Der Anfang der Geschichte – ersten Satz und Absatz schreiben

Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
An den Einstieg in eine Geschichte werden besondere Anforderungen gestellt, um ihn für die Leser besonders spannend und interessant zu gestalten.

Die amerikanische Autorin Ursula K. Le Guin schreibt „Erste Sätze sind Türen zu Welten.“. Der erste Satz einer Geschichte hat die Aufgabe, den Leser in die Geschichte hineinzulocken. Idealerweise soll er die Leser neugierig machen und ihnen schon einen Vorgeschmack auf das geben, was sie im Text erwarten wird.

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gibt, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen. (J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen)

Hier tritt der Erzähler dem Leser direkt entgegen, was ein sehr klassischer Einstieg ist, den man in der zeitgenössischen Literatur nur noch selten findet (ein Umstand, von dem Sie sich nicht abhalten lassen sollten, dieses Mittel einzusetzen). Noch auffallender als die Leseransprache ist die schnodderige Sprache des Erzählers. Indem er Dickens erwähnt, entsteht eine interessante Diskrepanz zwischen seiner Schnodderigkeit und Bildung. Der Leser fragt sich, „Was ist das für ein Typ?“, und liest weiter. Mit dem ersten Satz beim Leser interessierte Fragen entstehen zu lassen ist ein idealer Einstieg.

Mittel, um Leser zu interessieren

Zu den gängigsten Mitteln, um den Leser mit dem ersten Satz in die Geschichte hineinzuziehen, gehören neben der Leseransprache und dem Verdeutlichen des Charakters wie bei Salinger noch:

Das Vorführen einer Diskrepanz:

Mit fünfzehn Jahren Verspätung lernte ich als 8-Jährige Schwimmen.

Der Dialog:

"Wie geht es Ihnen", fragte er. "Seit mein lieber Mann gestorben ist, sehr gut", sagte sie.

Die allgemeine Aussage:

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlichen; jede unglückliche Familie ist jedoch auf ihre besondere Weise unglücklich. (Leo N. Tolstoi: Anna Karenina)

Die Vorstellung einer Figur und ihrer Situation:

Nach dem Nachmittagsdinner mit seinen acht Gängen und endlosen Gesprächen ging die Gattin des Gefeierten, Olga Michajlovna, hinaus in den Garten. (Anton Tschechow: Der Namenstag)

Die Vorausdeutung des Kommenden:

Dass es an diesem Abend zum Essen Muscheln geben sollte, war weder ein Zeichen noch ein Zufall, ein wenig ungewöhnlich war es, aber es ist natürlich kein Zeichen gewesen, wie wir hinterher manchmal gesagt haben, es ist ein ungutes Omen gewesen, haben wir hinterher manchmal gesagt, aber das ist es sicherlich nicht gewesen und auch kein Zufall. (Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen)

Die Beglaubigung:

Am 16. August 1968 fiel mir ein Buch eines gewissen Abbé Vallet in die Hände: Le manuscript de Dom Adson de Melk, traduit en francais dàprés l'édition de Dom J. Mabillon (Au Presses de l'abbaye de la source, Paris 1842). (Umberto Eco: Der Name der Rose)

Das Rätsel oder die geheimnisvolle Situation:

Hier am Rande der Stadt, auf der Kante ihres Sprungbretts in meine ferne heimatliche Welt, erwarte ich = Spaik keinen Nachfolger. (Georg Klein: Libidissi)

Der erste Absatz

Was für den ersten Satz gilt, trifft auch in erweitertem Maße für den ersten Absatz zu. Auch er hat die Aufgabe, den Leser in die fiktionale Welt einzuführen. Bereits in diesem Abschnitt soll die Geschichte beginnen, dem Leser ein Konflikt, eine ungewöhnliche Situation, eine Verwicklung, ein unglücklicher Umstand oder Ähnliches begegnen.

Der erste Absatz sollte den Protagonisten, also die Hauptfigur, vorstellen und Sympathie oder Interesse für ihn oder sie wecken. Diese Vorstellung braucht nicht umfassend zu sein. Ein Detail, das typisch für die Figur ist, oder eine kurze, charakteristische Handlung, das reicht schon, um ein erstes Bild im Leserkopf entstehen zu lassen.

Der Anfang soll den Typus der Geschichte erahnen lassen, das heißt, die Leser sollen sich orientieren können, ob sie eine lustige Geschichte, ein Psychothriller oder eine Horrorgeschichte erwartet. Diese Erwartung darf im Verlaufe der Geschichte nicht enttäuscht werden.

Der individuelle Erzählton sollte deutlich werden, ist er etwa schnodderig wie bei Salinger, übt er einen eigenen Reiz aus.

In medias res

So direkt wie möglich sollte der erste Absatz in die Geschichte einführen, man nennt das auch in medias res gehen. Nur die wichtigsten Informationen, um die Lage zu verstehen, gehören in den ersten Absatz. Alles weitere kann man nach und nach einfließen lassen. Einen Leser mit Informationen, deren Wert er noch gar nicht nachvollziehen kann, zu überschütten, heißt, ihn zu verscheuchen.

Plastische Figuren und charakteristische Details

Der Leser soll neugierig gemacht werden, entweder durch die Konfliktsituation oder durch einen interessanten Protagonisten bzw. eine interessante Beziehungskonstellation. Um auf wenig Raum neugierig zu machen, braucht es zweierlei: Erstens die Figuren müssen plastisch wirken, damit man mit ihnen mitfühlen kann, das erreicht man durch charakteristische Details, zweitens durch Andeutungen, die etwas erahnen lassen.

Diese Einführung in die Geschichte sollte möglichst kurz gehalten werden. Nichts ist langweiliger als eine Geschichte, die sich windet, ohne zur Sache zu kommen.

Es gibt eine große Menge verschiedener Möglichkeiten, einen Einstieg in die Geschichte zu gestalten. Für welchen man sich entscheidet, hängt immer davon ab, welche Geschichte man erzählen möchte, wovon sie handelt. Ton und Fokus müssen sofort in die richtige Richtung gelenkt werden. Liegt der Schwerpunkt auf der Psyche der Hauptfigur oder vielleicht auf der Ungeheuerlichkeit einer bestimmten Situation? Dann sollte dieses Element in der Einleitung angesprochen werden.

Selbstverständlich sind die hier vorgestellten Methoden keine Gesetze, die auf jeden Fall befolgt werden müssen, sondern nur Richtlinien, deren man sich bewusst sein sollte, um sie im Zweifelsfall, gekonnt brechen zu können.

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Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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