Der Alltag eines Literaturübersetzers

Freiberufliches Übersetzen erfordert Sprachgefühl und Disziplin

Übersetzen bedeutet den Spagat zwischen Fremdsprache und Muttersprache. Sprachgefühl, gerade in der Zielsprache, ist daher ein unbedingtes Muss.

Literaturübersetzen ist einer der schönsten Jobs der Welt – sofern man einige Voraussetzungen erfüllt und die erste Durststrecke erfolgreich hinter sich gebracht hat. Daher sollte sich jeder, der mit dem Gedanken spielt, den Weg des Freiberuflers zu gehen, vorab zwei Dinge fragen: Bin ich bereit für die Einsamkeit? Und habe ich genügend finanzielle Rücklagen oder Einkommen, um mich während der Etablierungsphase über Wasser zu halten? Sind diese beiden Punkte erfüllt, bleibt noch ein dritter – hervorragende Sprachkenntnisse, sowohl in der Ausgangs- als auch in der Zielsprache.

Vorteile: Freiberufliches Übersetzen ermöglicht räumliche Unabhängigkeit und freie Zeiteinteilung

Ein von vielen Übersetzern besonders geschätzter Aspekt der freiberuflichen Tätigkeit ist die zeitliche und räumliche Ungebundenheit. Als freier Übersetzer kann man praktisch arbeiten, wo man will, vorausgesetzt dieses „Wo“ hat Strom und Internetzugang für zumindest einen Laptop. Niemand schreibt dem Freiberufler vor, wann er zu arbeiten hat – mit Ausnahme der eventuell dräuenden Deadline natürlich. Ist der Tag sonnig und warm, spricht prinzipiell nichts dagegen, ihn draußen zu genießen und sich erst abends an den Computer zu setzen. Zudem ist wohl kaum ein Berufsbild so abwechslungsreich und vielschichtig wie das des Literaturübersetzers, denn – anders als beispielsweise beim medizinischen oder technischen Fachübersetzern – ist in der Belletristik kein Text wie der andere. Mit jedem neuen Projekt erwarten den Übersetzer ein neues Thema, ein neuer persönlicher Autorenstil und dementsprechend neue übersetzungstechnische Herausforderungen.

Voraussetzung I: Sprachgefühl zeichnet den freiberuflichen Übersetzer aus

Das A und O des Literaturübersetzens ist die überdurchschnittlich gute Beherrschung der Sprache, und das gilt nicht nur für die Fremd-, sondern vor allem auch für die Muttersprache, in die zumeist übersetzt wird. Eine entsprechende Qualifikation ist daher unabdingbar. Diese kann an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen erworben werden. Den Fachbereich Literaturübersetzen als eigenständigen Studiengang gibt es derzeit nur an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die entsprechende Sprachpraxis sowie den Kontakt zur Kultur, in der die gewählte Fremdsprache angesiedelt ist, ermöglichen vor allem längere Auslandsaufenthalte – bei denen sich günstigerweise auch gleich Kontakte zu Muttersprachlern knüpfen lassen, die man später bei kniffligen Übersetzungsfragen braucht.

Voraussetzung II: Im Arbeitsalltag ist Disziplin gefragt

Als freiberuflich tätiger Übersetzer hat man keinen „Chef im Nacken“, der einen zur Arbeit antreibt. Die Versuchung, anliegende Projekte auf den folgenden Tag zu verschieben, ist dementsprechend groß. Aber Vorsicht: Das kann leicht darin münden, dass der Abgabetermin plötzlich kurz bevorsteht und das Projekt erst halb bearbeitet ist. Daher gilt: Realistisch einschätzen lernen, wie lange ein jeweiliges Projekt in Anspruch nimmt, und lieber anfangs etwas mehr Zeit investieren als zum Ende hin unter Druck geraten. Denn Übersetzen unter Zeitdruck sorgt nicht selten für vermeidbare Fehler oder gar einen „unflüssigen“ Text. Wichtig ist, sich selbst zur Disziplin zu rufen – arbeiten Sie, wann Sie wollen, aber arbeiten Sie.

Voraussetzung III: Keine Angst vor dem Alleinsein

Übersetzen ist ein einsamer Job, vielleicht einer der einsamsten der Welt. Einsamkeit ist notwendige Folge und Grundvoraussetzung zugleich, denn beim Übersetzen ist äußerste Konzentration gefragt. Den Faden nicht zu verlieren, den Textfluss ebenso im Auge zu behalten wie die Bedeutung neuer Vokabeln ist für ein qualitativ hochwertiges Endergebnis unerlässlich. Zudem ist der Arbeitsplatz meist der heimische Schreibtisch; Kollegen und gesellige Kaffeepausen sind weit weg, soziale Kontakte dadurch stark eingeschränkt. Daher gilt: Wer übersetzen will, sollte gern allein sein oder zumindest keine Probleme damit haben.

Probleme: Am Anfang der Übersetzerkarriere ist Durchhaltevermögen gefragt

Gerade für den Berufseinsteiger ist es schwer, an Aufträge zu gelangen. Ein wirksames Patentrezept gibt es hier nicht, nur Tipps, die allerdings nicht immer Früchte tragen. Eine Möglichkeit besteht darin, sich von Verlagslektorat zu Verlagslektorat zu telefonieren, sich vorzustellen und eine Probeübersetzung anzubieten. Eine andere besteht darin, eine Übersetzungsprobe unaufgefordert einzusenden. Wer bereit ist, ein wenig mehr Arbeit zu investieren, kann auf dem literarischen Markt „seiner“ präferierten Fremdsprache nach viel versprechenden Jungautoren Ausschau halten. Debütromane, die von deutschen Verlagen noch nicht entdeckt wurden, bieten gleich doppeltes Potential – wer es schafft, einen Verlag für das Erstlingswerk eines begabten, noch nicht etablierten Autors zu begeistern und zugleich mit seiner Übersetzung überzeugt, der hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und sich seinen ersten Auftrag quasi selbst geliefert. Die Chancen darauf sind allerdings gering – und manchmal geht der Schuss gar nach hinten los: Der Verlag gewinnt den Debütautor für sich und engagiert dann einen seiner Stammübersetzer für das Projekt.

Der Weg zum ersten Auftrag ist immer mühselig. Es kann Jahre dauern, bis es so weit ist. Wer zäh genug ist, nicht aufzugeben, kann sich in der Anfangsphase eventuell mit anderen freiberuflichen Tätigkeiten, beispielsweise als freier Lektor und/oder Journalist, über Wasser halten. Viele Übersetzer benötigen auch später noch ein zweites finanzielles Standbein, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Reich wird man durch Übersetzen nicht.

Übersetzungsprobleme im Online-Zeitalter meist unproblematisch

Wer es geschafft hat und endlich über seinem ersten Übersetzungsauftrag brütet, stößt früher oder später auf Begriffe, die ihn ins Stocken geraten lassen. Was beispielsweise hat man unter „armageddon boots“ zu verstehen, oder wie lautet die adäquate deutsche Übersetzung für „direction auxiliary indication“? Glücklicherweise bedarf es heute kaum noch einer ganzen „analogen“ Bibliothek, wie sie beispielsweise das Europäische Übersetzer-Kollegium e.V. im nordrheinwestfälischen Straelen zur Verfügung stellt. Denn im Online-Zeitalter kann der Austausch mit Experten und Gleichgesinnten oft auch im Internet erfolgen. Zahlreiche Foren bieten eine Plattform für den Dialog zwischen Übersetzern verschiedener Muttersprachen, so beispielsweise das Forum des Online-Wörterbuchs http://dict.leo.org oder auch www.translatorcafe.com, www.proz.com und www.gotranslators.com. Oder fragen Sie, je nach Themengebiet, auch einfach einmal den Handwerker, Automechaniker oder Arzt in Ihrer Region nach dem entsprechenden deutschen Begriff für einen Fachausdruck; nach einem ersten verdutzten Blick sind die „Experten vor Ort“ erfahrungsgemäß meist sehr hilfsbereit.

Wissenswertes und Informatives zum Berufsbild Literaturübersetzer, zu Honorarfragen und vielem mehr findet sich auch auf der Website des Verbands deutschsprachiger Übersetzer.

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Nina Hawranke - Nina Hawranke ist Übersetzerin, Journalistin und Zen-Übende. Sie ist gern an Orten, deren Dach allein der Himmel ist. Dort ...

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