Der Ausbruch der "Troubles" in Nordirland 1968

Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten

Im Jahr 1968 brachen in der britischen Provinz Nordirland Unruhen aus, die sich zu einem der blutigsten Konflikte der europäischen Nachkriegsgeschichte auswuchsen.

2008 jährt sich zum vierzigsten Mal der Ausbruch von Unruhen in der britischen Provinz Nordirland. Seit 1968 sorgt dieser kleine Teil des britischen Königreiches für Schlagzeilen. Nordirland ist nach wie vor eine geteilte Gesellschaft, in der sich zwei Bevölkerungsgruppen, Protestanten und Katholiken, in einem aus heutiger Sicht völlig anachronistischen Konflikt misstrauisch gegenüber stehen. Auch wenn die „offizielle“ Irisch-Republikanische Armee ihre Waffen offiziell niedergelegt hat, bleibt abzuwarten, ob sich die Hoffnung der überwältigenden Mehrheit der nordirischen Bevölkerung auf eine dauerhafte Lösung des Konflikts erfüllt. Doch warum und wie brachen die Unruhen 1968 aus?

Nordirland 1968 – eine geteilte Gesellschaft

1968 lebten in Nordirland knapp 1,5 Millionen Menschen, davon etwas unter 900.000 Protestanten und 600.000 Katholiken. Die nordirischen Protestanten sind überwiegend Nachkommen der seit dem 17. Jahrhundert in der historischen Provinz Ulster ansässigen Siedler, die zur Stärkung des protestantisch-britischen Elements in der bis dahin aufsässigsten Region Irlands angesiedelt worden waren. Wegen dieser protestantischen Bevölkerungsmehrheit war die Provinz im Jahr 1922 in einen unabhängigen, mehrheitlich katholischen irischen Freistaat und einen teilautonomen Staat mit protestantischer Mehrheit, der bei Großbritannien blieb, aufgeteilt worden.

Zwischen 1922 und 1968 fiel Nordirland in einen Dornröschenschlaf, aus dem es ein böses Erwachen gab. Denn in der Provinz herrschte Ungerechtigkeit: Die protestantische Mehrheit besetzte alle Schlüsselstellungen in Regierung, Wirtschaft und Verwaltung – die Katholiken wurden systematisch von allen wichtigen Positionen ausgeschlossen und sogar bei der Ausübung ihres Wahlrechts massiv benachteiligt. Katholiken und Protestanten lebten in getrennten Wohngegenden und besuchten konfessionell getrennte Schulen. Wirtschaftlich war Nordirland das Armenhaus des vereinigten Königreiches, und auch hier waren die Katholiken besonders betroffen. Im Jahr 1967 wurde dann die „Northern Ireland Civil Rights Association“ (NICRA) gegründet, in der sich Teile der benachteiligten Minderheit, aber auch liberale Protestanten organisierten, um für gleiche Rechte für die Katholiken zu demonstrieren – friedlich. Noch.

Der Ausbruch der Unruhen

Am Vorbild der schwarzen Bürgerrechtsbewegung orientiert, unternahm die NICRA ab 1968 Märsche in ganz Nordirland, auf denen sie ihre Forderungen deutlich machten. Märsche waren in Nordirland schon immer ein wichtiger Ausdruck politischer Identität gewesen – allerdings hauptsächlich für die Protestanten, die sich jetzt in äußerstem Maß provoziert fühlten. Am 5. Oktober 1968 kam es schließlich in Derry (für die Protestanten: Londonderry) zum ersten Mal zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Bürgerrechtlern und der ausschließlich protestantischen Polizei, die einen illegalen Aufmarsch brutal zusammenknüppelte. Dies war der Funke, der der zur Explosion führte – es folgten mehrtägige Straßenschlachten zwischen der Polizei und Katholiken mit über 100 Verletzten, denen bis zum Sommer 1969 unzählige weitere folgten. Der jahrelang aufgestaute Hass der beiden Bevölkerungsgruppen entlud sich jetzt voll. Der gewalttätige Mob auf beiden Seiten gewann jetzt die Oberhand, und es gab es die ersten Todesopfer.

Die Entsendung der britischen Truppen und die Wiederauferstehung der IRA

Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände entschloss sich die britische Regierung, Militär in die Unruheprovinz zu entsenden, um die Auseinandersetzungen zu beenden. Tatsächlich waren die Truppen zu Beginn – im Gegensatz zur nordirischen Polizei - unparteiisch und wurden von den Katholiken sogar begrüßt. Außerdem wurden jetzt endlich Reformen durchgeführt, nach denen Katholiken – zumindest offiziell – nicht mehr benachteiligt werden durften.

Aber es war zu spät. Mit dem Ausbruch der Unruhen war auch eine alte Untergrundarmee wieder auferstanden, die den Kampf gegen die britische Armee und für ein vereinigtes Irland zu ihren wichtigsten Zielen erklärte: die IRA. Im Laufe der Unruhen hatte sie, die vorher in Bedeutungslosigkeit versunken war, es geschickt verstanden, sich als – bewaffneter – Vertreter der unterdrückten Katholiken aufzustellen. Für sie stand fest, dass der Hauptgegner nicht die Protestanten, sondern die britische Armee war. Und die britischen Soldaten waren es, die von ihr ins Visier genommen wurden - 1971 ermordete sie die ersten britischen Soldaten. In den kommenden 25 Jahren entwickelte sie sich zu einer schlagkräftigen und gnadenlosen Terrororganisation. Nordirland versank in einem Strudel von Gewalt und Gegengewalt mit beinahe 4.000 Opfern. Erst in jüngster Zeit gibt es wieder Anlass zur Hoffnung: Am 28. Juli 2005 erklärte die IRA den bewaffneten Kampf für beendet. Nur zwei abgespaltene radikale Splittergruppen ("Real IRA" und "Continuity IRA"), halten bis heute am bewaffneten Kampf fest.

Jan Karitzky, Jan Karitzky

Jan Karitzky - Guten Tag, ich bin Texter und Historiker. Ich schreibe Werbetexte, Unternehmensdarstellungen, Unternehmensgeschichten, Beiträge ...

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