Zugegeben, es fällt bestimmt nicht leicht, ihn zu mögen. Anthony Soprano – „Tony“ – ist alles andere als ein netter Kerl. Und damit als Leitfigur für eine ganze Serie zunächst eher ungeeignet. Er sieht nicht wirklich gut aus, ist fett und bräsig. Er ist gewalttätig, untreu, hat sich oft nicht unter Kontrolle. Kein Typ, den man seiner Schwiegermutter vorstellen möchte. Und obwohl das unbestreitbar so ist, mögen ihn die Zuschauer. Vielleicht nicht am Anfang. Vielleicht auch noch nicht nach drei oder vier Folgen. Aber ohne es wirklich zu merken, gewinnt der mürrische, aufgequollene „Fettsack“ allmählich das Zutrauen des Betrachters.
Das Charakter-Rezept
Warum das so ist, lässt sich erstaunlich leicht erklären. Denn die gesamte Serie ist trotz ihres eher gewalttätigen Schauplatzes in der Mafia-Szene mit unzähligen ruhigen Momentaufnahmen gespickt, die im Unterbewusstsein ihre Wirkung entfalten. Einige davon mögen belanglos erscheinen. Völlig irrelevant für die Geschichte, doch sie machen Folge um Folge aus einem unnahbaren Mafiosi einen echten, greifbaren Menschen. Der nämlich hat im Grunde genau die gleichen Probleme wie jeder andere. Wenn sein noch jugendlicher Sohn den Wagen der Mutter „ausleiht“ und zu Schrott fährt oder wenn seine Tochter einen Typen nach Hause bringt, der nicht so ganz dem Geschmack der Eltern entspricht. Oder wenn er versucht, auch nur halbwegs angemessen mit seiner dementen Mutter klarzukommen.
Ganz nebenbei hat das Soprano-Oberhaupt natürlich auch noch „das Business“ an den Hacken. Und die Schar seiner Getreuen ist wahrlich nicht leicht im Zaum und bei der Stange zu halten. Beide Leben zusammen bringen ihn oft an den Rand des Wahnsinns, treiben ihn manchmal in die Resignation und manchmal fast zur Vernunft.
Tony und die Psychiaterin – die Schlüsselbeziehung
Es ist keine Liebe, die Anthony Soprano und die Psychiaterin Dr. Jennifer Melfy verbindet. Auch keine Freundschaft oder Hassliebe oder eine ähnlich klischeehaft geartete Beziehung. Und vielleicht ist genau deshalb dies die Schlüsselbeziehung der ganzen Serie. Die Gespräche der Beiden sind der rote Faden, der die ganze Geschichte zusammenhält. Die Beziehung ist geprägt von absoluter Ehrlichkeit und Respekt, aber auch von tiefen Emotionen.
Zeiten der „Trennung“ wirken sich auf beide negativ aus – wie Magneten sind sie seit ihrer ersten gemeinsamen Sitzung aneinander gekettet. Die Beziehung der beiden bleibt bis zum Schluss platonisch und ist dennoch das intensivste und gefühlvollste, was die Serie zu bieten hat. Ein weiterer Pluspunkt für den Antihelden.
Und trotz allem erfolgreich...
Auf dem Papier gesehen hätten viele Experten den Sopranos wohl wenig Erfolgsaussichten eingeräumt. Als sie 1999 erstmals auf dem Bildschirm erschienen, waren die Rezepte für populäre Drama-Serien noch weitgehend nach dem einfachen Schema „Guter Charakter – Böser Gegenspieler“ konzipiert. Auch wenn man dem amerikanischen Sender HBO damals wie heute durchaus Mut und Gespür für ungewöhnliche Konzepte bescheinigen kann. Serien wie „Six Feet Under“ oder der neueste Quotenhit „True Blood“ stammen übrigens ebenfalls aus diesem Hause.
Allen Unkenrufen zum Trotz: „The Sopranos“ wurde zu einer echten Erfolgsgeschichte. Die Serie brachte es auf sechs Staffeln, in denen die Macher dank sehr guter Einschaltquoten die Story um den Soprano-Clan in Ruhe zu Ende erzählen konnten. Fünf Golden Globes und dutzende weitere Preise wurden eingeheimst. Und aus Anthony Soprano wurde einer der populärsten Antihelden des modernen Fernsehens, der anderen seiner Art den Weg ebnete.
Infos zur Serie
- Ausstrahlung 1999 bis 2007
- Deutschlandstart 2000
- Sechs Staffeln
- Sender: HBO
- Offizielle Website
Anthony Soprano: „If you can quote the rules, than you can obey them.“ (Wenn du die Regeln zitieren kannst, kannst du sie auch befolgen)
