Am 4. März 1933 beendete eine Parlamentskrise, in deren Verlauf alle drei Parlamentspräsidenten zurücktraten, praktisch die Demokratie in der Republik I. in Österreich. Die Debatte über den Eisenbahnerstreik und deren Anführer war der Auslöser. Durch diese Demission der drei Präsidenten kann die Sitzung nicht ordnungsgemäß abgeschlossen werden. Das Nationalratsplenum ist handlungsunfähig.
Tags darauf beschließen der christlich- soziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und Karl Buresch informell in Zukunft autoritär zu regieren. Bundespräsident Wilhelm Miklas stimmt zu. Die Sozialisten beschließen daraufhin die Abhaltung eines Generalstreiks. Die Christlich Sozialen antworten mit einem Verbot der "roten" Arbeiterzeitung und des "kleinen Blattes", sowie die sofortige Auflösung des "republikanischen Schutzbundes", einer "Kampforganisation" der "Roten". Illegal bleibt der Republikanische Schutzbund bestehen. Der Wiener Bürgermeister Karl Seitz verbietet daraufhin die Heimwehren in Wien, deren Führer, Rüdiger von Starhemberg, ein Freund von Dollfuß ist. Die Bundesregierung vereitelt das jedoch. Am 26. Mai wird der kommunistischen Partei Österreichs jegliche Tätigkeit untersagt. Tags darauf verhängt die deutsche Reichsregierung die "Tausend Mark Sperre. Die Terrorakte der illegalen Nationalsozialisten in Österreich beginnen. Durch diese Sperre wird der österreichische Fremdenverkehr schwer geschädigt. Am 11. September hält Bundeskanzler Dollfuß anlässlich einer Kundgebung der Vaterländischen Front seine legendäre "Trabrennplatzrede", in der er die Errichtung eines autoritären Ständestaates ankündigt. Im Dezember 1933 werden 316.000 Arbeitslose gezählt. Jene, die längst "ausgesteuert" sind, das heißt, keine Unterstützung mehr bekommen, werden nicht mitgezählt. Die Arbeitslosigkeit in Österreich beträgt damals mehr als eine halbe Million Menschen, bei einer Einwohnerzahl von rund 7 Millionen.
1934: Bürgerkrieg in Österreich
Gleich mit Jahresbeginn des verhängisvollen 34er Jahres beginnen wieder nationalsozialistische Anschläge in ganz Österreich. Major Emil Fey, ein Dollfuß-Mann, wird mit der Leitung des gesamten Sicherheitswesens im Land betraut. Mussolini, ein Freund Dollfuß`, betont immer wieder die Unabhängigkeit Österreichs.
Im Inneren gärt es nicht nur, sondern es brodelt. . Am 8. Februar 1933 wird eine Waffensuche in allen sozialistischen Parteiheimen von der Regierung angeordnet. Daraufhin richtet Richard Bernaschek, Kommandant des Schutzbundes in Oberösterreich einen Brief an den sozialistischen Parteivorstand, in dem er für den Fall einer Waffensuche in Oberösterreich massiven Widerstand des Schutzbundes ankündigt.
Der Bürgerkrieg beginnt praktisch im Linzer "Hotel Schiff", einem sozialistischen Parteiheim. Die Heimwehr sucht, wie angekündigt, nach Waffen, die Schutzbündler wehren sich, ebenfalls wie angekündigt. Die Schutzbündler beginnen zu schießen. Die Unruhen bereiten sich blitzartig in Oberösterreich aus. Zentren sind Enns, Steyr, das Hausruckviertel, Stadl -Paura und Ebensee.
In Wien wird an diesem Vormittag bereits der Generalstreik ausgerufen, wodurch der öffentliche Verkehr vollkommen zusammenbricht. Die Wiener Garnison wird alarmiert. In den Wiener Aussenbezirken wird gekämpft. Vor allem in den Gemeindebauten Reumannhof, Karl Marx Hof, Schlingerhof und Goethehof kommt es zu folgenschweren Auseinandersetzungen zwischen Heimwehr und Schutzbund. Bald setzt die Regierung auch Artillerie und das damalige Bundesheer ein. Zu schwersten Kämpfen mit vielen Toten und Schwerverletzten kam es auch in Niederösterreich und in der Steiermark.
Die Bundesregierung beschließt die sofortige Auflösung der Sozialdemokratischen Partei, zahlreiche Funktionäre werden verhaftet, gleichgültig, ob sie an Kampfhandlungen beteiligt waren oder nicht. Viele fliehen ins benachbarte Ausland. Die Kämpfe hören am 15. März auf, nachdem Dollfuß in einer Rundfunkansprache Generalpardon zusichert, falls die "Aufständischen" bis Mittag die Waffen niederlegen.
Doch in Standgerichtsverfahren, die die Bundesregierung unter Billigung Dollfuß einrichten lässt, werden zahlreiche Sozialdemokraten verurteilt, acht Todesurteile werden gleich vollstreckt. Der Mäßigungsappell von Kardinal Theodor Innitzer wird von Dollfuß offenbar nicht gehört.
Die Opferbilanz: Allein in Wien hat der Schutzbund an die tausend Tote zu beklagen. Die Exekutive verweist auf 134 Tote.
Den Schlußpunkt dieser verheerenden Februartage setzt dann die Annullierung der sozialdemokratischen Mandate durch die Bundesregierung und die Einziehung des Vermögens der Sozialdemokratischen Partei. Bis zum 20. Februar gilt in Österreich noch das Standrecht.
Keine Aufarbeitung
Diese Februartage des verhängnisvollen 34er Jahres sind - so seriöse Historiker - noch immer nicht genügend aufgearbeitet. Die Sozialisten sehen Dollfuß nach wie vor als "Arbeitermörder" und österreichischen Faschisten, dessen Bild in der ÖVP-Parteizentrale hängt und der von den Nachfolgern der Christlich-Sozialen, den ÖVP-Kräften, nach wie vor hoch geschätzt und verehrt wird.
Das ÖVP-Lager wiederum ist sich keiner Schuld bewusst und sieht in Dollfuß und seiner autoritären faschistischen Regierung die damals einzige Möglichkeit, zur Eindämmung der Naziherrschaft in Österreich.
Dass Dollfuss am 25. Juli 1934 Opfer von illegalen Nazis wird, die ihn im Bundeskanzleramt ermorden, ist mehr als eine Fussnote der österreichischen Geschichte. Der schon damals geplante Naziputsch scheitert. Dollfuß verblutet auf dem Sofa seines Büros am Ballhausplatz. Der nächste Bundeskanzler wird Kurt Schuschnigg. Die Führer des Nazi- Putschversuches Franz Holzweber und Otto Planetta werden am 31. Juli 1934 nach einer Militärgerichtsverhandlung hingerichtet.
