Die junge Frau schaut aus dem Fenster. Die Sonne strahlt, und doch erscheint ihr die Welt grau. Ihr Baby schreit im Hintergrund. Sie fühlt sich genervt, hilflos, traurig. Wie gerne würde sie dieses kleine Mädchen lieben – so lieben, wie sie sich das immer vorgestellt hat. Wie Mütter ihre kleinen Babys lieben, wie es eben normal ist. Manchmal, da spürt sie so etwas wie Liebe. Manchmal aber auch nicht. Und das macht sie traurig. Sie sei eine schlechte Mutter, sagt sie sich. Spürt Versagen.
Die Expertin Melanie Weimer aus Frankfurt kennt diese Gefühle aus eigener Erfahrung. Nach der Geburt ihres ersten Kindes fiel sie in ein Stimmungstief, das nicht enden wollte. Erst nach vielen Monaten fand sie heraus, was mit ihr los war: Sie litt unter einer postpartalen Depression, manchmal auch als postnatale Depression bezeichnet – einem trotz einiger Verbreitung vielen unbekannten Krankheitsbild. Schätzungsweise zehn bis zwanzig Prozent aller jungen Mütter leiden daran.
Baby Blues & Co.
Dass nach der Geburt eines Kindes Krisen auftreten ist nicht selten. Die bekannteste ist der so genannte Baby Blues, unter dem schätzungsweise fünfzig bis achtzig Prozent aller Frauen leiden. Er entsteht in den ersten Tagen nach der Geburt, Anzeichen sind Traurigkeit, Stimmungsschwankungen, häufiges Weinen, Ängstlichkeit, Ruhelosigkeit. Im Normalfall verschwindet der Baby Blues nach einigen Tagen von allein.
Ist dies nicht der Fall, bleiben die negative Gefühle oder treten erst später langanhaltend auf, dann leidet die Frau vermutlich unter der postpartalen Depression. Symptome können zudem etwa Kopfschmerzen und Leeregefühl, Desinteresse sowie Reizbarkeit sein. Diese Krise kann jederzeit innerhalb des ersten Lebensjahres des Kindes auftreten und sollte in jedem Fall von Fachleuten behandelt werden.
Eine noch stärkere Form, die postpartale Psychose – sie tritt etwa bei einer bis drei von 1000 Müttern auf – bedarf dringend und schnell einer fachlichen Behandlung. Sie entsteht vorwiegend in den ersten zwei Wochen nach der Entbindung, kann sich aber auch aus einer Depression entwickeln. Sie äußert sich in verschiedenen, teils gefährlichen Symptomen – etwa Verworrenheit, Größenwahn, Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit, Halluzinationen und Wahnvorstellungen und ist in manchen Fällen mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden.
Postpartale Depression
Als Melanie Weimer herausgefunden hatte, dass sie unter einer postpartalen Depression litt, war sie schon etwas erleichtert. Die Gefühle hatten einen Namen, sie war nicht verrückt – und auch nicht allein. Sie suchte nach Literatur, suchte nach Ärtzen, begann eine Therapie. Und beschloss, dieses Phänomen bekannter zu machen: Sie gründete die Frankfurter Selbsthilfegruppe „Blues Sisters“, die dem Dachverband „Schatten & Licht“ angehört. „Ganz wichtig für betroffene Mütter ist es, dass sie zunächst einmal wissen: Es gibt viele andere Frauen, die dieselben Gefühle haben.“
Auch bei Wunschkindern
Und zwar gerade auch dann, wenn sie sich so sehr auf das Kind gefreut hatten. „Es ist nicht untypisch, dass Mütter von Wunschkindern in diese Depression verfallen“, weiß Melanie Weimer heute. Denn: Zu den Ursachen für dieses Krankheitsbild kann auch die Traum-Vorstellung gehören, die man sich vorher vom Leben mit Baby gemacht hat – unter Ausblendung aller Schattenseiten. Klappt dann nicht alles perfekt, beginnen die Zweifel, manchmal die Verzweiflung. Aber es gibt auch eine lange Liste weiterer Ursachen, die nie alle gleichzeitig, aber auch selten allein ausschlaggebend sind. Dazu gehören hormonelle Veränderungen und genetische Veranlagung, Komplikationen in der Schwangerschaft und ein traumatisches Geburtserlebnis, Abschied von der eigenen Kindheit und persönliche Einschränkungen, die neue Rolle als Mutter und eine veränderte Beziehung zum Partner.
Behandlung durch Fachleute
„Wenn eine Frau erkennt, dass sie unter einer postpartalen Depression leidet, ist der erste Schritt schon getan“, sagt Weimer. Zunächst ist es wichtig, eine Hebamme, Ärztin oder einen Arzt zu finden, der sich mit diesem Krankheitsbild auskennt. Eine Liste von Fachleuten findet sich beim Verband Schatten & Licht. Sie können beurteilen, welche Behandlung sinnvoll ist: Selbsthilfegruppe mit Gesprächen, Psychotherapie, Einsatz von Medikamenten. „Mit der richtigen Behandlung sind die Chancen gut, dass die Probleme verschwinden“, so Weimer. Allerdings solle man nicht auf Wunder hoffen – es könne dauern, bis die Symptome schwächer würden, die Tiefpunkte seltener, die Krankheit irgendwann überwunden sei.
Den Partner einbeziehen
Wichtig ist auch, dass der Partner Bescheid weiß über die Erkrankung. Oft können die Männer gar nicht verstehen, was mit ihrer Frau los ist – das Kind war doch gewollt, ist gesund. Sie reagieren mit Hilflosigkeit, mit Unverständnis, manche auch mit Vorwürfen – was alles natürlich noch schlimmer macht“, erklärt Melanie Weimer. Bei den Behandlungen der postpartalen Depression werden die Partner deshalb häufig mit einbezogen. „Wichtig ist für die Frau, dass ihr Mann sie ernst nimmt. Er muss ihre Gefühle nicht selbst fühlen können, aber er muss sie akzeptieren.“
Je früher diese Behandlung stattfindet, um so besser ist das auch für die Beziehung zum Kind. „Ich selbst habe mir damals viele Vorwürfe gemacht, dass mein Kind unter meiner Krise leiden musste“, erinnert sich Melanie Weimer. Doch mit der Therapie sind ihre negativen Gefühle weitgehend verschwunden. Heute hat sie eine gute Beziehung zu ihrem Kind, liebt es – und verzweifelt auch nicht, wenn es mal nicht perfekt läuft.
