Der Bau einer Erdgasleitung

Vom Leben entlang der Pipeline

Markierungen - Dennis Schmidt
Markierungen - Dennis Schmidt
Nicht nur von Russland nach Deutschland werden Erdgasleitungen gebaut, auch Landstriche in der Bundesrepublik werden umgepflügt. Das sorgt für Ärger bei Naturschützern.

Es will nicht aufhören. Das Geräusch von den unzähligen LKWs, die jede Stunde vorbeifahren und ihre wichtige Fracht abladen, stoppt einfach nicht. Und dann ist da ja auch noch der andere Baustellenlärm: Kräne werden positioniert; Raupen pflügen das Feld um; und hier und da schreit ein Vorarbeiter nach ein bisschen mehr Unterstützung durch seine Mitarbeiter.

Für die Kleingartenbesitzer bei Watzenborn-Steinberg in der Nähe von Gießen ist seit rund zwei Monaten eine harte Zeit angebrochen. Denn ihre Parzellen liegen direkt neben dem rund 30 Meter breiten Baustellenstreifen, der sich auf 125 Kilometern durch die Landschaft schlängelt. In der Sperrzone ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Erst kamen die Raupen. Dann die Bagger. Und irgendwann werden die Bagger noch einmal anrücken. Um die riesigen Rohre, durch die Ende des Jahres russisches Erdgas mit 100 Bar Druck jagen soll, im Boden zu versenken. In acht Metern Tiefe. Dann ist alles vorbei. Endlich.

Bis dahin machen die Kleingärtner das Beste draus. Im ersten Garten grillen die fünf Gartenfreunde fleißig eine Wurst nach der anderen. Im nächsten versucht der ältere Herr verzweifelt, die spärlichen Sonnenstrahlen des Tages auf seinem Siebziger-Jahre-Klappstuhl einzufangen.

Um die Ecke kommen gerade einige Spaziergänger, die mit ihren Hunden etwas Auslauf genießen wollen. Doch der viele Baustellenverkehr macht ein Herumtollen gar nicht möglich. Also kommen die Hunde an die Leine, bis weiter unten ins Tal. Dort sind die Bauarbeiten erst einmal abgeschlossen. Vorbei geht die aufregende Schnüffelexpedition an den unzähligen Rohren, die teils schon zusammengeschweißt, teils noch unbearbeitet eine lange schwarze Kette bilden. Für die Hunde sind sie ein perfekter Ort, an ihnen ordentlich das Revier zu markieren.

Mehr als einen Meter Durchmesser haben die Gasröhren. An der Innenwand hat sich schon eine dicke Staubschicht abgesetzt. So kann man bei genauerem Hinsehen erkennen, dass in der Nacht einige Tiere die von der Sonne aufgeheizten Rohre als Schlafplatz nutzen. Überall bilden sich Tierpfoten aus dem Staub heraus.

Dem Oberbauleiter, Karl-Heinz Schulmeistrat, an dem einen Ende der Leitung, in Weickartshein bei Grünberg, geht es nicht schnell genug. Ständig geht etwas schief. Ob der enge Zeitplan unter diesen Umständen eingehalten werden kann, ist fraglich. Wenigstens sind sie heute an der Bundesstraße fertig geworden. An der Straßenkreuzung werden nun die Absperrungen aufgebaut. Nun klafft nur noch der tiefe Graben auf beiden Seiten hervor; er bleibt offen, bis in ein, zwei Monaten die restlichen Rohre in die Erde wandern.

Wenn wenigstens die Verständigung auf der Baustelle klappen würde. Aber der Chef kann kein Ungarisch. Doch das sprechen viele der 500 Arbeiter. Eon-Ruhrgas, der große Netzbetreiber aus Düsseldorf, der künftig noch mehr Erdgas verkaufen will, nennt sie Spezialisten. Der Volksmund kennt sie aber auch als billige Arbeitskräfte.

35 Nähte schaffen sie pro Tag; bei 18 Meter langen Rohren. Doch immer wieder müssen sie ihre Schweißarbeiten für kurze Zeit stoppen. Dann steht eine Baubesichtigung an. Bauleiter, Bürgermeister, Regierungspräsident und Bürger reden aufgeregt durch- und manchmal auch miteinander. Meist geht es um die Art, wie der Acker durch eine breite Furche zerschnitten wird.

Die Grünen stehen an der Spitze des Protestes. Sie beriefen sofort eine Ortsbesichtigung ein und stellten fest: Ganz astrein läuft der Bau nicht ab. Hier tritt unkontrolliert Grundwasser aus, dort baut Eon die Gasleitung direkt durch eine wilde Müllkippe aus den Sechzigern. Eon versichert in Person ihres Pressesprechers Helmut Roloff im Gegenzug, dass alle Umweltauflagen beachtet und vor allem auch eingehalten worden sind. Nun sollen Proben von der alten Deponie entnommen und analysiert werden. Ein kleiner Erfolg. Aber auch der Regierungspräsident Gießens, Wilfried Schmied, sieht keinen Handlungsbedarf. Eine Verschärfung der Auflagen oder eine umfassendere Kontrolle kommen für ihn nicht in Frage. Doch für die Grünen bleibt ein fader Beigeschmack. Sie sehen Probleme in der Bauausführung, die ihrer Meinung nach zu lax ist. Auch die Schutzgemeinschaft Vogelsberg schließt sich der Kritik an. Die Vorsitzende Cécile Hahn haut kräftig auf die Pauke. Sie spricht von „unhaltbaren Zuständen", von ungesicherten Baustellenabschnitten, von unkontrollierten Sprengungen. Genutzt, gar geändert haben die Vorwürfe nichts.

Die Bauarbeiten gehen etwas schleppend, aber stetig voran. Bis in ein paar Wochen die Vorarbeiten abgeschlossen sind und die Rohre in der Erde verlegt werden. Dann wird es noch einmal laut werden für die Kleingartenbesitzer auf der Kuppe des Hügels. Aber auch das werden sie ohne Probleme überstehen. Grillwürstchen gelingen schließlich auch beim größten Baustellenlärm.

Dennis Schmidt, Dennis Schmidt

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