
- Depression - Günter Havlena / pixelio.de
Depressionen am Arbeitsplatz sind ein oft ausgeblendeter Unterpunkt eines Tabuthemas. Welcher Arbeitnehmer gibt gerne zu, nicht weiter belastbar zu sein? Welcher Arbeitgeber gesteht es sich ein, seine Mitarbeiter durch zu hohe Anforderungen zu überlasten?
Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Depressionen am Arbeitsplatz
Zum Glück sind wir in Deutschland noch nicht auf dem Stand wie in unserem Nachbarland Frankreich, wo sich 2008/2009 24 Arbeitnehmer der France Télécom wegen zu hohen Drucks das Leben nahmen – doch auch hierzulande liegt vieles im Argen! Seit 1990 haben sich die psychischen Erkrankungen bei Arbeitnehmern etwa verdreifacht (so ein Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen), mittlerweile ist jeder zweite Krankheitstag darauf zurückzuführen. Aufsummiert bedeutet das ein jährlich um 5 Milliarden reduziertes Bruttoinlandsprodukt, noch nicht mitgerechnet sind Produktivitätsverluste durch innere Kündigung, Denkblockaden und „Dienst nach Vorschrift“. Und: Jeder dritte Frührentner scheidet heute aufgrund psychischer Störungen aus dem Erwerbsleben aus.
Was führt zu Depressionen am Arbeitsplatz ?
Was führt zu diesen psychischen Erkrankungen, bei denen Depressionen (neben Burnout-Syndrom als Vorstufe) einen Spitzenplatz einnehmen? Nach einer Untersuchung der Universität Kassel scheint hier zunächst schlechte Führung ein Faktor zu sein, vor allem wenn Vorgesetzte bei Aufträgen an ihre Mitarbeiter deren Bedenken einfach beiseite wischen und Widersprüche ungelöst bleiben. Der Mitarbeiter verarbeitet die Diskrepanzen offensichtlich durch Ableitung in das vegetative System und setzt eine Abwärtsspirale aus Frustration auf der einen Seite und Misstrauen / Kontrolle seitens des Chefs auf der anderen Seite in Gang, denn der Vorgesetzte will seine Untergebenen wieder in die richtigen Bahnen lenken. Die Spirale endet schließlich in Krankheit.
Doch auch die Vorgesetzten erkranken häufig selbst, da sie die Fähigkeit „abzuschalten“ oft vollständig verlieren! Aber auch das beständige Erhöhen der Ansprüche und ständiges Bewerten der Arbeitsergebnisse erhöhen den Druck auf die Belegschaften – sind sie doch durch internationalen Wettbewerb oft mit Existenzängsten oder realem Stellenabbau konfrontiert. Verbunden mit privaten Krisen wird dann häufig mit psychischen Störungen auf die Situation reagiert. Festzuhalten bleibt: Belastende Faktoren der Arbeit sind zwar nicht die Ursachen der Depression, können aber jederzeit zu ihrem Auslöser werden.
Warum entsteht ein Depressionsrisiko?
Wenig erstaunlich: Die Arbeitsplätze mit der höchsten Arbeitsintensität haben ein vierfach höheres Depressionsrisiko – so eine Untersuchung im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Idealerweise haben Menschen Freiräume, ihre Arbeitsweise selbst zu bestimmen, bekommen sie Rückmeldungen und werden gemäß ihrer Leistungsfähigkeit gefordert – stattdessen wird zumeist die Arbeitsintensität erhöht, Entscheidungsspielräume werden beschnitten, Fehlentscheidungen getroffen... bei erhöhtem Zeitdruck wird so der Stress beständig erhöht, bis man keine Chance mehr hat, der Erkrankung zu entgehen.
Depressionen - moderne Arbeitsunfälle
Uneins sind sich die Experten, ob die Zahl der Depressionen tatsächlich in solchem Umfang zugenommen hat – oder ob sich heute von Arbeitnehmerseite eher dazu bekannt wird. Beachtung verdient auf jeden Fall die Aussage des Bündnisses gegen Depression, das eine Depression mittlerweile als der „Arbeitsunfall“ der Technologie- und Kommunikationsgesellschaft anzusehen sei!
Aussagen von an Depression Erkrankten
Befragt man (nicht mathematisch-repräsentativ) verschiedene Betroffene, wie es ihnen mit ihrer Krankheit am Arbeitsplatz ergeht, so zeigt sich eine große Bandbreite der Wahrnehmung und Erlebnisse; sowohl negativer Art, wie: Arbeit kann nicht mehr bewältigt werden, Kollegen reagieren mit Unverständnis oder ziehen sich zurück, als „irre“ oder „unfähig“ abgestempelt, Panikattacken, Launenhaftigkeit, bis hin zur Kündigung durch den Arbeitgeber... aber auch positiver Art: Hilfe und Verständnis seitens der Kollegen, Neu-Organisation des Tätigkeitsbereiches, und häufig: Bei depressiven Phasen bleibt wenigstens keine Zeit zum Darübernachdenken.
Wer sich als Erkrankter selbst bereits mit den Arbeitsbedingungen als (Mit-)Auslöser auseinandergesetzt hat, nennt hier meist aus seinem Erleben heraus: Abwertung der eigenen Arbeitsleistung, schlecht qualifizierte Vorgesetzte, fehlende Anerkennung und Wertschätzung, nicht den eigenen Fähigkeiten entsprechend tätig, Mobbing, hoher Stresspegel, bloßgestellt werden vor Kunden und Kollegen, rasch wechselnde Hochs und Tiefs. Dazu kommt die häufige Angst um den Arbeitsplatz, wegen der es schwerfällt, Behandlungstermine wahrzunehmen und sich unter Umständen krankschreiben zu lassen; oder sich generell neu zu orientieren, zu einer Arbeit hin, die möglichst nicht wieder krank macht. Nebenberufliche Tätigkeiten, in denen eigene Fähigkeiten eingebracht werden und ein kollegiales Verhältnis zu Kollegen besteht, wirken sich oft positiv auf die Gemütslage aus - die Betroffenen finden wieder Spaß an Arbeit.
Das Fazit einer Betroffenen
Das persönliche Fazit einer befragten Betroffenen gibt eine Handlungsempfehlung zur Berufswahl oder beruflichen Umorientierung, dem nichts hinzuzufügen ist: Nur das, was man am liebsten und mit größter Leidenschaft tun möchte, kann die nötige Kraft geben, die eine Arbeit bieten sollte – damit man sie lange und gesund ausüben kann. Es kann lebenswichtig sein, seinem Herzen und seinen Talenten zu folgen... denn eine Arbeit, die keine Kraft gibt und stattdessen Energie raubt, macht über kurz oder lang krank, weil sie den Menschen zu sehr auszehrt.
