Der Aufbruch in eine neue Zeit – Malerei des 19. Jahrhunderts

  Grand Palais: Ort des Salon des Indépendants - Wikimedia/not named
Grand Palais: Ort des Salon des Indépendants - Wikimedia/not named
Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Gegenbewegung zur klassischen Salonmalerei. Eine künstlerische Revolution, die hohe Wellen schlug.

Heute ist ein impressionistisches Gemälde nichts mehr, was Aufsehen erweckt, die Gemüter erregt oder gar zu düsteren Prognosen vom Untergang der abendländischen Kunst verleitet. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war das anders.

Die akademische Malerei des 19. Jahrhunderts

Die Weltausstellung in Paris 1855 spiegelte die Situation der Malerei dieser Zeit. Eine Abteilung war der Präsentation internationaler Kunst gewidmet: 28 Nationen stellten dort ihre Werke aus. Hier präsentierten unter anderem die Präraffaeliten erstmals ihre Werke einem internationalen Publikum. Die größte Abteilung war die der französischen Kunst.

Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) war einer der großen Stars dieser Weltausstellung. Der einstige Schüler des gefeierten Klassizismus-Genies Jacques-Louis David war mit über vierzig (!) Bildern vertreten. Seine Werke im klassizistischen Stil entsprachen exakt den akademischen Richtlinien und Ingres wurde als Bewahrer der künstlerischen Tradition gefeiert. Er – und alle anderen, die Salonkunst produzierten – wurden mit Lob überhäuft und mit Preisen ausgezeichnet.

Paris, Zentrum der Kunst des 19. Jahrhunderts

Paris hatte sich im 19. Jahrhundert zum Zentrum europäischer Kunst entwickelt. Der Salon de Paris war ein entscheidender Dreh- und Angelpunkt. Im Salon auszustellen war für die Maler nicht nur eine Ehre und eine Chance auf öffentliche Aufmerksamkeit, sondern bot auch eine Möglichkeit ihre Werke zu verkaufen. Folglich waren die Ausstellungsplätze umkämpft und begehrt.

Es herrschte eine klare Hierarchie der Bildthemen in der Malerei: Historienmalerei, Allegorien und religiöse Themen galten als abbildungswürdig und erhaben. Porträts erfreuten sich auch noch großen Zuspruchs. Stillleben, Genreszenen und Landschaften hingegen waren schon weniger gefragt. Wenn allerdings die Ausführung im akademischen Sinn gediegen war, die dargestellten Personen feierliche Posen einnahmen, eine gewisse Theatralik spürbar war, dann fanden sich auch dafür Käufer.

Welche Werke im Pariser Salon zur Präsentation kamen, darüber entschied eine Jury, die bis 1863 aus Mitgliedern der Académie des Beaux-Arts bestand und entsprechend der Themenhierarchie konservativ auswählte.

Aufstand der jungen Künstler – Salon des Réfuses

Neben Malern, die wie Ingres dem traditionellen Stil folgten, gab es jedoch immer mehr Künstler, die die akademische Vollkommenheit als blutleer und überholt empfanden, die nach Neuem strebten und experimentierten. Die Maler von Barbizon schlossen sich um 1830 zusammen, um sich der Landschaftsmalerei zu widmen. Ihre Motive: unspektakulär und unfeierlich. Ein erster Schritt hin zur impressionistischen Malerei, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts für Furore sorgte.

Diese neue Malergeneration kämpfte um Anerkennung. Immer wieder reichten sie ihre Werke für den Salon ein, immer wieder wurden sie abgelehnt. Je weiter sie sich von den akademischen Traditionen entfernten, desto unwahrscheinlicher war es, dass ihre Bilder angenommen wurden.

1863 initiierte der französische Kaiser Napoléon III. den Salon des Réfusés (Salon der Zurückgewiesenen), wo die Werke gezeigt wurden, die vom offiziellen Pariser Salon abgelehnt worden waren.

Die anti-akademische Malerei des 19. Jahrhunderts

Betrachtet man die Themenpalette der Realisten und der Impressionisten, die sich im 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zur akademischen Tradition etablierten, so ahnt man, wie schockierend diese Malerei auf die Zeitgenossen gewirkt haben muss: Scheinbar banale Motive wie Sonnenuntergänge, Heuhaufen, Bootspartien, Sonntagsvergnügen und mehr standen im krassen Gegensatz zu dem, was man als abbildungswürdig empfand.

Hinzu kam die nach traditionellem Kunstverständnis völlig unorthodoxe Form des Malens: Nicht nur, dass die Bilder nicht mehr in aller Sorgfalt im Atelier entstanden, sie ließen auch all das vermissen, was man als schön empfand: fotografische Genauigkeit, Umrisse, feine Farbübergänge und glatt gefirnisste Oberflächen.

Immer wieder riefen diese Bilder Skandale hervor, wie z.B. Edouard Manets Frühstück im Grünen oder seine Nana, die zwar den Alltag des Pariser Nachtlebens widerspiegelt, aber großformatig gewaltigen Anstoß erregte, ebenso wie James Abbott McNeill Whistlers Mädchen in Weiß, das aufgrund der unkonventionellen Malweise Spott und Ablehnung erntete.

Unabhängige Künstlervereinigung Salon des Indépendants

Am 29. Juli 1884 wurde die Société des Artistes Indépendants gegründet (auch als Salon des Indépendants bekannt). Die Mitglieder dieser unabhängigen Künstlervereinigung machten es sich zum obersten Grundsatz, dass Jurys und Auszeichnungen abzulehnen seien, allein das Publikum sollte entscheiden, ob ein Werk gefällt oder nicht.

Auch wenn ein Großteil der Pariser Galeristen noch recht konservativ in der Auswahl ihrer Werke blieb, so gab es doch einige, die sich mutig vorwagten und sich für die Malerei jenseits der akademischen Tradition einsetzten: Louis Martinet, der eine Galerie auf dem Boulevard des Italiens betrieb, zum Beispiel, oder Paul Durand-Ruel sowie Ambroise Vollard.

Die Malerei der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist geprägt von einer zunehmenden stilistischen Bandbreite sowie von Künstlerpersönlichkeiten, die in keine kunsthistorische Schublade passen. Diese Tendenz der Diversifikation setzt sich in der Malerei des 20. Jahrhunderts weiter fort.

Quelle: Ingo E. Walther (Hrsg.): Malerei der Welt. Eine Kunstgeschichte in 900 Bildanalysen, Köln 2003.

Ursula Kohaupt - Hineingeboren in die Generation Golf, aufgewachsen in Bayreuth und Kunstgeschichte studiert in Bamberg, Marburg & London. Danach sechs ...

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