Der 9. November: Ein prägnantes Datum der deutschen Geschichte

1918, 1923, 1938, 1989: Vier mal steht der 9. November für einen Wendepunkt, eine Zäsur der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert - ein Schicksalstag.

In der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde der 9. November mehrfach zu einem Meilenstein, nach dem nichts mehr war wie zuvor.

Der 9. November 1918: Die Republik wird ausgerufen

Seit mehr als vier Jahren tobten die Kämpfe auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Eines Krieges, der als letzter mit den Methoden des 19. Jahrhunderts geführt wurde und als erster mit den modernen Waffen des 20. Jahrhunderts. Dies zeigte sich vor allem an der Frontlinie zwischen den West-Alliierten (Frankreich und Großbritannien, später auch USA) und dem Deutschen Kaiserreich. Der anfängliche Bewegungskrieg war rasch zum Stellungskrieg erstarrt. Die Gegner lagen sich in Schützengräben gegenüber und führten einen Abnutzungskrieg. Offensiven bestanden im wechselseitigen Versuch einen gegnerischen Schützengraben oder Hügel zu erobern - stürmende Soldaten gegen hämmernde Maschinengewehre. Jeder dieser Angriffe kostete massenhaft Menschenleben. Zum Synonym für diese Kriegsführung wurden die Schlachtfelder um die französische Ortschaft Verdun.

Millionen von Soldaten hatten ihr Leben gelassen oder waren zu Invaliden geworden. Die Zivilbevölkerung hungerte, fror und litt unter Krankheiten. Es herrschte allgemein Kriegsmüdigkeit. Dessen ungeachtet beharrte die Oberste Heeresleitung (OHL), das militärische Machtzentrum (unter der Führung von Hindenburg und Ludendorff), trotzig darauf, dass der Siegfrieden in Reichweite sei. Um so schockierender, als die OHL wie aus dem Nichts forderte, dass die Politik umgehend einen Waffenstillstand aushandeln müsse, die Front bröckele, die Lage sei aussichtslos.

Wohlgemerkt: Verhandlungen waren Sache der Politik. Die Militärs, die die Lage verschuldet hatte, hielten sich heraus. Das Reich war in Auflösung begriffen. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gegründet, es kam zu Massenerhebungen. Am 9. November proklamierte der amtierende Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers, Wilhelm II, und ernannte den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zu seinem Nachfolger als Reichskanzler. In der Folge rief der Sozialdemokrat Phillip Scheidemann die Republik aus, wenige Stunden später tat es ihm der Führer des Spartakus (später KPD), Karl Liebknecht, gleich, allerdings proklamierte er die Freie Sozialistische Republik.

Die ersten Jahre der (Weimarer) Republik waren geprägt durch Aufstände, Putschversuche und Bürgerkriegs ähnliche Zustände. Erst ab 1924 kehrte Ruhe ins politische Leben ein. Die Goldenen Zwanziger hatten begonnen. Sie dauerten allerdings nur von 1924 - 29. Durch ihre kalkulierte Vorgehensweise hatte die militärische Führung die Dolchstoßlegende (besser: Dolchstoßlüge) geschaffen: eine Verschwörungstheorie. Der Rechten gelang es, die Ereignisse in ihrem Sinn zu instrumentalisieren. Dem im Feld (angeblich) unbezwungenen Heer wurde durch die Sozialdemokratie und andere vaterlandslose Kräfte ein Dolch in den Rücken gestoßen. Diese Geschichtsfälschung der militärischen und nationalistischen Eliten des Kaiserreichs begünstigte den späteren Aufstieg der Nazis, die 1933 die Republik zerschlugen.

Der 9. November 1923: Putschversuch gegen die Republik

Ludendorff (Ex-OHL) und ein unbekannter Ex-Gefreiter namens Adolf Hitler proklamieren den so genannten Marsch auf Berlin. Es war der Versuch, mit völkisch und rechts-national gesinnten Kräften die Reichsregierung in Berlin durch Waffengewalt zu stürzen (Hitler-Ludendorff-Putsch) und eine nationale Diktatur zu errichten. In Anlehnung an die Dolchstoßlüge wurden die Mitglieder der demokratischen Regierung als November-Verbrecher verleumdet. Vorbild der rückwärts gewandten Kräfte war der Marsch auf Rom der italienischen Faschisten um Benito Mussolini 1923. Der Marsch der Möchtegern-Putschisten wurde nach etwa einer Stunde von bewaffneter Polizei auseinander getrieben. Es gab einige Tote und Verletzte. Hitler, als einer der Rädelsführer, wurde zu einem Jahr Festungshaft verurteilt. Während dieser Zeit verfasste er sein Machwerk Mein Kampf. Der 9. November 1923 wurde zu einem Mythos der entstehenden national-sozialistischen Bewegung.

Der 9. November 1938: Reichspogromnacht - Der Terror gegen die Juden beginnt

Und schon wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name Hitler, seit 1933 brutaler Diktator in Deutschland und vor allem der seines übelsten Hetzers, Reichs-Propagandaminister Josef Goebbels. Sie nahmen die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen jungen jüdischen Emigranten in Paris zum Anlass die Novemberpogrome zu inszenieren (von den Nazis mit dem euphemistischen Begriff Reichskristallnacht bezeichnet). In der NS-Propaganda sollten die Ausschreitungen, die überwiegend von SA- und SS-Angehörigen begangen wurden, als gerechter Volkszorn des deutschen Volkes gegen die Juden dargestellt werden. Jüdische Geschäfte, Einrichtungen und Synagogen werden verwüstet und in Brand gesteckt. Polizei und Feuerwehr taten nichts für deren Schutz, sicherten lediglich arisches Eigentum.

Hunderte von Juden werden innerhalb weniger Tage ermordet. Dieser Tag steht für den Übergang von sozialer Ausgrenzung zu offener Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland. Sie endete im industriellen Völkermord an den europäischen Juden in den Vernichtungslagern während des Zweiten Weltkriegs, dem etwa 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen (Nazi-Jargon: Endlösung der Judenfrage).

Der 9. November 1989: Die Mauer fällt

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, die jeweils einer der alliierten Siegermächte unterstanden. Die Hauptstadt Berlin wurde in vier Sektoren aufgeteilt. Die zunehmenden Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion mündeten in die Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) aus den drei westlichen Besatzungszonen. Wenig später entstand aus der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Damit begann, was die deutsche Teilung genannt werden sollte.

Aus der Teilung wurde die Spaltung, als die DDR 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer begann, um die enormen Flüchtlingsströme zu stoppen. An der Grenze zur BRD gab es schon länger massive Grenzbefestigungen, die von Flüchtigen nur schwer überwunden werden konnten. Berlin war bis zum Mauerbau aufgrund des Vier-Mächte-Status eine offene Stadt. Die Bevölkerung konnte ohne Kontrollen zwischen den westlichen Sektoren und dem östlichen wechseln. Ein offenes Ausgangstor, das die DDR durch Mauerbau und massive Grenzbefestigungen (Todesstreifen) schloss.

Wenn auch die Ostpolitik von Bundeskanzler Willi Brandt zu Erleichterungen im Reiseverkehr zwischen den beiden Staaten führte, die Grenzen blieben unüberwindlich. An eine Überwindung der deutschen Spaltung zu denken, schien auf Jahrzehnte als absolut undenkbar.

Nach Jahrzehnten der Stagnation und des Niedergangs in der Sowjetunion unter den Polit-Mumien Breschnew oder Tschernenko, trat 1985 ein junger Generalsekretär an, Michail Gorbatschow. Er erkannte, dass Staat und Wirtschaft zu Grunde gerichtet waren und nur mit neuem Denken und umfassenden Reformen der Bankrott abzuwenden war. Sein Credo: Glasnost und Perestroika begannen allmählich auch die anderen Staaten des Ost-Block aus der Erstarrung zu lösen.

In der DDR, finanziell und wirtschaftlich ebenfalls am Ende, äußerte sich die Unzufriedenheit in zunächst kleinen, dann immer größeren (Montags-) Demonstrationen. Das Volk hatte begonnen die Angst vor der Unterdrückung zu verlieren. Dem Regime gelang es nicht, mit Austausch der Führung und kleinen Reförmchen Ruhe zu schaffen.

Am 9. November 1989 verkündete der Regierungssprecher, Günter Schabowski, vor laufenden Kameras, das Polit-Büro habe Reisefreiheit beschlossen. Alle DDR-Bürgerinnen und -Bürger könnten ab sofort ausreisen und wieder einreisen. In der gleichen Nacht begann ein massenhafter Ansturm auf die Berliner Grenzübergänge. Die meisten kehrten in der gleichen Nacht zurück in die DDR. Die Mauer war offen, die Mauer war gefallen.

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Die Bezeichnung des neuen Staates lautet: Bundesrepublik Deutschland.

Wolfgang Reuter - Textkontor - Texte, die gelesen werden Wolfgang Reuter ist studierter Sozialwissenschaftler und Historiker. Nach 15 Jahren in der ...

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