Der Fastentag des 10. Tevet wird von orthodoxen Juden begangen, während die meisten konservativen und liberalen Juden ihn nicht beachten. Er erinnert an das erste Ereignis, welches zur Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels führt.
Was geschah am 10. Tevet?
Der 10. Tevet ist mit der Zerstörung des ersten Tempels verbunden und bezieht sich auf den Tag, an welchem die Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar begonnen hatte. Diese endete bekanntlich mit der Zerstörung des Tempels an einem 9. Av und der Verschleppung der Oberschicht nach Babylon. In der Bibel lassen sich die Ereignisse im zweiten Buch der Könige, Kapital 25 nachlesen.
Wie wird der 10. Tevet als Fastentag begangen?
Der jüdische Tag beginnt am Abend mit dem Einbruch der Dämmerung. Entsprechend beginnen die großen Fastentage am 9. Av und am Versöhnungstag ebenfalls am Abend. Für kleinere Fastentage gilt das Fastengebot hingegen nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, so dass bei frühzeitigem Aufstehen am 10. Tevet noch gefrühstückt werden kann. Da der Fastentag im Winter liegt, fällt das zum Essen rechtzeitige Aufstehen leicht. Eine weitere Einschränkung betrifft den Inhalt den Fastens, dieser bezieht sich am 10. Tevet ausschließlich auf das Essen und Trinken, während an anderen Fastentagen auch Sex und das Tragen von Lederschuhen verboten sind. Wenn der 10. Tevet auf einen Schabbat fällt, wird das Fasten verlegt, da mit Ausnahme des Versöhnungstages am Schabbat nicht gefastet werden darf. Kranke Menschen dürfen selbstverständlich nicht fasten, wenn der Verzicht auf Nahrung zu einer Verschlechterung ihrer Krankheit beiträgt. Im privaten Morgengebet sowie im jüdischen Morgengottesdienst werden die als Slichot bezeichneten Bußgebete eingeführt, des Weiteren existiert eine spezielle Torah-Lesung für Fastentage. Gottesdienste am 10. Tevet werden in Deutschland nur von den Synagogen angeboten, in welchen ohnehin ein tägliches gemeinsames Morgengebet stattfindet.
Der 10. Tevet als Gedenktag an die Schoah
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der 10. Tevet als der Todestag für die Opfer bestimmt, deren tatsächlicher Todestag nicht mehr festgestellt werden kann. Progressive Gemeinden gedenken den Opfern der Schoah überwiegend am 9. Av. Von Bedeutung ist der Todestag für das Sprechen des Kaddisch-Gebetes. Es ist kein Widerspruch, am 10. Tevet das Kaddisch in Gedenken an die Opfer zu sprechen und am 9. Av mit Gedenken an diese zu fasten, da auch am Todestag von Angehörigen, an welchem das Kaddisch gesprochen wird, keine Vorschrift zum Fasten besteht.
Warum halten progressive Juden den Fastentag des 10. Tevet nicht ein?
Die meisten liberalen Rabbinerinnen und Rabbiner überlassen die Entscheidung über das Fasten an kleinen Fastentagen ihren Gemeindemitgliedern, ohne ihnen eine Empfehlung zu geben. Der 10 Tevet ist direkt mit dem Tempel verbunden; progressive Gemeinden beten nicht für die Wiedererrichtung des Tempels. Sie sehen den heutigen Wortgottesdienst nicht als vorübergehenden Ersatz für die Zeit nach der Zerstörung des Tempels, sondern als vollwertige Nachfolgeeinrichtung an und fasten somit nicht an ausschließlich mit dem Tempel verbundenen Gedenktagen. Das Gedenken an die Schoah wäre zwar ein möglicher Anlass, sich am Fasten zu beteiligen, dieses Gedenken wird jedoch in liberalen Gemeinden bereits mit dem 9. Av verbunden. Am 9. Av fanden neben der Zerstörung beider Tempel zahlreiche weitere jüdische Katastrophen statt.
Quellen:
2. Könige, Kapitel 25
Text zu kleinen Fastentagen in Lau, Wie Juden leben, Gütersloh 2005
Der 10. Tevet auf Jewish Experience
