (David, Italien) Die Spieler schlagen aufeinander ein, treten sich gegenseitig ins Gesicht. Schiedsrichter Ken Aston aus England ist mit dem Spiel völlig überfordert. Vier Mal muss die Polizei auf das Spielfeld stürmen, um die Spieler voneinander zu trennen. Chile siegt durch zwei späte Tore.

Drin oder nicht drin?

WM 1966 in England. 30. Juli, London-Wembley, Endspiel England - Deutschland, die 101. Minute. Eine Flanke von rechts, ein Schuss von Geoff Hurst unter die Latte, der Ball tippt auf, springt zurück ins Feld. Der Schweizer Schiedsrichter Dienst kann sich nicht entscheiden. Drin oder nicht drin? Er befragt den sowjetischen Linienrichter Bakhramov und entscheidet auf Tor. Das umstrittenste Tor der WM-Geschichte macht England zum Weltmeister. Erst später gibt Bakhramov zu, er habe geglaubt, der Ball sei hinter der Querlatte im Netz gewesen und von dort zurück auf den Rasen gesprungen. Ob der Ball dann auf oder hinter der Linie aufgesprungen sei, habe ihn nicht interessiert. Kurz vor Bakhramovs Tod 1993 wurde er in einem Interview noch einmal gefragt, warum er auf Tor entschieden habe. Bakhramov antwortete mit nur einem Wort: »Stalingrad«.

Die weißen Taschentücher von Gijon

WM 1982 in Spanien. Vor dem letzten Gruppenspiel am 25. Juni in Gijon steht fest, dass Deutschland gegen Österreich einen Sieg braucht – und Österreich mit einer 0:2 Niederlage die Zwischenrunde erreichen würde. Die deutsche Mannschaft macht sofort Druck auf die österreichische Abwehr. Nach nur elf Minuten erzielt Horst Hrubesch den Führungstreffer für Deutschland. Damit haben beide Mannschaften das Minimalziel erreicht – und vollführen fast 80 Minuten lang einen Nichtangriffspakt auf dem Rasen. Die spanischen Zuschauer zücken ihre weißen Taschentücher – ein Ritual aus dem Stierkampf, wenn sie mit der Leistung des Toreros alles andere als einverstanden sind. Der deutsche Fernsehkommentator Eberhard Stanjek weigert sich, das Spiel zu kommentieren; der österreichische Kollege Robert Seeger fordert die Zuschauer sogar auf, den Fernseher abzuschalten. Das Spiel endet 1:0, Algerien scheidet als Leidtragender aus, und Deutschland kommt – nach einem weiteren Skandalspiel – ins Finale.

Zwei Zähne und ein Halswirbelbruch

WM 1982 in Spanien. Das Halbfinale am 8. Juli in Sevilla zwischen Deutschland und Frankreich ist in der 60. Minute. Der zehn Minuten zuvor bei den Franzosen eingewechselte Patrick Battiston wird mit einem langen Pass freigespielt und läuft auf das deutsche Tor zu. Toni Schumacher, der deutsche Torwart, stürmt dem Franzosen entgegen. Battiston schießt, der Ball geht am deutschen Tor vorbei. Doch Schumacher stoppt nicht ab. Mit voller Wucht trifft er den Franzosen, der wie ein gefällter Baum zu Boden stürzt und ohnmächtig liegen bleibt. Minutenlang kümmern sich die Betreuer um Battiston. Schließlich wird er ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Zwei Zähne herausgeschlagen, Gehirnerschütterung und Halswirbelverletzungen. Schumacher, der vom Schiedsrichter nicht einmal verwarnt wird, erklärt später gönnerhaft, Battiston die Jacketkronen zu bezahlen. Deutschland besiegt Frankreich im Elfmeterschießen, weil Schumacher zwei Elfmeter hält.

Die Hand Gottes

WM 1986 in Mexiko. Das Viertelfinalspiel am 22. Juni in Mexiko City zwischen Argentinien und England ist von Beginn an vergiftet. Von argentinischer Seite wird das Spiel als Revanche für die Niederlage im Falklandkrieg 1982 gegen Großbritannien aufgebauscht. In der 51. Minute klärt Steve Hodge gegen Jorge Valdano mit einem hohen Rückpass zu seinem Torwart Peter Shilton. Diego Maradona sprintet auf Shilton zu, springt hoch und boxt den Ball mit der linken Hand ins Tor. Alle haben das Handspiel gesehen, nur der tunesischen Schiedsrichter nicht. Am Ende siegt Argentinien mit 2:1 und wird durch ein 3:2 gegen Deutschland Weltmeister.

Drei gelbe Karten für einen Spieler

WM 2006 in Deutschland. In Gruppe F treffen am 22. Juni im Stuttgarter Stadion die Teams von Kroatien und Australien aufeinander. Unter der Leitung des englischen Schiedsrichters Graham Poll entwickelt sich ein Kampfspiel mit vielen Fouls. Der Kroate Simunic erhält in der 60. Minute die gelbe Karte, doch Poll vergisst, diese Verwarnung zu notieren. In der 90. Minute wird Simunic erneut mit einer gelben Karte bedacht – und wundert sich, dass nicht die rote folgt. Drei Minuten später ist es dann aber doch so weit. Poll zieht das dritte Mal Gelb gegen Simunic und schickt ihn in die Kabine. Das Spiel endet 2:2 unentschieden. Schiedsrichter Poll pfeift nie wieder ein Spiel bei einer Weltmeisterschaft.

Lieber sterben als entschuldigen

WM 2006 in Deutschland. Das Endspiel zwischen Frankreich und Italien läuft. In der 7. Minute erzielt Zidane per Foulelfmeter das 1:0 für Frankreich, zwölf Minuten später gleicht Materazzi für Italien aus. Es geht in die Verlängerung, und in der 110. Minuten werden Zidane und Materazzi erneut zu den Hauptdarstellern dieses Spieles. Materazzi beleidigt mehrmals Familienmitglieder von Zidane, bis dem schließlich die Sicherungen durchbrennen. Mit gesenktem Kopf, einem angreifenden Stier gleich, läuft Zidane auf Materazzi zu und trifft ihn im Brustkorb. Zidane wird vom Platz gestellt, Italien gewinnt das Spiel im Elfmeterschießen. Zidanes Karriere in der französischen Nationalmannschaft endet mit dieser Szene. Bis heute weigert sich Zidane, sich bei Materazzi zu entschuldigen. Lieber würde er sterben.

Siegfried Dierker, Siegfried Dierker

Siegfried Dierker - Jahrgang 1958; gebürtiger Westfale, wohnhafter Niedersachse; nach Abitur und Bundeswehr Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann, ...

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