Der Baader-Meinhof-Komplex – 3 Bücher und ein Film

Baader-Meinhof-Komplex mal 3 - Foto: Thomas Dapper
Baader-Meinhof-Komplex mal 3 - Foto: Thomas Dapper
Stefan Aust gilt als wichtigster Chronist der Roten Armee Fraktion. Seine Bücher sind eine gute Einführung ins Thema. Woher stammen seine Informationen?

Als im Jahr 1985 die erste Auflage des „Baader-Meinhof-Komplexes“ erscheint, ist die Publikation „Der Baader-Meinhof-Report“ bereits 13 Jahre lang auf dem Markt. Zeit genug, in den schriftlich niedergelegten Ermittlungsergebnissen des Bundeskriminalamtes, der „Sonderkommission Bonn“ und des Bundesamts für Verfassungsschutz gründlich nachzulesen. Doch der Reihe nach:

Dreimal Baader-Meinhof-Komplex – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

In allen drei Auflagen vermeidet Stefan Aust sämtliche Quellenangaben. Damit ist zumindest die Abwesenheit jeder Wissenschaftlichkeit nachgewiesen. Und noch mehr: Damit erzeugt Stefan Aust Rätsel. Wer hat ihm gegenüber Aussagen gemacht und von welcher staatlichen Stelle konnte er – möglicherweise - entgegen aller Regeln Informationen erhalten? Seine erste Auflage fußt im Wesentlichen auf betreffendem Baader-Meinhof-Report und auf den öffentlich zugänglichen Urteilen in den bis 1985 gegen Mitglieder der RAF gefällten Urteile. Und weil Spiegel-Leser einfach mehr wissen, darf unterstellt werden, auch Stefan Aust hat den Spiegel für seine Recherchen genutzt.

1997 – elf Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage – konnte er die zweite Ausgabe vorlegen. Zu Recht weist der Verlag Hoffmann und Campe darauf hin, dass es sich um eine erweiterte Version handelt. Erweitern konnte Aust die zweite Ausgabe mit Erkenntnissen aus den Vernehmungen und den Urteilen gegen die zehn in der DDR zunächst untergetauchten und 1990 dort kurz vor der Wiedervereinigung festgenommenen RAF-Aussteiger aus den Jahren 1980 bis 1982. Zudem stand ihm mit Peter-Jürgen Boock ein ehemaliges Mitglied der Raf als Informationsquelle zur Verfügung. Ein Glücksfall mitnichten, denn Boock genießt unisono von Bundesanwaltschaft, über BKA, Teilen der Presse bis hin zu sämtlichen ehemaligen RAF-Mitgliedern den gleichen Ruf - und hier sei mit Stefan Wisniewski ein anderes ehemaliges RAF-Mitglied zitiert – des ‚Tanzbären durch die Talkshows’, der nicht besonders glaubwürdig sei. Nun, die Aussage Boocks, er habe niemals auf einen Menschen geschossen, ist durch Aussagen anderer Ehemaliger widerlegt. In Sprendlingen starb durch ihn ein Polizist am 8. Mai 1976. Auch bei der Schleyer-Entführung hatte Boock mit geschossen. Insofern ist die Glaubwürdigkeit des lange Zeit einzigen Zeugen Austs angekratzt. Dennoch: Auch für die zweite Ausgabe gilt, wer immer anfängt, sich für das Thema zu interessieren, der erhält mit diesem Buch eine brauchbare Einführung. Die dritte Ausgabe ist im Vergleich zu den vorherigen eine Enttäuschung. Sie ist ein eigenständiges Werk, dem viele Inhalte fehlen. Es ist im Grunde das Buch zum Film.

Der Film und das Buch

Stefan Aust und Bernd Eichinger hatten als Filmemacher das Problem, zu entscheiden, was sie im Film erzählen wollen und können und was sie weg lassen müssen. Bei einer Geschichte, die spätestens 1967 beginnt und 1998 mit der Selbstauflösung der RAF aufhört und in diversen Prozessen bis heute andauert, wird es kompliziert. Zudem ist unter Experten die Rede von Shakespeareschen Dramen, die sich innerhalb der RAF und in ihrem Umfeld ereignet haben sollen. Damit stünden theoretisch ganze Enzyklopädien an Geschichten zur Verfügung, die man nur noch in einem Drehbuch zu verarbeiten bräuchte. Mindestens 40 Folgen einer Fernsehreihe wären nötig, um „alles“ zu erzählen. Doch Aust und Eichinger wollten Kino. So beschränkten sie sich auf den auch im Buch der Dritten Version angegebenen Zeitraum von 1967 bis 1977. Zehn von dreißig Jahren sind genug, wenn man einen groben Einblick in diesen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte vermitteln möchte. Problem am Film ist, dass er als Film schon nicht wirklich funktioniert. Die Motivationen der Akteure werden angedeutet oder im Falle der Ulrike Meinhof auf den ehelichen Frust reduziert. Neben den Bildern von Schah-Demonstration und dem Tod von Benno Ohnesorg, wird nur wenig deutlich, was die Gründe für das Entstehen der Roten Armee Fraktion angeht. Ein weiteres Problem ist: Die Figuren der so genannten Zweiten Generation sind kaum erkennbar. Nun, sie leben noch und würden sich aus einer Reihe von Gründen gegen die Darstellung durch Stefan Aust und Bernd Eichinger gewehrt haben. Im Buch konnte Aust allerdings deutlich mehr erzählen als im Film und doch ist die dritte Ausgabe ein Buch zum Film.

Quellen:

  • Der Baader Meinhof Report - Aus Akten des Bundeskriminalamts, der "Sonderkommission Bonn" und des Bundesamts für Verfassungsschutz, 1972 v.Hase & Koehler Verlag Mainz, ISBN 3-7758-0840-X
  • Der Baader Meinhof Komplex, Stefan Aust, 1986, Hoffmann und Campe, ISBN 3-455-08253-X
  • Der Baader Meinhof Komplex, Stefan Aust, 1997, Erweiterte und aktualisierte Ausgabe, 2. Auflage Hoffmann und Campe, ISBN 3-455-11230-7
  • Der Baader Meinhof Komplex, Stefan Aust, 1. Auflage der Neuausgabe 2008 Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50029-5
  • Der Baader Meinhof Komplex nach dem Buch von Stefan Aust - die Pressemappe zum Film, 2008, Constantin Film
Thomas Dapper, Thomas Dapper & Michael von Aichberger

Thomas Dapper - Seit 1993 bin ich in verschiedenen Positionen für Film und Fernsehen tätig. In der Zeit davor habe ich mich politisch engagiert ...

rss